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Staatsschulden der USA: Amerika druckt sich Hunderte Milliarden Dollar

Die US-Notenbank lässt die Notenpresse schneller laufen. Sie kündigt eine dritte gigantische Aktion zum Kauf von Anleihen an. Im Verhältnis dazu wirken die Beträge der Euroretter wie Kleckerkram.

Von Thomas Schmoll

Bill Gross gehört zu den absoluten Gurus der Profianleger. Er ist Co-Chef der weltweit größten Anleihefondsgesellschaft Pimco, einer Tochter des deutschen Versicherungskonzerns Allianz. Der Finanzjoungleur führte monatelang einen verbissenen Feldzug gegen Ben Bernanke, den Präsidenten der US-Notenbank Federal Reserve (Fed). Weil die Bank für unglaublich hohe Milliardensummen amerikanische Staatsanleihen kaufte, polterte der Pimco-Manager: "Es gibt wie in einem Schneeballsystem keine Notwendigkeit, weitere Leichtgläubige (Kreditgeber) zu finden. Sie (die US-Notenbank) wird die Schecks einfach selbst ausstellen."

Gross entzog sich dem "Schneeballsystem": Pimco schmiss Anfang 2011 sämtliche US-Staatsanleihen aus seinem Besitz - und verzockte sich mächtig. Denn Anleger hatten der Eurozone den Rücken gekehrt und Amerika als Hort sicherer Geldanlage auserkoren. Anfang 2012 korrigierte sich Gross sogar und deckte sich wieder mit US-Titeln ein. Seither hält sich der Topmanager mit bösen Kommentaren über die Fed weitgehend zurück. Dabei hätte er jetzt allen Grund, wieder zu schimpfen.

Die US-Notenbank beschloss ein drittes Kaufprogramm für US-Anleihen in der Hoffnung, Amerikas schwächelnde Wirtschaft zu stärken. Bernanke kündigte an, hypothekenbesicherte Wertpapiere für 40 Milliarden Dollar im Monat zu kaufen, um den Immobilienmarkt zu stärken. Dahinter steht die Hoffnung, die Zinssätze am Hausmarkt zu drücken, um Verbraucher zum Immobilienkauf und überhaupt zum Konsum zu bewegen, aber auch, langfristige Zinsen zu reduzieren, so dass Unternehmen stärker Kredite aufnehmen und Jobs schaffen. Die Börsen in Europa und Asien reagierten bereits mit Kurssprüngen. Der Euro sprang erstmals seit Monaten über die Marke von 1,30 Dollar.

Beide Kontinente kämpfen mit der Notenpresse

Wie die Europäische Zentralbank (EZB) bei ihren umstrittenen Käufen von Staatsanleihen finanzschwacher Euroländer setzt die Fed bewusst keine Frist für ein Ende der Aktion. Die US-Notenbank ist verpflichtet, Inflation zu vermeiden und für Vollbeschäftigung zu sorgen, die EZB hat ihr Hauptaugenmerk allein bei der Preisstabilität. Die Fed will solange Milliarden in den Markt pumpen, bis sich "der Ausblick für den Arbeitsmarkt erheblich verbessert". Das kann dauern. Auch wenn sich das Vorgehen der EZB und ihrer US-Kollegen nicht rundum vergleichen lässt, so gibt es Parallelen: Beide Kontinente wollen Strukturprobleme mit der Notenpresse lösen.

Die Summen sprechen Bände und bestärken all die Kritiker, die sagen, die amerikanische Schuldenkrise sei viel dramatischer als die europäische. Kürzlich überschritten die Schulden der Vereinigten Staaten erstmals die Marke von 16.000 Milliarden Dollar. Monatlich leihen sie sich 125 Milliarden Dollar - ungefähr der Betrag, den die Kreditgeber vor einigen Monaten Griechenland nach endlosem Verhandlungspoker erließen. Hellas stand Ende 2011 mit 375 Milliarden Euro in der Kreide, was 160 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung (BIP) entsprach. Die Schulden der USA - nach wie vor absolute Wirtschaftsmacht - machten zum Jahreswechsel 103 Prozent des BIP aus. Zum Vergleich: Die deutschen Verbindlichkeiten lagen Ende 2011 bei 79 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Auch im Verhältnis zu den Ausgaben der Fed wirken die Zahlen der Euroretter wie Kleckerkram. Die EZB erwarb 2010 für 210 Milliarden Euro Staatsanleihen der Krisenländer. Schon das führte vor allem in Deutschland zu heftigen Protesten. Bernanke und seine Mitstreiter kauften bislang für 2300 Milliarden Dollar langlaufende US-Staatsanleihen sowie Hypothekenpapiere. Die Fed wird ab sofort monatlich rund 85 Milliarden Dollar lockermachen - 40 für hypothekenbesicherte Papiere und 45 für ein schon laufendes Programm zum Umtausch von kurz- in langfristige Staatsanleihen ("Operation Twist").

Bundesbankpräsident hält das für kreuzgefährlich

In der US-Notenbank tobt ebenso wie in der EZB ein heftiger Streit darüber, ob der beschrittene Weg der richtige ist. Was in Europa Bundesbankpräsident Jens Weidmann ist, der das Anschmeißen der Notenpresse für kreuzgefährlich hält, ist in den Staaten Jeffrey Lacker, Chef der Fed von Richmond. Er votierte offen gegen Bernanke. Auch andere regionale Fed-Präsidenten lehnen Bernankes Kurs ab, besitzen aktuell jedoch kein Stimmrecht. Der Fed-Chef begründet sein Vorgehen damit, dass der Abbau der Arbeitslosigkeit zu langsam gehe. Seit mehr als drei Jahren liegt die Quote der Menschen ohne Job bei über acht Prozent.

Ökonomen halten den wirtschaftlichen Nutzen weiterer Anleihekäufe für marginal bis null. Dem Einsatz von 500 Milliarden Dollar billigen sie gerade mal die Verringerung der Arbeitslosenquote um 0,1 Prozent zu. Der Wahlkampf spielt eine wesentliche Rolle in dem Konflikt um Sinn oder Unsinn der Fed-Strategie. Die Republikaner malen - nicht ohne Grund - das Inflationsgespenst an die Wand. Bernanke: "Der Kauf von Anleihen ist nicht mit Ausgaben der Regierung zu vergleichen." Mitt Romney, Herausforderer von Präsident Barack Obama, ignoriert diesen Satz. Er hat für den Fall eines Wahlsieges angekündigt, den 2014 endenden Vertrag der Fed mit Bernanke nicht zu verlängern.

Thomas Schmoll