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Zweitgrößte Volkswirtschaft liegt im Reich der Mitte: China verdrängt Japan auf Platz drei

Der ewige Zweite ist nur noch Dritter: Im zweiten Quartal 2010 hat Chinas Volkswirtschaft um 10,3 Prozent zugelegt. Japans Wirtschaft wuchs im selben Zeitraum nur um magere 0,1 Prozent.

Japan droht von China dauerhaft als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt abgelöst zu werden. Im Frühjahr wuchs die japanische Wirtschaft nach Daten vom Montag praktisch nicht mehr. Einzig der Außenhandel läuft rund, das Auslaufen der Konjunkturprogramme bremst dagegen die Binnenwirtschaft aus.

Die Wirtschaftsleistung wuchs von April bis Juni gerade noch um 0,1 Prozent, nach 1,1 Prozent in den ersten drei Monaten des Jahres. Der Zuwachs ist damit deutlich geringer als in den meisten anderen Industriestaaten. Analysten gehen zudem von einer weiteren Abschwächung in den kommenden Monaten aus, weil die Nachfrage in den wichtigsten Exportstaaten USA und China zurückgehen dürfte und der starke Yen die Ausfuhren zusätzlich belastet. Das ostasiatische Land hat damit in der Rangliste der größten Volkswirtschaften den zweiten Platz an China wohl endgültig abgetreten.

Das Bruttoinlandsprodukt in Japan lag im zweiten Quartal unbereinigt bei 1,2883 Billionen Dollar - in China waren es 1,3369 Billionen. Es sei noch zu früh, um den Titel als zweitgrößte Volkswirtschaft dauerhaft verloren zu geben, sagte Staatssekretär Keisuke Tsumura, aussagekräftiger sei die Zahl für das Gesamtjahr. Experten rechnen aber nicht damit, dass Japan im weiteren Verlauf des Haushaltsjahres wieder Boden gutmachen kann: Nur noch der Export trug im zweiten Quartal zum Wachstum bei, während der private Konsum unter der anhaltenden Deflation leidet und die Regierung wegen der hohen Verschuldung kaum noch Möglichkeiten hat, neue Konjunkturpakete aufzulegen. Schon jetzt liegt die Gesamtverschuldung in Japan bei mehr als dem Doppelten der Wirtschaftsleistung.

Peking fürchtet Überhitzung

Chinas Wirtschaft wächst dagegen kräftig: Wirtschaftsforscher rechnen damit, dass die Wirtschaftsleistung im Sommerquartal verglichen mit dem Vorjahr um 9,2 Prozent zulegt, nach 10,3 Prozent im Frühjahr. Die Abkühlung kommt der Regierung in Peking nicht unwillkommen: Sie befürchtet eine Überhitzung und Blasen am Immobilienmarkt und zieht deswegen die Zügel kräftig an. Dabei ist sie in einer komfortablen Verfassung: Angesichts der geringen Verschuldung hat sie jede Menge Spielraum, um die Binnenwirtschaft in Schwung zu halten, sollte der Export zu stark nachgeben.

Dazu kommt die Währung: Der chinesische Yuan darf nur in langsamen Schritten steigen, der Anstieg des japanischen Yen ist ungebremst. Am Montag kostete ein Dollar zeitweise nur noch 84,72 Yen, vergangene Woche war die japanische Währung zeitweise aber so teuer wie seit 15 Jahren nicht mehr. Das beunruhigt die Regierung unter Naoto Kan zunehmend, die einen allzu großen Dämpfer für die wichtige Exportwirtschaft befürchtet. Aus Regierungskreisen hieß es, Kan könnte sich noch in dieser Woche mit Zentralbankgouverneur Masaaki Shirakawa treffen, um über die Yen-Stärke zu beraten. "Ich denke, die Bank von Japan und die Regierung müssen nun klare Entscheidungen treffen, um den Yen-Anstieg zu bremsen", sagte Takeshi Minami, Experte beim Forschungsinstitut Norinchukin. Sollte der Yen zum Dollar bis auf 80 steigen, sei sogar eine einseitige Intervention am Devisenmarkt möglich.

Um die Wirtschaft anzukurbeln, hat die Bank von Japan den Leitzins bereits nahe Null gesenkt und Wertpapier-Ankaufprogramme gestartet. An den Kapitalmärkten wird nun über weitere Schritte spekuliert: Als der Yen vergangenes Jahr Richtung 85 gestiegen ist, hatte die Notenbank eine Notfallsitzung einberufen und den Geldhahn aufgedreht.

Reuters/AFP / Reuters
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