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Der stern hilft: Fünf Leser-Fälle, wie Versicherungen uns abzocken

Sie kassieren Milliardenbeiträge und finden doch oft Wege, nicht zahlen zu müssen: Versicherungen. Der stern hat Leser nach ihren Erfahrungen gefragt und gibt Antworten auf beispielhafte Fälle.

Von Joachim Reuter

Im Fall der Fälle ist so mancher Versicherungsschutz die Beiträge nicht wert.

Im Fall der Fälle ist so mancher Versicherungsschutz die Beiträge nicht wert.

Haben Sie als Versicherungskunde schlechte Erfahrungen gemacht?", fragte der stern vor rund zwei Wochen seine Leser. Grund der Frage: Trotz Beitragszahlungen in Höhe von 60 Milliarden Euro pro Jahr müssen die Deutschen immer wieder erfahren, dass sich ihre Versicherung nicht auszahlt. Im Fall der Fälle gibt es nicht selten noch ein Schlupfloch im Vertrag, das es ermöglicht, die erwarteten Leistungen dem Versicherten zu verweigern.

Strafgebühr für Wahl der Werkstatt

Ich habe eine Teilkasko-Kfz-Versicherung mit 500 Euro abgeschlossen; der Schaden betrug 550 Euro. So erwartete ich eine anteilige Zahlung von 50 Euro. Allerdings hatte ich im Vertrag übersehen, dass die Versicherung ein Zuweisungsrecht für die Werkstatt besitzt, und habe eine Fachwerkstatt in der Nähe beauftragt.

Deshalb hat die Versicherung bei der Schadensregulierung 18 Prozent "Strafgebühr" abgezogen. Nicht jedoch vom Restbetrag (550 Euro Schaden minus 500 Euro Selbstbeteiligung ), was bei den verbliebenen 50 Euro 9 Euro Strafe bedeuten würde, und mir wenigstens 41 Euro geblieben wären. Nein, die 18 Prozent beziehen sich auf den Gesamtbetrag von 550 Euro – also 99 Euro Strafe. Abzüglich der 50 Euro, die mir zugestanden wurden, konnte mir die Versicherung eine Rechnung über 49 Euro wegen Vertragsverletzung präsentieren! Versicherungstechnische Realsatire?

Johann G.

Dazu Versicherungsberater Hajo Köster, Bordesholm:
Ein typischer Fall: Versicherungskunde schließt eine Teil- oder Vollkaskoversicherung mit Werkstattbindung ab. Das heißt, dass der Schaden ausschließlich in den konzessionierten Vertragswerkstätten des Versicherers repariert werden darf, damit die Rechnung von dem Versicherer unter Berücksichtigung der Selbstbeteiligung (SB) übernommen wird. Ansonsten behält sich der Versicherer vor, die (gesamte) Schadenssumme um (hier) 18 Prozent zu reduzieren, und dann den SB abzuziehen. Der Versicherer hat in dem Fall korrekt gehandelt. Jedoch mangelte es offenbar an guter Beratung.

Berufsunfähigkeitsversicherung verzögert Leistungen

Im Januar 2013 erkrankte ich an Brustkrebs. Das meldete ich meiner Berufsunfähigkeitsversicherung (BU), da ich selbständig war und keine anderen Einkünfte hatte. Es dauerte drei Monate, bis die Versicherung die Krankenversicherung der letzten 15 Jahre abgefragt hatte und sich stichprobenartig Befunde meiner Ärzte hatte schicken lassen und ich Geld bekam. Das allerdings war bis September befristet. Dann kam die Unstimmigkeit mit dem Rechtsschutz hinzu. Da die BU niemals schriftlich mitgeteilt hat, nicht weiter zahlen zu wollen, wollte meine Rechtsschutz die Kosten für den Anwalt nicht übernehmen. Ich lebe von meinem privaten Geld, das in den nächsten Monaten zur Neige gehen wird.

Marion M.

Versicherungsberater Hajo Köster:
Diese Schilderung ist ein Standardfall: Die Berufsunfähigkeits-Versicherung wird immer (!) zunächst gründlich prüfen und wird alles versuchen, die Leistung möglichst verzögert auszuzahlen. Dann wird eine zeitlich begrenzte Rente als Abfindung angeboten. Hier ist Standhaftigkeit sowie eine Rechtsschutz-Versicherung gepaart mit einem spezialisierten Rechtsanwalt dringend erforderlich.

Überflüssige Handyversicherung

Meine Handyversicherung will den gemeldeten Schaden (Sturz) nicht regulieren. Dabei sind Beschädigungen durch Sturz vertraglich abgedeckt, und mein Telefon ist keine zwei Monate alt. Die Versicherung hat das Handy nicht mal untersucht. Man verweist auf ein nicht plausibles Schadenereignis.

Diana O.

Versicherungsberater Hajo Köster:
Handyversicherungen sind genauso überflüssig wie Sterbegeld- oder Reisegepäckversicherungen. Sie sind zudem nicht existenziell erforderlich, also unwichtig.

Keine Leistung bei Einbruch in Pkw

Als wir im Frankreich-Urlaub zum geparkten Wagen unserer französischen Verwandten zurückkamen und die Türen per Funkkontakt öffneten, stellten wir fest, dass Rucksäcke, Kosmetiktasche, drei Kameras und Medikamente im Wert von 3000 Euro gestohlen waren. Den Fall nahm die örtliche Gendarmerie auf; es gab allerdings keine sichtbaren Einbruchspuren. Sowohl die Autoversicherung unserer Verwandten als auch unsere Hausratversicherung weigerten sich zu zahlen. Was tun?

Gisela und Willi-Günter K.

Versicherungsberater Hajo Köster:
leisten bei Diebstahl aus einem Kfz wenig bis überhaupt nicht: - Die Fahrzeug-Teilkasko zahlt nur bei Diebstahl von fest eingebauten Teilen, z. B. bei dem Verlust von Felgen oder dem Autoradio; - Die eigene Hausratversicherung zahlt nur bei Wohnungseinbruch. Im Ausnahmefall (Versicherungsvertrag Hausrat deckt auch bei Kfz-Einbruch) kann mit einer Versicherungsleistung rechnen. Allerdings sind die Leistungen dann zumeist auf 500 oder 1000 Euro begrenzt. Und: die Hausratversicherung wird – ebenso wie eine Gepäckversicherung – stets einwenden, dass entweder kein Einbruch vorliegt (fehlende Einbruchsspuren) oder grob fahrlässig gehandelt wurde, Gegenstände von einem so hohen Wert im Fahrzeug zu belassen (das Auto ist kein Tresor).

Immer Ärger mit Betreibern von Solaranlagen

Meine Frau besitzt eine Photovoltaik-Solaranlage. Zum Betrieb einer solchen Anlage braucht man immer eine Gewerbeanmeldung, die Einkünfte unterliegen der Gewerbesteuer. Aktuell gibt es eine Auseinandersetzung mit dem Energieversorger wegen der Einspeisevergütung. Unsere Rechtsschutzversicherung hat es abgelehnt, den benötigten Rechtsanwalt zu bezahlen. Leider besteht auch kein Rechtsschutz gegen die eigene Versicherung.

Klaus H.

Versicherungsberater Hajo Köster:
Das ist generell ein Problem aller Solaranlagenbetreiber, die in das Stromnetz einspeisen (und damit gewerblich handeln). Benötigt werden immer: - gesonderte Betriebs-Haftpflicht, da die Privat-Haftpflicht die gewerbliche Tätigkeit nicht deckt - spezielle Rechtsschutzversicherung für den gewerblichen Bereich, weil die Privat-RS – auch die für Selbständige – nur privates Handeln abdeckt. Es gibt keine Möglichkeit, aus diesem Dilemma herauszukommen.

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