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Fragen & Antworten: Sind Eltern besser geschützt?

Das alte Prinzip der unbedingten Sozialauswahl gilt nicht mehr: Die Firmenchefs können seit Januar bei Kündigungen stärker als bisher Leistungskriterien berücksichtigen.

Ich habe vergangene Woche erfahren, dass ich mit einer Kündigung rechnen muss. Was ist besser: um den Job kämpfen oder eine Abfindung nehmen?

Eine Abfindung auszuhandeln lohnt, wenn man schnell eine neue Stelle in Aussicht hat oder bald in Rente geht. Um die Höhe der Abfindung pokern Arbeitgeber und Arbeitnehmer häufig vor Gericht. Seit dem 1. Januar gibt es eine Neuregelung: Bietet Ihnen der Chef bei einer betriebsbedingten Kündigung eine Abfindung an und Sie erheben keine Kündigungsschutzklage, haben Sie einen Anspruch auf diese Abfindung - ganz ohne Feilschen. Ihre Chance: Bei Kündigungen werden viele Formfehler gemacht. Hat Ihnen Ihr Chef abends nach der Betriebsfeier gekündigt? Vergessen Sie's, eine mündliche Kündigung gilt nicht. So gibt es fast 50 Punkte, die zu beachten sind.

Mein Vorgesetzter hat mir ein schlechtes Zeugnis geschrieben. Wie wehre ich mich?

Wer mit dem Zeugnis nicht einverstanden ist, sollte den Chef zu Korrekturen auffordern. Macht er das nicht, kann der Arbeitnehmer Zeugnisberichtigungsklage beim Gericht einreichen.

Mein Kollege macht immer wieder anzügliche Bemerkungen. Jetzt hat er mich sogar begrapscht. Wie kann ich mich wehren?

Sagen Sie dem Grapscher klipp und klar, dass Sie sich sexuell belästigt fühlen und das nicht wollen. Hört er nicht auf, schalten Sie den Betriebsrat oder den Arbeitgeber ein. Die müssen dafür sorgen, dass Sie in Ruhe gelassen werden, notfalls durch die Kündigung des Kollegen. Ganz haarig wird es, wenn Ihr Chef der Täter ist. Dann bleibt nur ein realistischer Ausweg: Kündigen Sie, und zeigen Sie ihn an, wenn Sie Beweise haben. Sexuelle Nötigung ist ein Straftatbestand!

Meine Firma zahlt seit zwei Monaten keinen Lohn mehr. Wie komme ich an mein Geld?

Bleibt der Lohn aus, sollten Arbeitnehmer eine Leistungsklage androhen. Notfalls können Sie auch Insolvenzantrag gegen die Firma stellen, um drei Monate lang Insolvenzausfallgeld zu erhalten. Wem die Kosten für Miete, Versicherungen, Essen davonlaufen, kann beim Sozialamt vorläufige Hilfe zum Unterhalt beantragen.

Mein Chef hat mir eine Abmahnung geschickt. Ich finde sie unberechtigt. Was kann ich tun?

Fordern Sie den Arbeitgeber auf, die Abmahnung aus Ihrer Personalakte zu entfernen. Schließlich ist sie die gelbe Karte vor einer verhaltensbedingten Kündigung und kann Ihnen schaden. Zieht Ihr Chef die Abmahnung nicht zügig zurück, sollten Sie vor das Arbeitsgericht ziehen.

Ich möchte nach meiner Elternzeit 15 Stunden in der Woche arbeiten. Mein Chef sagt jedoch, er könne nur noch Vollzeitkräfte brauchen.

Gesetzlich soll Teilzeit zwar gefördert werden, in der Praxis können Arbeitgeber die Wünsche ihrer Mitarbeiter aber mit dem Verweis auf "dringende betriebliche Gründe" abschmettern. Ein Gummibegriff. Welche Argumente zum Tragen kommen, ist davon abhängig, wie groß das Unternehmen ist, wie die Arbeit organisiert ist und welchen Job der Mitarbeiter macht. Eine Krankenschwester hat nach wie vor bessere Chancen, in Teilzeit zu arbeiten, als ein Chefarzt.

Ich arbeite in einem Kleinbetrieb. Das Kündigungsschutzgesetz gilt für mich nicht. Kann mein Chef mich jederzeit feuern?

Nein, auch für Kleinbetriebe mit maximal zehn Angestellten gelten Kündigungsfristen, die in Tarif- und Arbeitsverträgen oder gesetzlich festgelegt sind. Willkürliche oder offensichtlich unsoziale Kündigungen sind verboten. Entlässt ein Handwerker ausgerechnet den Familienvater unter seinen Gesellen, kann der zwar vor Gericht gehen. Klagen gegen Kündigungen haben bei Kleinbetrieben allgemein kaum Aussicht auf Erfolg, ebenso Verhandlungen über eine Abfindung.

Obwohl ich kleine Kinder habe, hat mich mein Chef entlassen. Wieso berücksichtigt er die Sozialauswahl nicht?

Die Sozialauswahl spielt nur bei betriebsbedingten Kündigungen eine Rolle, nicht bei verhaltens- oder personenbezogenen. Seit dem 1. Januar gelten neuen Regeln. Unternehmen können jetzt Leistungsträger eher im Betrieb halten, auch wenn sie weniger Sozialpunkte haben. Entscheidend für die Sozialauswahl sind generell die Dauer der Betriebszugehörigkeit, das Lebensalter, Unterhaltspflicht (Kinderzahl) und Schwerbehinderung. Wer glaubt, wegen der Sozialauswahl dürfe er nicht entlassen werden, muss vor dem Arbeitsgericht unter Umständen namentlich benennen, wer statt seiner gehen soll. Der Arbeitgeber muss dem Gekündigten zuvor alle Daten der in die Sozialauswahl einbezogenen Arbeitnehmer zur Verfügung stellen, damit der Gekündigte die Betroffenen nach weniger Schutzbedürftigen durchforsten kann.

Fachberatung: Prof. Dr. Wolfgang Däubler, DR. Jobst-Hubertus Bauer

Mathias Rittgerott / print
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