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Gesundheit: Das 1 x 1 der Kassenwahl

Neue Regeln, neue Angebote, neue Preise - die Krankenversicherungen kämpfen um Kunden. So versichern Sie sich jetzt richtig.

Gesetzlich oder privat? Diese Frage schien viele Jahre lang einfach zu beantworten zu sein: Wer genug verdient, geht zur privaten Krankenversicherung, wird vom Arzt bevorzugt behandelt und kann eine Menge Geld sparen. Für den Rest bleiben die gesetzlichen Kassen. So einfach ist das nicht mehr. Bei beiden müssen die Versicherten immer mehr Verantwortung übernehmen und selbst über das gewünschte Leistungsniveau entscheiden. Und beide Versicherungsarten haben Vor- und Nachteile: Das System der gesetzlichen Kassen beruht auf dem Solidarprinzip: Jeder zahlt nach seiner Leistungsfähigkeit einen prozentualen Teil des Einkommens ein. Doch durch Massenarbeitslosigkeit und eine alternde Gesellschaft leidet es an der schrumpfenden Zahl der leistungsfähigen Zahler. Die Privaten arbeiten nach dem Äquivalenzprinzip: Hier werden die Beiträge nach den voraussichtlichen Kosten berechnet, die ein Versicherter während der Versicherungszeit verursacht. Das System kämpft mit explodierenden Kosten - die dann an die Versicherten über erhöhte Beiträge weitergereicht werden.

Die Privaten können ganz schön teuer werden

Dass vor einem Wechsel der Krankenversicherung der genaue Blick in die Tariftabelle sinnvoll ist, zeigen die Beispielfälle auf den folgenden Seiten. Welcher Versicherungstyp der günstigere ist, hängt stark von den jeweiligen Lebensumständen der Versicherten ab: Ein Doppelverdienerpaar, beide 35 Jahre alt, mit einem Jahreseinkommen von je 50.000 Euro, zahlt in der Gesetzlichen den Höchstsatz für freiwillig Versicherte: Bei der Techniker sind das jeweils 477,79 Euro monatlich, von denen der Arbeitgeber die Hälfte übernimmt. Wechseln beide zur Barmenia, einer Privaten, zahlt der Mann nur 285,50 Euro, seine Frau 383,21 Euro im Monat - und das bei besseren Leistungen. Ersparnis nach Abzug des Arbeitgeberanteils: 143,44 Euro.

Ganz anders sieht das Bild aus, wenn die beiden eine Familie gründen und ein Ehepartner zu Hause bleibt. Die Barmenia kassiert dann nicht nur weiterhin Beiträge für beide, sondern auch noch 143,25 Euro für das Kind. Außerdem fällt bei einem Ehepartner der Zuschuss des Arbeitgebers weg. Ergibt: 562,79 Euro pro Monat, bei nur noch einem Gehalt. Bei der Techniker würde nur einer zahlen - nach Abzug des Arbeitgeberanteils rund 239 Euro.

Auch manche gesetzliche haben was zu bieten

Rund 95 Prozent aller Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen sind per Gesetz festgeschrieben, doch die restlichen fünf Prozent haben es in sich. Da bezahlt die eine Kasse Akupunktur, alternative Krebstherapie und Homöopathie, die andere nicht. Manche gewährt Vorsorgeprogramme gegen Herzinfarkt und Brustkrebs und Gesundheits-Checks ohne Altersbeschränkung. In einem Vergleich der Zeitschrift "Ökotest" unter 109 gesetzlichen Krankenversicherungen schnitt die AOK Schleswig-Holstein am besten ab. Welche Kasse welche Leistungen anbietet, finden Sie unter www.gesetzlichekrankenkassen.de

Neue Tarifmodelle nicht übereilt abschliessen

Es ist vieles im Umbruch: Große Kassen wie Techniker, Barmer, AOK und DAK experimentieren gerade mit Bonusprogrammen. So bekommen Versicherte, die bis zu einer jährlichen Obergrenze einen Teil ihrer Arztkosten selbst übernehmen, bei der AOK etwa einen Bonus von bis zu 300 Euro. Der Hamburger Versicherungsberater Rüdiger Falken rät zur Gelassenheit: "Im Moment wollen sich viele Kassen über alle möglichen Modelle und Programme interessant machen. Wie sehr diese tatsächlich den Versicherten dienen, muss sich erst noch zeigen."

Neue Zusatzversicherungen können attraktiv sein

Seit jeher ist es für Pflichtversicherte möglich, den Leistungsumfang der gesetzlichen Kassen in bestimmten Bereichen mit einer privaten Zusatzversicherung aufzubessern:

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Ambulante Heilbehandlung

Sie ermöglicht die Abrechnung wie ein Privatpatient. Zuzahlungen zu Medikamenten, Heil- und Hilfsmitteln entfallen.
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Stationäre Heilbehandlung

Hier kann der Patient das Krankenhaus frei wählen, bekommt ein Zweibettzimmer und Chefarztbehandlung.
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Zähne

Ein Zuschuss von bis zu 40 Prozent bei Zahnarztkosten ist möglich.
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Heilpraktiker

Medizinisch notwendige Besuche werden bezahlt, auch wenn die gesetzliche Kasse abwinkt.
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Auslandskrankenversicherung

Gibt weltweit Krankenversicherungsschutz und ist deutlich komfortabler als die Kostenübernahme durch die Krankenkasse.
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Krankentagegeldversicherung

Sie ist ein wichtiger Schutz für Selbstständige, um einen Verdienstausfall aufgrund von Krankheit oder Unfall abzusichern.

Diese Versicherungen dürfen jetzt auch unter dem Dach der Gesetzlichen angeboten werden. Zeitweilig waren deren Tarife sogar günstiger als die Angebote privater Zusatzversicherer, wie das ZDF-Wirtschaftsmagazin "Wiso" herausfand. Inzwischen haben die privaten Anbieter den Preiskampf angenommen und nachgezogen (siehe nachfolgender Abschnitt).

So viel kosten Zusatzversicherungen

Bei den neuen Angeboten der Kassen sollte man abwarten

Frauen und Kinder müssen privat mehr zahlen

Bei privaten Krankenversicherungen zahlt jeder Versicherte einen Beitrag, der in etwa der Höhe der Leistungen entspricht, die er voraussichtlich im Laufe seines Lebens in Anspruch nehmen wird. Das hat unangenehme Folgen: * Nicht berufstätige Familienmitglieder müssen auch Beitrag zahlen.
* Frauen berappen mehr als Männer, denn sie haben eine höhere Lebenserwartung, nehmen im Schnitt mehr Arzneimittel ein und gehen häufiger zum Arzt - auch weil sie die Kinder bekommen.

Die Privaten müssen nicht jeden nehmen

Wer ein Bruttogehalt über der Pflichtversicherungsgrenze von derzeit 3.862,50 Euro im Monat bezieht, kann zu einer privaten Krankenversicherung wechseln - vorausgesetzt, die will ihn (siehe Kasten). Denn die Privaten sind zur Aufnahme nicht verpflichtet. Und sie prüfen genau:
* Vorerkrankungen sind einer der häufigsten Ablehnungsgründe. Bei Zusatzversicherungen werden sie oft vertraglich ausgeschlossen oder kosten extra.
* Gesundheitsfragen im Antrag müssen vollständig und wahrheitsgemäß beantwortet werden. Die Unterschrift unter den Antrag entbindet Ärzte von ihrer Schweigepflicht.
* Wer älter als 64 ist, wird in der Regel nicht mehr versichert.
* Bei Zusatzversicherungen betragen die Wartezeiten zumeist drei Monate, bei Zahnersatz oder Psychotherapie sind bis zu neun Monate möglich. Erst danach werden die Leistungen übernommen.

Beim Wechsel auf den Tarif achten

Es gibt mehr als 1.500 verschiedene Tarife bei den privaten Krankenversicherungen. Je nach Alter, Beruf und persönlichen Vorlieben lassen sich individuelle Pakete schnüren, in denen von der freien Wahl des Krankenhauses über den Heilpraktiker bis zur Kontaktlinse und dem kompletten Schutz im Ausland alles enthalten sein kann - oder eben nicht. Das hängt davon ab, wie viel dem Versicherten seine Vorsorge in diesen Bereichen wert ist.

Privatpatienten werden besser behandelt

Ein Arzt kann das Mehrfache des Kassensatzes für eine Behandlung abrechnen, erst recht als renommierter Spezialist. Da verbietet sich ein Durchschleusen im Fünf-Minuten-Takt, wie es viele Kassenpatienten häufig erleben. Dass qualifizierter behandelt wird, streiten Ärztevertreter jedoch energisch ab: "Ein guter Arzt kann es sich gar nicht leisten, Kassenpatienten anders zu behandeln als Privatpatienten", sagt Robert Quentin, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein. "Das würde seinen Ruf ruinieren." Doch manchem Arzt scheint der inzwischen egal zu sein: Er behandelt Kassenpatienten nur noch im Notfall oder verlangt für spezielle Untersuchungen oder Therapien einfach gesonderte Bezahlung von seinen Patienten.

Wer kann die Krankenversicherung wechseln?

Der Weg zu den Privaten steht nicht jedem offen - und der Rückweg ist noch schwerer
Beiträge von bis zu 15,7 Prozent des Einkommens bei den gesetzlichen Kassen schrecken viele Versicherte ab (siehe Tabelle rechts). Und die Beiträge schwanken in letzter Zeit stark, denn einige billige Betriebskrankenkassen (BKK) haben sich im Wettbewerb um die Kunden verzockt und werden wieder teurer. Die großen Ersatzkassen (Barmer, Techniker, DAK) und einige der regional gegliederten Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) senken gerade sachte ihre Beiträge.
Wer in die private Krankenversicherung wechseln möchte, darf dies tun, sofern er nicht versicherungspflichtig ist. Zumeist sind das Angestellte, deren Bruttogehalt die Grenze von 3862,50 Euro übersteigt. Selbstständige oder Freiberufler können ohne jede Einschränkung wechseln, genau wie Studienanfänger und Bürger, die nicht berufstätig sind.
Doch man kann nicht ohne weiteres zurück. Der Gesetzgeber will vermeiden, dass man in jungen Jahren von den niedrigen Beitragssätzen der Privaten profitiert und als krankheitsanfälliger Alter wieder in die Gesetzliche zurückkehrt. Die Wiederaufnahme ist nur unter zwei Bedingungen möglich:
1. Man hat kein versicherungspflichtiges Einkommen und einen gesetzlich versicherten Partner, über den man dann familienversichert ist.

Privatpatienten müssen ein höheres Kostenrisiko tragen

Wenn gleich beim ersten Zwicken im Knie eine teure Kernspintomografie angeordnet wird, lehnen viele Versicherungen neuerdings die Erstattung ab. Der Haken dabei: Der Versicherte ist direkter Vertragspartner des abrechnungsfreudigen Arztes und bleibt dann auf den Kosten sitzen. "Bei uns sind 80 Prozent aller Rechnungen über 2.500 Euro falsch", beklagt Gernot Schlösser, Vorstandschef der Axa Krankenversicherung. Arno Surminski, Ombudsmann der privaten Krankenversicherer, bringt es auf den Punkt: "Die Versicherer prüfen gründlicher, haken nicht einfach alles ab. Die Ärzte dagegen versuchen, mehr herauszuholen. Dazwischen sitzt der Patient." Der Rat der Experten: Stehen größere Behandlungen an, vorher bei der Versicherung fragen.

Wer falsche Angaben macht, steht ohne Versicherungsschutz da

Spätestens bei langwierigen Krankheiten überprüfen die Gesellschaften akribisch, ob der Versicherte im Gesundheitsfragebogen sämtliche Erkrankungen vor Versicherungsbeginn detailliert aufgeführt hat. Schon die vergessene Angabe der Behandlung eines kleinen Ekzems auf dem Unterarm kann zehn Jahre später bei der Diagnose Hautkrebs Grund genug für die Versicherung sein, die Kostenerstattung abzulehnen und den Vertrag zu kündigen. Und eine andere Versicherung wird den Krebspatienten dann nicht mehr aufnehmen. Den Rest des Lebens muss er ohne Krankenversicherung bestreiten - was zu Armut führen kann. Der Rat von Wolfgang Scholl, Versicherungsexperte der Verbraucherzentralen: "Wer nicht sicher weiß, ob er alles vollständig und richtig ausgefüllt hat, sollte dies ins Formular schreiben und auf den Hausarzt verweisen."

Wann lohnt sich ein Wechsel für Rentner?

Für einen Rentner ist die gesetzliche Krankenversicherung eine preiswerte Lösung, weil sie den Beitrag an seinen Einkünften bemisst. Der Wechsel in eine private Vollversicherung ist meist nicht mehr möglich - und ohnehin nicht sinnvoll: eine Risikoprüfung erfasst sämtliche Vorerkrankungen. Da in den Jahren zuvor außerdem keine Altersrückstellung gebildet wurde, wären riesige Beiträge die Folge. Auch eine Zusatzversicherung ist aufgrund der Gesundheitsprüfung und des Alters in der Regel nicht zu empfehlen. Einzige Ausnahme: Der Rentner schließt die Zusatzversicherung über seine Krankenkasse ab, falls sie einen Tarif mit vereinfachter Gesundheitsprüfung anbietet. Dann werden weniger Gesundheitsfragen gestellt, und sie beziehen sich auf einen kürzeren Zeitraum, zum Beispiel die vergangenen drei oder fünf Jahre. Ist der Rentner bereits in einer Privaten versichert, kann der Wechsel in den Stadardtarif die letzte Rettung sein, um die zum Teil enormen Steigerungen auf Beträge bis zu tausend Euro abzufangen. Dann ist er allerding auf einem Niveau versichert, das kaum mehr dem der Gesetzlichen entspricht. Und der Standardtarif schließt ausdrücklich aus, die dürftigen Leistungen mit einer Zusatzversicherung aufzubessern.

Bei den Privaten wird es auch immer teurer

Die goldenen Zeiten sind vorbei: Private Krankenversicherungen mussten ihre Beiträge stärker erhöhen als die gesetzlichen Krankenkassen: von 1992 bis 2001 im Schnitt um 57 Prozent. Die gesetzlich Versicherten kamen mit durchschnittlich 35 Prozent davon.
Besonders bei älteren Versicherten kann die private Krankenversicherung zur finanziellen Falle werden: Ein 70-jähriger Rentner, seit den fünfziger Jahren bei der Central versichert, zahlte 1971 nur 74 Mark Beitrag und muss heute 885,97 Euro im Monat aufbringen. Würde er in den so genannten Standardtarif wechseln, käme er dank seiner hohen Alt ersrückstellung auf 127,35 Euro - allerdings bei Leistungen, die nicht an das Niveau der gesetzlichen Krankenversicherung heranreichen. Zum Vergleich: In der Techniker Krankenkasse käme er mit 123,30 Euro pro Monat aus. Aber einen Weg zurück gibt es für ihn nicht.

Mitarbeit: Claudia Bahnsen

von Sven Rohde / print