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Gesundheitsreform: Bündnis mit der Basis

Jedem Versicherten sein Hausarzt und seine Hausapotheke! Mit dieser Grundidee will Barmer-Chef Eckart Fiedler die erneut steigenden Ausgaben mindern und die Macht der Pharmaindustrie gleich mit.

Herr Fiedler, durch die Gesundheitsreform haben die Krankenkassen im vergangenen Jahr mehr als acht Milliarden Euro eingespart. Senken Sie jetzt endlich die Beiträge?

Wir haben sie ja im vorigen Jahr gesenkt.

Aber nur um lächerliche 0,2 Prozentpunkte…

Andere Kassen haben die Sätze sogar erhöht.

Dabei müssen die Versicherten vom 1. Juli an auch noch einen Sonderbeitrag von 0,9 Prozentpunkten zahlen.

Durch den Sonderbeitrag sollen die Arbeitskosten gesenkt werden. Er wird zwar immer mit dem Zahnersatz und dem Krankengeld in einen Zusammenhang gebracht, aber das stimmt so nicht. Es geht schlicht darum, den Arbeitgeberanteil zu senken. Diesen gekürzten Teil müssen künftig die Versicherten zahlen.

Die Gesundheitsreform ist also, gemessen an der lauthals versprochenen Beitragssenkung, gescheitert?

Ohne die Reform wären die Beiträge heute deutlich höher. Bei den Arzneimitteln haben wir im vergangenen Jahr immerhin 2,4 Milliarden Euro eingespart. Neue Zuzahlungen wie die Praxisgebühr haben weitere 2,4 Milliarden gebracht. Kürzungen bei Sterbegeld, Fahrtkosten und Brillengestellen ergaben noch mal eine Milliarde. Eine Milliarde kam durch die Tabaksteuer und 1,6 Milliarden durch die Beiträge, die Rentner jetzt zahlen müssen. Zählt man alles zusammen, summiert sich die Entlastung durch die Gesundheitsreform auf 8,5 Milliarden Euro.

Von diesen 8,5 Milliarden haben die Versicherten mehr als sieben Milliarden gezahlt.

Richtig. Die Pharmaindustrie hat rund eine Milliarde eingebracht, der Rest stammt von den Versicherten.

Wenn die Krankenkassen so viel gespart haben, warum senken Sie dann die Beiträge nicht kräftiger?

Weil in der Gesetzlichen Krankenversicherung insgesamt 8,3 Milliarden Euro Schulden getilgt werden müssen. Die sollen wir bis 2007 abbauen, jedes Jahr zwei Milliarden, das ist die Planung. Doch im Jahr 2004 sind bereits etwa vier Milliarden abgebaut worden, weil wir davon ausgehen, dass 2005 die Kosten wieder nach oben schießen und dass im Dezember das Geld für die Schuldentilgung knapp werden könnte.

Sie rechnen in diesem Jahr also mit Mehrausgaben von zwei Milliarden Euro?

Ja. Grund dafür sind die Arzneimittelkosten. 2004 musste die Pharmaindustrie einen zusätzlichen Rabatt auf ihre Medikamente in Höhe von zehn Prozent geben, der nun entfällt. Teuer zu stehen kommen uns vor allem die vielen Scheininnovationen. Das sind Medikamente, die nicht besser sind als das, was sowieso schon auf dem Markt ist, die aber minimal verändert wurden, um so Patentschutz zu erhalten, und für die die Konzerne dann völlig überhöhte Preise verlangen.

Vergangene Woche haben sich Vertreter der Pharmalobby mit Bundeskanzler Schröder getroffen. Die Konzerne sagen: Wir müssen noch mehr Gewinn erzielen, um in Deutschland gut forschen zu können.

Diese Klagen sind unberechtigt. Die Arzneimittelpreise in Deutschland sind im internationalen Vergleich hoch, trotz bestehender Festbeträge. Selbst Generika, also Nachahmerprodukte, sind hierzulande deutlich teurer als in anderen europäischen Ländern. Wenn die Pharmafirmen wirklich der Meinung sind, dass sie zu wenig Geld für Forschung hätten, sollten sie mal ihren Marketing-Etat prüfen. Fast alle geben inzwischen mehr Geld für Marketing als für Forschung aus.

Der Pfizer-Konzern trommelte in den vergangenen Wochen heftig gegen einen niedrigen Festpreis für sein Medikament Sortis. Haben Sie dafür Verständnis?

Sortis ist ein Cholesterinsenker, den in Deutschland 1,5 Millionen Menschen einnehmen. Er ist 30 bis 40 Prozent teurer als vergleichbare Präparate, kann aber bei maximal zehn Prozent der Patienten eine bessere Wirksamkeit entfalten. Mindestens 90 Prozent der 1,5 Millionen Sortis-Konsumenten könnten also mit einem preiswerteren Cholesterinsenker versorgt werden. Dies passiert seit Anfang 2005: Weil Pfizer den hohen Preis von Sortis nicht auf den erstattungsfähigen Festbetrag reduzieren will, verschreiben die Ärzte Sortis nicht mehr, um ihre Patienten vor überhöhten Zuzahlungen zu schützen. Pfizer wird dagegen klagen. Dabei ist Sortis nur ein Beispiel in dieser Auseinandersetzung. Es geht um die grundsätzliche Frage: Ist das Interesse der Patienten höher zu bewerten oder das Interesse der Pharmaindustrie?

Können Sie selbst Ärzte und Patienten motivieren, auf Generika umzusteigen?

Genau das planen wir mit unserem Hausarzt- und Hausapothekenvertrag. Derzeit bauen wir bundesweit ein Netz von Ärzten auf, die sich verpflichten, möglichst auf Scheininnovationen zu verzichten und gute und wirksame Generika zu verordnen. 12.000 Ärzte haben sich schon bereit erklärt mitzumachen. Bis 1. März werden es 20.000 sein. Gleichzeitig legen sich die Versicherten auf eine Hausapotheke fest. Indem Hausarzt und Hausapotheke für eine wirtschaftliche Arzneimittelversorgung zusammenwirken, werden die Arzneimittelkosten deutlich sinken. Ein Erfolg, an dem wir beide beteiligen werden.

Wie muss man sich das vorstellen? Der Arzt bekommt dann am Monatsende einen Scheck von Ihnen?

Von der Summe, die wir effektiv einsparen, gehen 30 Prozent an den Arzt, 30 Prozent an den Apotheker und 40 Prozent an die Beitragszahler der Barmer.

Welche Vorteile haben die Mitglieder der Barmer außerdem, wenn sie mitmachen?

Ein Mitglied, das sich an einen Hausarzt und eine Hausapotheke bindet, zahlt nur einmal im Jahr die Praxisgebühr. Statt maximal 40 Euro werden also nur zehn Euro fällig.

Wie viele Versicherte haben sich schon für dieses Modell entschieden?

Mitmachen können die Versicherten erst ab 1. März. Wir rechnen damit, dass sich 1,4 Millionen beteiligen, das wäre jeder fünfte Barmer-Versicherte. Die Vorteile liegen auf der Hand: Für den Patienten ist der Hausarzt ein Koordinator. Er hat alle Befunde vorliegen und kann so schneller und gezielter eine gute Therapie angehen. Zweitens ist die Versorgung besser, weil wir darauf Wert legen, dass die Hausärzte sich fortbilden und eine wirksame Medizin praktizieren.

Einige Funktionäre der Kassenärzte lehnen Ihr Modell ab, weil die Versicherten damit ihr Recht auf freie Arztwahl aufgäben.

Ich verstehe ja, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen um ihr Monopol bangen. Vor allem die Fachärzte fürchten, ausgebremst zu werden. Das ist aber nicht unser Anliegen. Der Facharzt ist als Spezialist unverzichtbar. Der erste Ansprechpartner soll aber der Hausarzt sein, er soll die Behandlung koordinieren.

Trotz Ihres Hausarzt- und Hausapothekenvertrags rechnen Sie in diesem Jahr mit zwei Milliarden Euro Mehrausgaben bei den Arzneimitteln. Wieso?

Die zwei Milliarden beziehen sich auf die Gesetzlichen Krankenversicherungen insgesamt. Wir sind zuversichtlich, dass wir bei der Barmer besser abschneiden. Es gibt zwar seit diesem Jahr Festbeträge auch für Scheininnovationen, aber das ist ein schwerfälliges Instrument, das von der Pharmaindustrie rechtlich bis zum Letzten bekämpft wird. Eigentlich gibt es keine Rechtfertigung dafür, dass wir 2005 zwei Milliarden mehr bezahlen sollen als 2004. Die Pharmaindustrie hat durchaus noch Speck. Man hätte das Niveau stabilisieren sollen.

Sind die Krankenkassen gegenüber der Pharmalobby einfach zu schwach?

Jedenfalls nicht stark genug. Deshalb sind wir dabei, den Schulterschluss mit den Hausärzten zu schaffen. Grundsätzlich ist bei den Ärzten der Einfluss der Pharmareferenten noch sehr hoch. Sie bieten einem Arzt die Chance, ein paar hundert Euro nebenher zu verdienen, indem sie ihm klinische Feldversuche honorieren, die gar nicht notwendig sind. Wir müssen dem Arzt klar machen, dass es auch bei uns finanzielle Anreize gibt, wenn er preisbewusst verordnet.

Sehen Sie auch bei den Apotheken noch Speck?

In den Apotheken gilt eine neue Preisspannenverordnung, das heißt, sie bekommen von den Gesetzlichen Krankenversicherungen pro Arzneimittel 6,10 Euro plus drei Prozent vom Umsatz. Zuvor war ihr Honorar nur umsatzabhängig. Damit entfällt für den Apotheker der Anreiz, möglichst teure Arzneimittel abzugeben, zumal die Apotheker bei der Barmer auch von der Einsparung profitieren. Außerdem verhandeln wir derzeit mit den Arzneimittelherstellern um Rabatte.

Wie muss man sich das vorstellen?

Wir wollen eine auf den Umsatz bezogene Rückvergütung vom Hersteller für Medikamente.

Wie viel Prozent des Umsatzes bekommen Sie zurück?

Darüber verhandeln wir gerade noch. Ich bin zuversichtlich, in 14 Tagen den ersten größeren Vertrag präsentieren können. Gerade im Generikamarkt tobt ein heftiger Wettbewerb. Deshalb ist die Aufgeschlossenheit groß, uns Rabatte zu gewähren, um Marktanteile zu gewinnen.

Interview: Markus Grill/Christoph Koch / print