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Krankenversicherungen: Was die Privaten bringen

Einige private Krankenversicherer planen offenbar einen radikalen Systemumbau: Eine einheitliche Versicherung für alle Deutschen soll gesetzliche und private Krankenkassen ersetzen. stern.de klärt alle Fragen zur privaten Absicherung.

Von Inga Niermann

Einige Konzerne der privaten Krankenversicherung erwägen einen radikalen Umbau ihres Systems. Statt getrennter gesetzlicher und privater Krankenkassen soll es längerfristig eine einheitliche Krankenversicherung für alle Menschen in Deutschland geben, wie die "Financial Times Deutschland" (FTD) berichtet. Offizielle Bestätigungen der Branche gibt es aber noch nicht. Sprecher der Allianz und des Ergo-Konzerns wollten sich nicht inhaltlich äußern.

Grundabsicherung für alle

Die "FTD" bezog sich auf ein GDV-Arbeitspapier, hinter dem die großen Konzerne wie Allianz, Axa oder Ergo stehen sollen. Darin werde für eine Einheitsversicherung mit Grundschutz für alle Einwohner geworben. Die bisherige private Krankenvollversicherung, die neben den gesetzlichen Kassen besteht, würde damit abgeschafft.

Eine Grundabsicherung wäre für alle verpflichtend. Angeboten würde sie von privaten und gesetzlichen Kassen zu denselben Konditionen. Alle Anbieter müssten jeden Versicherten akzeptieren, für Kinder würde der Staat die Beiträge zahlen. Daneben würde die PKV Zusatzversicherungen für Leistungen anbieten, die der Grundtarif nicht abdeckt.

stern.de beantwortet die wichtigsten Fragen zur privaten Krankenversicherung.

Wie viele Deutsche sind privat versichert?

Bis Ende 2007 war etwa jeder zehnte Deutsche – mehr als 8,5 Millionen Menschen – bei privaten Krankenkassen vollversichert. Eine Zusatzversicherung hatten knapp 19,8 Millionen Menschen.

Wer versichert sich privat?

Arbeitnehmer mit einem Bruttoeinkommen, das drei Jahre in Folge die Pflichtversicherungsgrenze von jährlich 48 150 Euro überschritten hat. Selbstständige, Freiberufler und Künstler sowie Beamte und andere Beihilfeberechtigte wie Richter, Landtags- und Bundestagsabgeordnete.

Beamte machen etwa die Hälfte der Privatversicherten aus. Rund eine Hälfte der Privatversicherten sind Männer, die andere Hälfte etwa zu gleichen Teilen Frauen und Kinder.

Wie hoch sind Einnahmen und Ausgaben der privaten Krankenversicherungen?

  • Die Beitragseinnahmen der privaten Krankenversicherungen betrugen 2007 rund 29,5 Milliarden Euro. Gegenüber 2006 belief sich das Beitragswachstum auf 3,4 Prozent. In dem Jahr erbrachten die privaten Krankenversicherer Versicherungsleistungen in Höhe von knapp 18,8 Milliarden Euro und verzeichneten damit gegenüber 2006 einen Anstieg von 5,5 Prozent. Der Bestand der Altersrückstellungen, der von Privatversicherungen gebildet wird, betrug 2007 121,5 Milliarden Euro.

Wie entwickeln sich die Versichertenzahlen?

Laut dem Verband der privaten Krankenversicherung e.V. sinkt die Zahl der Neuzugänge bei Vollversicherungen seit Jahren kontinuierlich. Die Zahl der Neuversicherungen 2007 (knapp 60 000) verringerte sich gegenüber 2006 (rund 116 000) sogar um fast die Hälfte. Der Grund war, dass der Gesetzgeber im Frühjahr 2007 die Zugangsbeschränkungen für einen Wechsel in die PKV verschärft hat.

Dagegen verbuchten die Versicherungsunternehmen bei den Zusatzversicherungen ein Plus von 7,5 Prozent: 2007 wurden knapp 1,4 Millionen neue Zusatzversicherungen abgeschlossen. Die Vollversicherungen machen allerdings bei den Versicherern mehr als 70 Prozent der Gesamteinnahmen aus.

Wie viel Geld wird an die Versicherten zurückgezahlt?

Die Versicherten, die 2006 keine medizinischen Leistungen in Anspruch genommen hatten, erhielten Beitragsrückerstattungen in Höhe von 965,5 Millionen Euro.

Wie viele Anbieter privater Krankenversicherungen gibt es?

Bundesweit sind es 48 Versicherungsunternehmen, plus die Postbeamtenkrankenkasse und die Krankenversorgung der Bundesbahnbeamten. Hinzu kommen 35 kleinere Versicherer, die aber entweder nur regional tätig sind oder nur Zusatzversicherungen anbieten. 42 Prozent der 48 Unternehmen haben mehr als 500 000 Menschen versichert, rund die Hälfte zwischen 100 000 und 500 000 Menschen.

Welche Leistungen bieten private Krankenversicherungen?

Das Leistungsspektrum ist erheblich größer als das der Gesetzlichen Krankenversicherungen. Zu den Vorteilen zählen die freie Arztwahl, wenig Wartezeiten durch Terminvereinbarung, neueste, auch alternative Behandlungsmethoden und Medikamente, freie Verschreibung aller Arzneimittel, Zuzahlungsfreiheit bei allen Medikamenten, freie Wahl unter den zugelassenen Heilpraktikern, Kostenerstattung bei Brillengläsern und -gestellen und Zahnersatz sowie im stationären Bereich freie Wahl des Krankenhauses, Chefarztbehandlung sowie Unterbringung im Ein- oder Zweibettzimmer.

Was bietet die private Krankenversicherung nicht?

Der wesentliche Nachteil der privaten Krankenversicherung gegenüber den gesetzlichen Kassen ist, dass sie keine Familienversicherung hat: Ehepartner und Kinder können nicht ohne zusätzlichen Beitrag mitversichert werden, sodass eine private Krankenversicherung bei Familiengründungen erheblich teurer werden kann als die GKV. Die Mitversicherung der Kinder ist auch dann ausgeschlossen, wenn der andere Elternteil nicht gesetzlich versichert ist und sein regelmäßiges Einkommen die Grenze von 3900 Euro monatlich überschreitet. Dagegen können Kinder in der GKV bis zum 25. Lebensjahr mitversichert werden, wenn sie sich in einer Schul- oder Berufsausbildung befinden. Zudem wird die PKV – im Gegensatz zur GKV – mit zunehmendem Alter teurer.

Wie oft wird zwischen GKV und PKV gewechselt?

Laut einer Untersuchung des Verbandes der Angestellten-Krankenkassen und des Arbeiter-Ersatzkassen-Verbandes wechselten 2003 rund 338 000 Versicherte von der GKV in die PKV. Dagegen entschieden sich nur rund 130 000 Versicherte für den Eintritt in die GKV. Damit verlor die GKV in dem Jahr 208 000 Mitglieder. Allerdings hat der Gesetzgeber für die Rückkehr in die GKV auch deutliche Hürden gesetzt. Ein Grund für eine Wiederaufnahme ist ein deutlich geringeres Einkommen.