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Tchibo-Konzern: Kaffeetasse macht auf Krankenkasse

Was darf's sein? Kaffee? Ein Kochtopfset? Oder lieber eine Krankenversicherung? Nachdem Tchibo-Filialen schon erfolgreich zu Bahnticket-Basaren umgewidmet wurden, versucht sich der Kaffeekonzern nun im Versicherungsgeschäft.

Von Jochen Brenner

Noch im September bietet das Hamburger Unternehmen online und in seinen Filialen die Mitgliedschaft in der gesetzlichen Direktkrankenkasse BIG an. Diese Vermarktungsaktion von Kasse und Handel ist ein Novum auf dem Markt gesetzlicher Krankenversicherungen. "Wir bieten den Kunden mit dem Angebot eine günstigere Alternative", sagte ein Tchibo-Sprecher.

Mit der Kooperation könnte der Markt für gesetzliche Krankenkassen in Bewegung geraten. Die Direktkasse BIG gehört mit ihren rund 235.000 Mitgliedern zwar zu den Kleineren der Branche. Wegen ihrer günstigen Beitragssätze - bei der BIG liegt er bei 12,5 Prozent - sind diese Anbieter in den vergangenen Jahren aber überdurchschnittlich stark gewachsen, während Marktführer wie Barmer, DAK oder die AOK Mitglieder verloren haben. "Für BIG kann die Kooperation ein interessanter Versuch sein, bei Tchibo weitere Kunden in einem preissensiblen Umfeld zu gewinnen", sagte Bent Lüngen von der Unternehmensberatung B-lue.

Gesundheit wird immer mehr zum Konsumprodukt. Unternehmen der Gesundheitswirtschaft stützen sich inzwischen häufig auf die Vertriebskompetenz von Handelsunternehmen. Die Drogeriekette DM weitete eine Kooperation mit der niederländischen Versandapotheke Europa Apotheek Venlo auf mehr als 80 Filialen in Nordrhein-Westfalen aus. Schlecker plant seit Monaten, über die Website Arzneimittel zu vertreiben. Auch Tchibo ist in diesem Segment schon aktiv. Im Mai verkaufte das Unternehmen in Kooperation mit der Sanicare-Apotheke eine Haus- und Reiseapotheke.

Versicherungen zwischen Kaffee und Unterhosen

Das Versicherungsangebot von Tchibo wird eine Woche in den Filialen beworben und ist insgesamt sechs Wochen online abrufbar. Kunden haben bis Jahresende Zeit, den Kassenwechsel zu vollziehen. Wer sich dafür entscheidet, erhält zudem kostenlos eine Auslandskrankenversicherung von Signal Iduna.

Bei den Wettbewerbern stößt die Kooperation weitgehend auf Ablehnung. "Der Vertrieb von Versicherungen zwischen Kaffee und Unterhosen wäre nichts für uns", sagte ein DAK-Sprecher. "Ein Kranker oder seine Angehörigen brauchen mehr als ein Telefon." Direktkrankenkassen unterhalten, anders als die großen Ersatzkassen, nur wenige Geschäftsfilialen. "Wir können uns diesen Vertriebsweg momentan nicht vorstellen", sagte ein Sprecher der Techniker Krankenkasse. Den günstigen Beitragssatz könne sich die BIG nur leisten, weil ihre Leistungen geringer ausfielen und die Verwaltung schmaler sei.

Experten warnen vor "Kassenwechsel im Vorbeigehen"

"Wir wollen einen Qualitäts- und keinen Beitragswettbewerb", sagte Stefan Etgeton vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. Eine nähere Prüfung eines Angebots wie das der BIG könne durchaus sinnvoll sein, von einem "Kassenwechsel im Vorbeigehen" rät er jedoch ab. Cornelia Nowack, Versicherungsexpertin der Stiftung Warentest, empfiehlt, Krankenkassen genau darauf zu prüfen, ob sie zum eigenen Bedarf passen. "Für Junge und Gesunde kann die BIG durchaus interessant sein."

In der BIG-Zentrale in Dortmund sieht man den Vorstoß pragmatisch: "Wir kooperieren mit Tchibo, weil es dem Unternehmen gelingt, aus spröden Themen wie der gesetzlichen Krankenversicherung eine populäre Angelegenheit zu machen", sagte eine Sprecherin. Einen Imageschaden fürchtet sie nicht: "In manchen Kreisen rümpft man über Tchibo die Nase, bei den meisten zählt aber das gute Preis-Leistungs-Verhältnis."

Ein Branchenkenner prophezeit der Kooperation allerdings eine kurze Lebensdauer. Sollte BIG Tchibo Prämien für den Vertrieb in den Filialen gezahlt haben, wäre dies gesetzeswidrig und ein Fall fürs Bundesversicherungsamt.

FTD