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Zuzahlungen: Schmerz-Limit

Krankenversicherte können sich von Zuzahlungen befreien lassen. Auf die richtigen Belege kommt es dabei an.

Als Ursula Muesfeldt ihren Eltern den Schreibkram mit den KrankenkasÊsen abnahm, ahnte sie noch nicht, worauf sie sich einließ: Beide sind weit über 70, chronisch krank und hatten in diesem Jahr für ihre Heilung schon so viel privat dazugezahlt, dass sie sich von weiteren Zahlungen befreien lassen konnten. "Allein die Bearbeitung des Antrags durch die Krankenkasse hat vier Wochen gedauert. In der Zwischenzeit sind wieder neue Belege aufgelaufen, die jetzt eingereicht werden müssen", stöhnt Ursula Muesfeldt.

Wie sollen gerade ältere Menschen das schaffen?, fragte sie sich und schrieb ans Gesundheitsministerium. Die Antwort der Patientenbeauftragten: Auszüge aus dem Gesetz zur Gesundheitsreform und der Hinweis, dass so viele Briefe kämen, dass sie keine Zeit habe, alle persönlich zu lesen.

Das Gesetz kannte Muesfeldt schon: Patienten müssen für Heil- und Hilfsmittel, zusätzlich zum Krankenkassenbeitrag, pro Jahr bis zu zwei Prozent ihres Bruttoeinkommens aus eigener Tasche zahlen. Für chronisch Kranke liegt die Zuzahlungsgrenze bei einem Prozent. Wer darüber kommt, kann sich von der Krankenkasse von allen weiteren Zuzahlungen bis zum Jahresende befreien lassen - bereits zu viel gezahlte Beträge werden erstattet.

Das bedeutet: Belege sammeln. Doch das ist gar nicht so einfach. "Ich habe jede Menge Quittungen ohne Namen bekommen", sagt Ursula Muesfeldt. In einigen Apotheken hat sie nachträglich die Quittungen mit den Namen ihrer Eltern versehen lassen. Das ist nötig, denn ohne Namen ist der Beleg für die Kasse nichts wert. Kompliziert wurde es zusätzlich dadurch, dass die Eltern bei verschiedenen Kassen versichert sind. Jede Krankenkasse zahlt natürlich nur die Kosten ihrer Versicherten. Um die Grenze der gesetzlich geregelten familiären Belastbarkeit zu berechnen, müssen aber die Kosten, die dem Partner entstanden sind, ebenfalls mit aufgelistet werden.

Viel Rechnerei - nicht nur für die Antragsteller. Bei den Krankenkassen müssen Millionen von Belegen sortiert werden. "Die Bearbeitung der Anträge auf Befreiung ist zurzeit für alle größeren Kassen das Hauptgeschäft", sagt Christine Lüer, Vorstandsvorsitzende der AOK Niedersachsen. "Wir mussten unser Personal dafür intern erheblich aufstocken." Bis Ende September waren allein bei der AOK Niedersachsen rund 220 000 Versicherte von Zuzahlungen befreit worden - bei 1,8 Millionen volljährig Versicherten (Kinder müssen nichts zuzahlen) sind das schon mehr als zwölf Prozent der Mitglieder. Bei der Techniker Krankenkasse sieht es ähnlich aus: Dort rechnet man mit 200 000 Antragstellern bis zum Jahresende.

Hilfe für Versicherte, die nicht den Überblick über geleistete Zahlungen verlieren wollen, gibt es bei großen Krankenkassen und Apotheken: Sie bieten Quittungsbücher an. Dort lässt man sich alle Zuzahlungen eintragen.

Elke Schulze / print
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