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21. Januar 2005, 19:15 Uhr

Im Netz geschlüpft

Hit-Maschine Internet: Wie das unbekannte Kinderlied "Schnappi, das kleine Krokodil" es auf Platz 1 der deutschen Charts geschafft hat.

Vom Erfolg überrumpelt: Komponistin Iris Gruttmann, ihre Nichte Joy, die das Lied singt, und Titelheld "Schnappi"

So etwas hat es noch nie gegeben: Ein Kinderlied, das im Internet berühmt wurde, hat es auf Platz 1 der Charts geschafft. Ganz ohne Werbung, ohne Auftritte, ohne Autogrammkarten. Die Plattenfirma ist begeistert, die Komponistin von "Schnappi, das kleine Krokodil" kann ihr Glück nicht fassen - nur im Internet sind viele frustriert. Und um einige Euro ärmer.

Frühjahr 2004: Noch ist das Lied, obwohl bereits auf zwei CDs erschienen, völlig unbekannt. Die Lawine bricht los, als ein Unbekannter das Lied als Musikdatei ins Netz stellt. Tausende finden "Schnappi" süß und schicken die Datei an Freunde weiter, Webseiten bieten es zum Herunterladen an, und ein paar Monate später haben unzählige Internetnutzer den Refrain im Ohr: "Schni Schna Schnappi, Schnappi Schnappi Schnapp."

Im August erhält die Komponistin und Produzentin des Lieds eine E-Mail: "Guck dir mal das Netz an, da passiert etwas mit Schnappi." Dort ist die Hölle los. "Ich bin fast umgefallen", erinnert sich Iris Gruttmann: Es gibt bereits mehr als 6000 Seiten, auf denen über "Schnappi" diskutiert wird. Drei Tage lang klickt sie sich durch die Sites. Auch andere werden aufmerksam: Radiosender bekommen Hunderte von Anfragen, mehrere Plattenfirmen buhlen um Iris Gruttmann, sie meldet Titel- und Markenschutz an und gibt Polydor (Universal) den Zuschlag. Das kleine Krokodil erhält einen Plattenvertrag, am 6. Dezember kommt die Single auf den Markt. Bislang ist sie mehr als 380 000-mal verkauft worden. Iris Gruttmann war gemeinsam mit ihrer neunjährigen Nichte Joy, die das Lied singt, bei Stefan Raab und "Top of the Pops" zu Gast, hat BBC, ABC und "Sun" Interviews gegeben, selbst eine chinesische Zeitung hat über den Krokodil-Hit berichtet. "Wir finden "Schnappi" alle total süß", sagt eine Sprecherin von Universal, "wir hatten eine richtig gute Spürnase."

Spürnase vom Dienst bei Universal ist Manager Stefan Harder. Er hat für den Konzern "zugeschnappt". Dass der Hit zuerst im Internet berühmt wurde, ist für ihn Teil des Erfolgs: "Die Fans im Netz haben "Schnappi" für sich selbst entdeckt. Er ist nicht konstruiert worden. Das hat die Menschen begeistert und ihn immer populärer gemacht."

Der Erfolg sollte milde stimmen. Denn natürlich besitzen die Halter der Websites, die das Lied bekannt gemacht haben, kein Urheberrecht an dem Titel. Im August jedoch verschickte ein Anwalt im Auftrag von Universal Abmahnungen an diverse Betreiber - mit Unterlassungserklärung und einer Rechnung über 372,36 Euro. "Das hat mich getroffen", sagt Michael Wienzek, der "Schnappi" auf seiner Site stehen hatte: "Dass die so auch kleine Summen reinholen wollen, ist rechtens, aber auch gemein. Schließlich haben wir das Lied gepusht." Das weiß auch Stefan Harder von Universal und betont, dass die Betroffenen deswegen "auf sehr humane Weise" abgemahnt worden seien.

Die Lawine rollt inzwischen weiter. Die kleine Joy nimmt weitere Lieder auf, ein Album mit "Schnappi und seinen Freunden" soll im Frühjahr erscheinen, es wird "Schnappi"-Bettwäsche geben, Figuren, Uhren, Mauspads, Schlüsselanhänger, Rucksäcke, Bücher - vielleicht sogar eine Fernsehserie beim WDR. Ein Ende ist nicht in Sicht, "Schnappi" soll langfristig Erfolg haben. Wie singt das kleine Krokodil so hungrig: "Schnapp mir, was ich schnappen kann. Ja, ich schnapp zu, weil ich das so gut kann."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 04/2005

Sven Stillich
 
 
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