Seit Jahren wählt der Langenscheidt-Verlag das Jugendwort des Jahres. Spätestens seit Susanne Daubner den Sieger mit ernster Miene in der „Tagesschau“ verliest, hat sich online ein Wettbewerb entwickelt, besonders absurde Einträge an die Spitze zu bekommen. Dieses Jahr sollen es die „Mehrzweckeier“ werden. Das dürfte vor allem Bundeskanzler Friedrich Merz wenig gefallen.
Dabei ist die Wahl durchaus ernst gemeint. Mit dem Jugendwort des Jahres soll die Veränderung in der Sprache dokumentiert werden, erklärt der Verlag. Und das mit Erfolg: Die letzten Sieger wie „lost“, „cringe“ und zuletzt „das crazy“ werden tatsächlich von vielen Jugendlichen und Erwachsenen, die es immer noch gerne wären, im Alltag benutzt. Auch bei den Mehrzweckeiern ist das zumindest online der Fall – wenn auch in einem sehr speziellen Kontext.
Mehrzweckeier: Protest gegen Merz
Das auf den ersten Blick sinnfreie Wortgebilde hat nämlich eine Bedeutung, die man zunächst kaum vermuten würde: Es drückt eine Ablehnung der Politik des amtierenden Bundeskanzlers aus. Konkret bezieht es sich auf einen Ausspruch, mit dem ein Schüler bei einer Demo seinen Protest gegen die unter Merz wiedereingeführte Wehrpflicht ausdrückte: „Merz leck Eier“ hatte der 18-Jährige auf ein Plakat geschrieben.
Das rief die Ordnungskräfte auf den Plan. Das Plakat wurde beschlagnahmt, es wurden Ermittlungen wegen „übler Nachrede und Verleumdung gegen Personen des politischen Lebens“ eingeleitet. Schüler, die auf folgenden Demonstrationen aus Solidarität denselben Slogan verwendeten, wurden vorübergehend festgenommen.
Um diesen Ärger zu vermeiden, machte schnell die Verballhornung die Runde. Dass es sich bei den Mehrzweckeiern um einen Bezug auf das Plakat handelt, daraus machen viele der Posts in den sozialen Netzwerken kaum einen Hehl. In Zusammenstellungen von Bildern wird etwa die Vielseitigkeit der Mehrzweckeier gelobt, man könne sie als Türstopper nutzen, zum Aufbocken von Stühlen – oder eben daran lecken. Illustriert wird das Ganze dann mit einer Fotomontage, in der der Kanzler an einem Ei leckt.
Kampagne um das Jugendwort des Jahres
Dass die Mehrzweckeier eine echte Chance haben, es auf der Langenscheidt-Liste weit nach oben zu schaffen, liegt an einer Online-Kampagne. Bei der Langenscheidt-Wahl werden zunächst die zehn am häufigsten eingereichten Begriffe vorgestellt, unter denen dann abgestimmt werden kann. Vor allem bei Reddit arbeiten Nutzer fleißig daran, die Neuschöpfung häufig genug einzureichen. „Ich habe meinen Teil getan“, verkündet etwa ein Nutzer unter einem Post, der den Beginn der Einreichung vermeldet.
Dass Reddit-Kampagnen Erfolg haben konnten, zeigte sich schon im Jahr 2000. Die Reddit-Gemeinschaft „ich_iel“ hatte damals den Begriff „Hurensohn“ unter die Top 10 gebracht – weil der Satz „Sprich Deutsch, du Hurensohn“ zum Running Gag geworden war. Der Verlag entschied sich allerdings, den Vorschlag von der Liste zu entfernen.
Auch bei den Mehrzweckeiern könnte das passieren. Bei der Abstimmung muss man bestätigen, keinen beleidigenden, rassistischen oder extremistischen Begriff eingereicht zu haben. Je nach Interpretation könnte Langenscheidt den Begriff als beleidigend bewerten. Auch, wenn er für die meisten vorwiegend für Protest steht.
Quellen: Langenscheidt-Abstimmung, Reddit