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Überlebenskampf an der Bildungsfront

Eine Sekundarschule in einem Berliner Problembezirk. Frau Freitag ist dort Lehrerin. Was sie über ihren Job erzählt, klingt anstrengend: "Man muss Autorität ausstrahlen, immer."

Lehrerin Frau Freitag sitzt im Klassenraum und hält sich ein Stück Kreide vors Gesicht

Frau Freitag legt Wert darauf, auf Fotos nicht erkannt zu werden

Frau Freitag heißt nicht Frau Freitag. Diesen Namen gab sich die 1968 Geborene, als sie 2009 begann, aus ihrem Schulalltag als Lehrerin in Berlin zu bloggen. Und das so erfolgreich, dass aus den Blogs Buchbestseller mit Titeln wie "Chill mal, Frau Freitag"
oder "Echt easy, Frau Freitag" wurden. Jetzt legt die Pädagogin ihr neues Buch "Für mich ist auch die 6. Stunde" vor – eine Art Überlebensratgeber für stressgeplagte Lehrer. Der stern traf Frau Freitag in Berlin zum Gespräch.

Sie sind Lehrerin, doch Ihr Buch liest sich eher wie ein Frontbericht.
Es ist oft hart. Aber Front ist dann doch etwas übertrieben.

An welcher Schule unterrichten Sie?
An einer ehemaligen Gesamtschule in Berlin, die jetzt Sekundarschule heißt. Die liegt in einem sozialen Brennpunkt. Ich habe Schüler von der siebten bis zur zehnten Klasse.

Viele mit Migrationshintergrund?
Ja, da gibt es sehr viele Kinder aus der dritten und vierten Generation von Einwanderern.

Unterrichten Sie auch Flüchtlingskinder?
Bisher vier. Und ich habe mit ihnen sehr positive Erfahrungen gemacht. Die sind hungrig nach Bildung und haben sehr schnell Deutsch gelernt. Einige sprechen unsere Sprache jetzt schon besser als ein paar meiner Berliner.

Es klingt oft wie ein einziger Überlebenskampf, was Sie beschreiben. Sie müssen quälende Verhandlungen mit Schülern führen, die ihre Jacke nicht ausziehen wollen, die im Unterricht stören, essen, telefonieren. Sie sind mit ständiger Unruhe konfrontiert.
Ja, das ist oft schwer. Man muss daran immer wieder arbeiten, sich durchsetzen und konsequent sein. Wenn der Lehrer sich nicht durchsetzt, dann übernehmen die Schüler. Allerdings darf man nicht vergessen, dass ich einen Ratgeber geschrieben habe und nur am Beispiel von schwierigen Unterrichtssituationen Tipps geben kann. Auch bei uns gibt es Stunden, die problemlos laufen.

Sie waren, so schreiben Sie, Idealistin, als Sie studierten. Sie freuten sich auf den Job. Wann haben Sie Ihren Idealismus verloren?
Ach, eigentlich habe ich ihn nicht verloren. Man wird aber nach und nach Realistin. Ich habe damals nur etwas naiv gedacht, die Schüler sitzen da, hören begierig zu und wollen lernen. Man merkt schnell, dass das nicht so ist. Und auch nie so sein wird.

Geben Sie doch mal ein Beispiel ...
Ich hatte mal zwei Schüler, die sich um einen Sitzplatz stritten. Es artete aus. Es gab ein wildes Gerangel, und am Ende war einer so wütend, dass er eine Fensterscheibe zertrümmert hat und sich verletzte. Ich war fassungslos. Heute wüsste ich, wie und wo ich rechtzeitig einschreiten müsste.

Eine Kollegin wurde von einem Schüler "Nutte" genannt. Wie hat sie reagiert?
Sie war geschockt. Das war aber auch in unserer Schule ein krasser Einzelfall, der entsprechend geahndet wurde. Das geht natürlich gar nicht.

Diese ständigen Beschimpfungen der Schüler untereinander kenne ich aus meiner Schulzeit nicht. So etwas wie: "Ich will nicht neben Vincent sitzen. Der stinkt und ist behindert."
Schön für Sie, dass Sie das nicht kennen. Sie waren ja bestimmt auch nicht auf einer Brennpunktschule. Aber ich muss Ihnen leider sagen: Der Ton ist rauer geworden mit den Jahren. Nicht nur bei uns. Aber klar: Auch da muss man einschreiten. Immer wieder.

"Ich fick deine Mutter" scheint unter den Jungs Ihrer Schule eine normale Form zu sein, um ausdrücken, dass man gerade etwas ungehalten ist.
Dazu kann ich Ihnen eine schöne Geschichte erzählen. Wir haben mal einen Elternabend veranstaltet, zu dem auch die Schüler geladen wurden. Ich setzte Murat und Serhan mit ihren Müttern an einen Tisch und sagte dann: "Murat, du bist doch so wahnsinnig interessiert an Serhans Mutter. Hier ist sie. Jetzt kannst du ihr doch endlich mal direkt sagen, was du mit ihr machen willst." Die Mütter grinsten. Sie wussten genau, um was es ging. Murat und Serhan starrten nur stumm auf die Tischplatte. Das hatte eine erzieherische Wirkung.

Sie beschreiben einen Jungen namens Tarik, eine "Mischung aus Pitbull und Baby". Der ließ sich wie ein König von anderen die Schuhe zubinden.
Ja, aber nur, weil er das selbst nicht gelernt hatte. Ihnen haben das Ihre Eltern als Kind beigebracht. Tarik nicht. Ich habʼs mit ihm dann so lange geübt, bis er es konnte.

Was eigentlich nicht Ihre Aufgabe ist.
Ich bin da pragmatisch. Es ist einfach so, dass wir heute als Lehrer immer mehr erzieherische Aufgaben übernehmen müssen, die im Elternhaus versäumt werden. Das kann man beklagen. Muss man auch. Aber dann sind die Kinder da, und man muss handeln.

Haben Sie Kontakt zu den Eltern Ihrer Schüler?
Sie kommen schon zu den Elternabenden, aber sie würden sich nie über meine Notengebung oder die Lerninhalte beschweren wie überengagierte Eltern an bestimmten Grundschulen oder Gymnasien. Bei uns geht es meistens um das Verhalten der Kinder. Ich rede dann mit ihnen über eventuelle Probleme, und dann sind sie auch einsichtig und wollen helfen. Soweit sie es können. Man darf auch den Schülern nicht immer glauben. Wenn behauptet wird: "Meine Eltern können kein Deutsch", dann stimmt das oft nicht. 

Man hat den Eindruck, auch die meisten Ihrer Schüler können nicht richtig Deutsch.
Na ja, die haben sich mit der Zeit so einen Straßen-Slang angewöhnt. Da ist die richtige Grammatik kein Schwerpunkt, um es mal so zu sagen. Die meisten können aber mehr. Es ist nur etwas verschüttet. Man muss ihnen immer wieder ganz ruhig erklären: Wenn du so redest und Arzthelferin werden willst, dann wird das nichts. Kein Mensch würde zu einem Arzt gehen, bei dem er am Empfangstresen wie auf dem Schulhof angesprochen wird.

Ey, du Opfer – wo ist Überweisungsschein?
So in etwa. Und meine Schüler verstehen das dann auch. Ich sehe ja immer wieder, was aus ihnen wird. Sehr viele kommen später ganz gut klar.

Der inflationäre Handygebrauch scheint ebenfalls ein Problem zu sein.
Ja, im Unterricht darf es nicht benutzt werden.

Und wenn doch?
Muss ich es einkassieren.

Und wenn der Schüler sich weigert?
Dann erkläre ich ihm die Konsequenzen. Er muss nach der Schule noch länger bleiben et cetera. Man muss dann unbedingt dranbleiben. Die wichtigste Regel: nie auf einen Kampf einlassen, wenn man nicht sicher ist, ihn zu gewinnen.

Sie klingen wie ein Sheriff in einem Western.
So kommt man sich auch manchmal vor. Man muss Autorität ausstrahlen. Das hat gar nichts mit Körpergröße zu tun. Es geht um Präsenz, Standhaftigkeit und Klarheit. Die Schüler spüren das.

Klingt anstrengend.
Es ist total anstrengend. Ich wäre auch dafür, dass Lehrer an Schulen wie meiner weniger Unterrichtsverpflichtungen haben und mehr Zeit für die erzieherischen, beratenden Tätigkeiten. Das wäre auch für den Unterricht besser.

Brauchen wir wieder mehr Härte und Strenge in der Schule?
Rohrstock-Pädagogik ist keine Antwort. Aber es geht um Konsequenz. Wer zu einem Schüler sagt: Wenn du das nicht machst, rufe ich deine Eltern an, und es dann nicht macht – der wird Probleme bekommen.

Mao sagte: Bestrafe einen, erziehe hundert.
Da ist was dran. Aber es muss immer gerechtfertigt sein. Schauprozesse mag ich nicht.

Aber gibt es nicht auch Lehrer, die es einfach nicht können und es auch nie lernen werden?
Die werden es hoffentlich schnell selbst merken und die Konsequenzen ziehen. Aber man muss fair bleiben. Ich mache meinen Job heute ganz gut, glaube ich, aber wenn man mich am Anfang erlebt hätte, hätte man gesagt: "Die? Du meine Güte, die packt das nie!" Kein Studium kann einen darauf vorbereiten, was einen da erwartet, wie man sich wirklich vor einer Klasse fühlt. 

Sie formulieren auch eine Art Kleiderordnung für Lehrer.
Die Schüler checken uns genau. Wie sieht die aus? Was hat die an? Man sollte so normal und neutral wie möglich aussehen. Keine kurzen Hosen oder zu kurze Röcke. Frauen immer mit BH, und nie darf die Unterhose rausgucken, wenn man vor den Schülern kniet. Was ohnehin zu vermeiden ist. Ebenso dieses mütterliche Runterbeugen, das man aus dem Kindergarten kennt. Ich kann darauf verzichten, pubertierende Jungs in meinen Ausschnitt gucken zu lassen.

Sie beschreiben eine Fortbildung, bei der Sie sich genau so benahmen wie Ihre Schüler.
Ja, das war interessant, das mal mit etwas Abstand zu betrachten. Ich habe da gesessen, mich gelangweilt, aus dem Fenster geguckt, auf meinem Handout rumgemalt, dazwischengeredet und getuschelt. Da ist mir klar geworden, was die Schüler alles leisten müssen. Den ganzen Tag zuhören und sich konzentrieren. Das ist ja auch anstrengend. 

Interessant ist Ihre Hochstand-Tiefstand- Theorie.
Das hört sich jetzt so hochtrabend an. Es geht hier lediglich darum, dass die Schüler einen nicht immer nur als den Überlegenen erleben sollten, der von oben predigt, der lehrt und fordert. Die müssen auch mal das Gefühl haben, dass sie was besser können. Also lass ich mir zum Beispiel Tipps beim Handykauf oder so etwas geben. Das finden die super. Besonders die schwierigen Schüler kann man so einfangen.

Eine Ihrer Kolleginnen aus einer Schule in Neu-Ulm hat sich kürzlich an die Öffentlichkeit gewandt, weil junge Migranten oder Deutsche mit Migrationshintergrund Sympathien für die "Charlie Hebdo"-Attentäter geäußert hatten und schlimmste antisemitische Sprüche brachten. Kennen Sie so etwas auch?
Ja, das gibt es. Und auch da muss man gegenhalten, reden, überzeugen. Argumente finden. Aber ich frage mich, ob diese Kollegin nicht ein bisschen vorschnell die Öffentlichkeit gesucht hat. Das muss man aus meiner Sicht auch ohne die Medien hinbekommen. Wenn da einer eine Kamera auf muslimische Jungs hält und entsprechend fragt, dann wissen die ganz genau, was von ihnen erwartet wird. Bad Boy. Und dann liefern sie.

Das klingt nach Verharmlosung.
Ich will keinesfalls verharmlosen. Aber ich bin Pädagogin. Man darf nie vergessen, dass Heranwachsende gern provozieren oder Dinge einfach nachplappern. Was nicht heißt, dass man das hinnehmen soll. Man muss es nur richtig einordnen.

Wie denn?
Nicht jeder, der so etwas von sich gibt, ist kurz davor, beim Islamischen Staat zu kämpfen. Im Einzelgespräch hört sich das in den allermeisten Fällen schon ganz anders an. Aber noch mal: Gegenhalten muss sein. Ich hatte das Problem in einer meiner Klassen auch. Da wurde "Jude" als Schimpfwort benutzt.

Was haben Sie gemacht?
Einen Riesenaufriss. Rumgebrüllt, dass es so was bei mir nicht gibt. Da waren die ganz geschockt. Das passiert nicht so oft bei mir. Und dann haben wir geredet. Lange. Über Religionsfreiheit, das Grundgesetz, den Holocaust.

Und hat es was gebracht?
Ja. Die meisten haben es verstanden. Und die zwei, drei Hartnäckigen habe ich mir in Einzelgesprächen vorgenommen.

Klingt wieder anstrengend.
Ja. Aber anders geht es nicht. Man muss immer gesprächsbereit bleiben. Immer!

Das Interview mit Frau Freitag ist dem aktuellen stern entnommen.

 

Interview: Kester Schlenz
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