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Ekelhaftes Altenheimessen rührt Facebook-User

Jürgen ist Frührentner und lebt im Altenheim. Als er Fotos von seinem Essen bei Facebook postet, erntet er viel Mitgefühl: Er wiegt nur 45 Kilo, aber Extraportionen sind nicht drin. Eine Freundin machte die Bilder öffentlich - weil sich was ändern muss.

  Kirschkuchen ohne Kirschen, Würstchen in Essig und püriertes Irgendwas: Jürgens Essen bietet keinen großen optischen Anreiz. Die Getränke zum Essen sind meist süß, etwa Himbeersirupwasser.

Kirschkuchen ohne Kirschen, Würstchen in Essig und püriertes Irgendwas: Jürgens Essen bietet keinen großen optischen Anreiz. Die Getränke zum Essen sind meist süß, etwa Himbeersirupwasser.

Jürgen ist 63 Jahre alt und hat bis vor wenigen Jahren als DJ gearbeitet. Vor zwei Jahren setzte ihm seine Lungenkrankheit aber derart zu, dass er Frührentner wurde. Damals hat der Nürnberger noch in seiner Wohnung gelebt, doch die wurde den Behörden zu teuer, Jürgen ist auf Sozialhilfe angewiesen. Also musste er ins Altenheim. Seit zwei Jahren lebt Jürgen nun also unter ausschließlich alten Menschen, eine Alternative war offenbar nicht denkbar. Das ist jedoch nicht Jürgens größtes Problem. Das ist nämlich das Essen.

Denn mit dem Essen in seinem Seniorenheim ist das so eine Sache. Selbst wenn sein püriertes Mahl ihm einmal schmeckt - eine schlecht sitzende Teilprothese verhindert, dass er vernünftig kauen kann - reicht die Menge für den 1,80 Meter großen Mann nicht aus. Als er auf die Frage, ob er eine kleine Extraportion bekommen könne, die Antwort "Es muss schließlich für alle reichen" erhielt, wurde Jürgen sauer. Er wiegt noch 45 Kilogramm. Er begann, sein Essen zu fotografieren und auf seinem privaten Facebook-Account zu posten. Dafür erhielt er unzählige Reaktionen von Menschen, die über ähnlich unwürdige Situationen berichten konnten. Einige wollten sogar, dass er aus seinen Fotos ein Buch macht.

Abendmahl, 24. Juni 2015: 2 Scheiben Brot, 2 Scheiben Wurst, 2 Scheiben Käse, 3 Stück Butter, 1/2 Tasse Kamillentee

Posted by Jürgen fotografiert sein Essen - Residenz Seniorenheim on Wednesday, June 24, 2015


Eigentlich ist das Pflegepersonal nett. Es hat nur keine Zeit, für niemanden

Das Altenheim, in dem Jürgen lebt, wirbt auf seiner Website mit einem wunderschönen Garten. Aber alte Menschen wird man darin nur sehen, wenn sie Angehörige haben, die sie besuchen und dorthin bringen. Das Personal hat dafür keine Zeit. Es kommt kaum zum Notwendigsten. Deshalb musste Jürgen, der kürzlich an Durchfall litt, stundenlang in seiner Kleidung ausharren, bis sie ihm jemand wechseln konnte.

Jürgens "Geschichten aus dem Heim" erzählt Eva Patricia Rußegger dem stern. Die 35-jährige Österreicherin ist Vorsitzende von Die Partei in Österreich. Als sie Jürgens Bilder bei Facebook sieht, beschließt sie, dass sich etwas ändern muss. Dass Jürgens Geschichte, die unzählige Alte teilen, Gehör finden muss. Deshalb hat der Nürnberger nun auch eine öffentliche Facebook-Seite. Rußegger verbreitet dort Jürgens Fotos, denn in Jürgens Altenheim gibt es kein W-Lan. Und noch mehr Geld für Mobilfunk kann Jürgen nicht ausgeben, er hat nur 100 Euro Taschengeld im Monat zur Verfügung. Davon muss er nicht nur seine Handyrechnung, sondern auch sein Rasierzeug oder mal ein Malzbier bezahlen.  

Rußegger postet Jürgens Essensbilder nicht, um das eine Heim anzuprangern oder gar das Pflegepersonal. Deshalb wird die "Residenz", in der Jürgen lebt, auch nicht genannt. Rußegger möchte Jürgen dabei unterstützen, Aufmerksamkeit für die Situation alter - und nicht ganz so alter - Menschen zu schaffen. Sie hofft ebenso wie er, Interessierte zu gewinnen, die ein wenig Zeit erübrigen können, die sie mit jemandem teilen möchten, der hilfsbedürftig ist. Um ihn vielleicht einmal pro Woche mit dem Rollstuhl in den Garten zu schieben. Um mal mit ihm einkaufen zu gehen.

Die Seite "Jürgen fotografiert sein Essen" existiert auf Facebook noch keine Woche und hat bereits knapp 2000 Likes. Mit etwas Glück ist darunter ja schon jemand, der seinem Interesse an den Bildern auch Taten folgen lässt. Einmal die Woche, oder so.

Kommentare (4)

  • karlranseier
    karlranseier
    Damals hat der Nürnberger noch in seiner Wohnung gelebt, doch die wurde den Behörden zu teuer, Jürgen ist auf Sozialhilfe angewiesen. Also musste er ins Altenheim.


    Das klingt doch irgendwie komisch.
    Ein Altenheimplatz ist doch wesentlich teurer oder etwa nicht?
  • Christinenrw
    Christinenrw
    es stimmt absolut,ich habe eine Freundin in einem Pflegeheim in Berlin,sie hat mir Bilder geschickt von ihrem Essen,absolut unfassbar :-(sie lebt unter Demenzkranken,geht völlig dort unter und verkümmert regelrecht..........das Essen mehr als schlecht,selten frisches Obst in Auswahl,Brot,Butter Wurst usw.immer die gleichen Sorten und reduziert,es muss für alle reichen............die Köche kochen nicht richtig,das liegt wohl nicht nur am Geld ...........es ist eine Schande wenn man bedenkt wieviel für ein Zimmer monatlich gezahlt werden muss,da würden einige in einem Hotel besser aufgehoben sein :-(
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  • franceinter
    franceinter
    Ich kann das nur bestätigen, meine Mutter war dement und musste in einem Alten- und Pflegeheim versorgt werden. Das Essen sah genau so aus und war eine Katastrophe. Fiese Industrieware zum wahrscheinlich billigsten Preis, lieblos hingestellt und genauso lieblos wieder weggeräumt. Ich konnte meine Mutter, was das Essen betraf, versorgen, aber mir hat's Herz geblutet, wenn ich gesehen habe, was die anderen essen mussten, die keine Angehörigen hatten. Heute muss ich mich selbst an den Gedanken gewöhnen, mich mal so ernähren zu müssen - in nicht allzu ferner Zeit. Als Alternative zum miesen Altenheim gibt es nur den Suizid und diese Vorstellung ist wirklich happig.
  • stern-Moderation
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