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10. November 2006, 14:42 Uhr

Leiden wie eingesperrte Labormäuse

Auf Stress reagiert unser Körper mit Fluchtinstinkten - das ist schon seit der Steinzeit so. Deshalb macht Stress vor allem die krank, die eingesperrt sind, sozial ausgegrenzt und allein. Die gesundheitlichen Folgen wiegen schwerer als bisher geglaubt. Von Dirk Böttcher

Das Hamsterrad gilt als Symbol für Stress schlechthin - dabei haben Forscher festgestellt, dass die Bewegung im Laufrad bei Labormäusen Stress sogar abbaute© Picture-Alliance/DPA

Das Experiment wiederholt sich zweimal am Tag. Die Probanden werden in kleine Boxen gesperrt und zwei Stunden lang störenden Geräuschen ausgesetzt, denen sie sich nicht entziehen können. "Gezielte Immobilisierung" nennt man das, was im Greifswalder Institut für Immunologie weißen Labormäusen widerfährt. Die reagieren so, wie es Menschen auch tun würden: mit Stress. Stress, der sich durch die häufigen Sitzungen chronisch verfestigt und dann akute Krankheitsbilder aufwirft: erhöhte Blutzuckerwerte, Stoffwechselprobleme, schwerste Beeinträchtigungen des Immunsystems, die beispielsweise bakteriellen Infektionen Tür und Tor öffnen. Stress macht krank - offenbar schwerwiegender als bisher angenommen.

Mit Stress wird heute kokettiert - es geht aber nicht um Überarbeitung

Für Christiane Schütt, Immunologie-Professorin an der Uni Greifswald, hat die Zunahme von Tumorerkrankungen, Diabetes, Allergien oder Depressionen vor allem mit einem Faktor zu tun: mit sozialem Stress in den westlichen Gesellschaften, die sich in rapidem Wandel befinden. Wie dieser auf Verhalten und Immunsystem wirkt, besprechen internationale Stressforscher in diesen Tagen auf dem 2. Stress-Symposium in Greifswald.

Es geht dabei nicht um die allgegenwärtige Hektik oder Überarbeitung. Den Stress also, dem wir alle zu unterliegen glauben. "Da von Stress zu reden ist ein Missbrauch des Wortes", sagt Christiane Schütt und echauffiert sich darüber, wie heute in der Arbeitswelt mit Stress "kokettiert" werde. "Stress ist, was man oft nicht bewusst erlebt, was aber sehr belastet", erklärt die Medizinerin. Ausgelöst durch die Pflege eines todkranken Angehörigen etwa, durch soziale oder fachliche Überforderung oder gesellschaftliche Isolation.

"Ein Aspekt, der in der Medizin lange nicht beachtet wurde", sagt Schütt und fügt an: "Uns wird jetzt erst bewusst, wie dramatisch sich das Leben in den westlichen Gesellschaften in den letzten 100 Jahren verändert hat." Wie die Labormäuse in ihrem Institut müssen die Menschen diese Veränderungen "eingesperrt" in die Gesellschaft ertragen und reagieren mit ähnlichen Krankheitssymptomen.

Noch nach Monaten Stresszeichen in Blut und Gehirn

Vor allem soziale Isolation - hervorgerufen durch Parallelgesellschaften, Arbeitslosigkeit oder Außenseitermentalität - löst Stress und damit Krankheiten aus. "Unsere Versuche bestätigen, dass soziale Isolation der mit Abstand größte Stressor ist, weit vor Elektro- oder Kälteschocks", bestätigt Bauke Buwalda von der Universität Groningen, der Versuche mit einer einzigartigen Population Wildratten praktiziert.

Mitunter wenig zimperlich: Im Labor werden fremde Ratten in geschlossene Rattengesellschaften ausgesetzt, die sofort aggressiv auf den Fremdling reagieren und diesen zurückweisen. Danach stecken die Forscher den Probanden in Einzelhaft, was bedenkliche Resultate bescherte. "Selbst wenn wir eine Ratte nur für 15 Minuten in der fremden Population aussetzten, stießen wir noch Monate später auf Stresszeichen in Blut und Gehirn", berichtet Buwalda. Interessanterweise blieben die Stressanzeichen nur in der Isolation beständig. Kehrte die Ratte in das familiäre Umfeld zurück, bauten sich sie sich schnell wieder ab.

Mit Steinzeit-Genom unter Raumfahrtbedingungen

Noch tiefer betrachten Epigenetiker das Stressphänomen. Sie fordern ein Verständnis der Medizin für die Evolution des Homo sapiens. Der lebe zwar mittlerweile unter "Raumfahrtbedingungen", wie Bram van Dam von der Uni Gerona sagt, ausgestattet allerdings mit einem "Steinzeit-Genom", das sich in den letzten eine Million Jahren gerade mal um 0,5 Prozent geändert hat.

Damals bedeutete Stress: Gefressen werden oder nichts zu fressen haben. "Die Lösung dieses Problems war prinzipiell nur durch Bewegung zu lösen", erzählt van Dam, und so sind auch die durch Stress ausgelösten Körperfunktionen zu verstehen: Anstieg des Energiestoffwechsels und Begrenzung der für Flucht oder Jagd unwichtigen Prozesse wie der Immunabwehr. Van Dam bemüht gern das Bild: "Es lohnt sich nicht gegen ein Bakterium zu kämpfen, wenn mir ein Löwe auf den Fersen ist." Dieser Ur-Stress löste sich zudem stets ziemlich schnell auf. Indem man entkam, oder eben verspeist wurde.

Über Monate in Alarmbereitschaft

Anstelle des Löwen plagen wir uns heute mit mobbenden Kollegen. Full-Time-Belastungen, die wir am Schreibtisch oder vor dem Fernseher aussitzen, wie die eingesperrte Labormaus die Beschallung. Über Stunden, Tage, Wochen, Monate befindet sich der Körper in Alarmbereitschaft, die Umverteilung der Energieströme in die Arbeitsmuskulatur wird aber nicht abgearbeitet, also in Fettzellen gespeichert. Die heruntergefahrene Immunabwehr bereitet Eindringlingen leichtes Spiel. Die Folgen: Anstieg von Fettleibigkeit, Diabetes oder Infektionen.

Laufen wirkt Wunder

Diese "Symptom-Komplexe" - von Krankheiten möchte Prof. Christine Schütt nicht sprechen - können nur von Psychiatern, Neurologen, Verhaltensforschern, Biologen, Immunologen und Psychologen im Verbund behandelt werden, da jeder Mensch über ein individuelles Stress-Bewältigungsmuster zu verfügen scheint. Es beginnt sich bereits vor der Geburt auszuprägen. "Wir wissen heute, dass es Zusammenhänge gibt zwischen Krankheiten und wie wir in den Familien und mit unseren Kindern umgehen", sagt Prof. Schütt. Es müsse sich also in der Gesellschaft etwas verändern.

Zunächst könnte aber auch bereits ein regelmäßiger Lauf Wunder wirken. Labormäuse zumindest verkraften die Beschallungssitzungen besser mit anschließenden Laufrad-Einheiten.

Von Dirk Böttcher
 
 
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