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7. Oktober 2010, 10:37 Uhr

Der Abstieg des Chefermittlers

Ihren Kampf gegen die Wettmafia muss die Uefa nun ohne Disziplinarboss Limacher führen. Der Fußball-Verband reagierte auf stern-Enthüllungen - und steht vor einem Scherbenhaufen.

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Der ehemalige Chefermittler der Uefa: Peter Limacher© Achim Scheidemann/DPA/LNW

Es war zunächst ein gemütlicher Montag im weißrussischen Minsk. Mittags verspeisten die Herren des Uefa-Exekutivkomitees im Crowne Plaza Lachshäppchen im Blätterteig.

Präsident Michel Platini parlierte über Schiedsrichter. Später jedoch hatte Generalsekretär Gianni Infantino eine brisante Personalie zu verkünden: Peter Limacher werde als Disziplinarchef des Europäischen Fußball-Verbandes zurücktreten.

Der Schweizer Limacher war der oberste Korruptionsbekämpfer der Uefa und galt europaweit als Gesicht des Kampfes gegen Wettbetrug. Jetzt ist der 47-Jährige über einen seiner Ermittler gestürzt:

Robin Boksic. Über jenen Mann, von dem Generalsekretär Infantino sagte: "Mr Boksic hat vorgegeben, jemand zu sein, der er offensichtlich nicht ist. Die Uefa wurde tatsächlich betrogen." Dass Limacher zum Rücktritt bewegt wurde, ist die Reaktion des Verbands auf stern-Enthüllungen (Nr. 38/2010 und Nr. 39/2010, stern.de vom 29. 9. 2010): Die Uefa war von dem Münchner Kroaten Boksic, der sich als BND-Agent ausgegeben hatte, genarrt worden.

Nun steht der Verband vor dem Scherbenhaufen seiner ehrgeizigen Korruptionsbekämpfung.

Viele Fragen warten auf Antworten

Chefermittler Limacher selbst hatte Boksic im Herbst 2009 angeheuert, einen vermeintlich umgedrehten Insider aus dem Wettmilieu.

Gemeinsam hatten beide gegenüber dem stern und der spanischen Staatsanwaltschaft behauptet, es existierten Dokumente, die die Bestechlichkeit des FC Bayern belegten. Eine interne Dokumentation des Weltverbands Fifa schildert zudem, wie der Uefa-Gesandte Boksic, empfohlen von Limacher, während der WM 2010 Spieler und Nationalteams gegenüber Fifa-Ermittlern als käuflich bezeichnete. Nach den stern-Berichten war Boksic gefeuert worden, dazu wurde eine interne Untersuchung eingeleitet.

Chefjustiziar Alasdair Bell, der die Nachforschungen leitet, wird einige Fragen zu beantworten haben:

Welchen ideellen Schaden hat Boksic dem Verband zugefügt?

Was stellte er mit seinen Zugängen zu den Diensten der Frühwarn-Firmen Betradar und Asian Monitor an, die verdächtige Wettbewegungen melden?

Dazu rückt nach stern-Recherchen ein anderes sensibles Projekt in den Blickpunkt: die neue "Integrity Line" der Uefa.

Das System sollte in allen Uefa-Ländern funktionieren

Im Frühjahr 2010 hatte Peter Limacher ein Angebot bei der deutschen Firma Market-Dialog erbeten. Er wollte ein Sorgentelefon sowie eine Online-Anlaufstelle für "Whistleblower" einrichten - heimliche Enthüller, die aus dem Wettmilieu stammen, oder aufrichtige Spieler, die von Betrügern zur Manipulation angestachelt werden. Zahlreiche Anrufe würden derzeit bei ihm und seinen Mitarbeitern landen, erzählte Limacher. Das System solle, so die Idee, in allen 53 Ländern der Uefa funktionieren und bis zu 600 Meldungen im Monat verarbeiten können.

Die Uefa entschied sich für das Angebot einer anderen Firma; seit wenigen Wochen ist die neue "Integrity Line" empfangsbereit.

Im hauseigenen Uefa-Bulletin schwärmt der Verband: "Die Einführung wird unsere investigativen Möglichkeiten auf großartige Weise stärken." Und auf der Homepage verspricht man: "Nur Uefa-Experten haben Zugang zu Ihren Informationen. Wir garantieren, dass das Integritäts-Portal der Uefa absolut vertraulich ist." Ausgerechnet Robin Boksic aber ist von Peter Limacher als "Mitglied der Uefa-Integritätsgruppe" ausgewiesen worden. Das Wissen der "Whistleblower" könnte folglich auch bei ihm gelandet sein.

Selbst Staatsanwälte lassen sich täuschen

Das Projekt einer Enthüllungsplattform schlingert jedenfalls schon kurz nach dem Start.

Beim Deutschen Fußball-Bund sind sie in diesen Tagen froh, kürzlich einen kühnen Plan verworfen zu haben.

Der DFB solle sich, so hatte einer seiner Spitzenfunktionäre vorgeschlagen, am Beispiel der Uefa orientieren und, genau wie Limacher, Insider aus dem Wettmilieu verpflichten.

Das DFB-Präsidium entschied sich dagegen.

"Solche Dinge sind Angelegenheiten der Staatsanwaltschaften", sagte Verbandschef Theo Zwanziger dem stern.

Aber selbst Staatsanwälte lassen sich gelegentlich austricksen.

Robin Boksic habe ja nicht nur die Uefa getäuscht, sondern auch die "deutsche Justiz", sagte Generalsekretär Infantino in Minsk. "Wir sind in guter Gesellschaft."

Von Wigbert Löer, Johannes Gunst, Christian Bergmann, Nina Plonka, Oliver Schröm, Rüdiger Barth, Andreas Mönnich

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 41/2010

 
 
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