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25. Juli 2009, 01:40 Uhr

Ein Schreibtisch in der Wildnis

T.C.Boyle, Sierra Nevada, Wassermusik, América, Die Frauen, Schriftsteller, Romane, Bestsellerautor

Boyles Heim in der Wildnis: seine Berghütte© Thomas Rabsch

Was empfinden Sie beim Beenden eines Buches?

Ein uferloses Glücksgefühl. Vergleichbar vielleicht mit einem Schuss Heroin, und ich weiß, wovon ich spreche. Wenn in einer Geschichte am Ende alle Fäden zusammenlaufen, ist das ein Gefühl der Vollkommenheit. Und deshalb will ich dieses Gefühl immer und immer wieder haben.

Sie haben eine Sucht gegen eine andere ausgetauscht.

Ich bin schreibsüchtig. Wenn ich das nicht könnte, wäre ich innerhalb eines Jahres eine Alkoholleiche.

Am nächsten Tag dröhnt mein Schädel, als hätte ich einen Eimer Batteriesäure getrunken. Und dann war da diese fette, graue Ratte. Nachts kroch sie unter meinem Bett herum. Raschelnd, rastlos und rabiat. Ich bekam kein Auge zu und wollte ein Fenster zum Lüften öffnen, aber das Schlafzimmer meiner Berghütte, die nur wenige Hundert Meter von Boyles Haus entfernt ist, hat leider keine Fenster.

Boyle dagegen ist in gelöster, fast schon unverschämt guter Verfassung. Er tänzelt auf mich zu, eine neue Spannkraft hat seinen Körper erfasst. Die Arbeit am Buch ist gut vorangegangen, das Ende ist in Sicht. Boyle ist berauscht, erfüllt von der Schönheit der Schreibsucht. "Ich arbeite immer doppelt so hart, wenn ich am Abend zuvor versackt bin."

Wir sind jetzt unterwegs auf dem "Trial of 100 Trees", einem Wanderweg, der uns vorbei an 100 Meter hohen Redwoods auf eine steinige Anhöhe führt. Von dort oben hat man einen überwältigenden Blick auf den nahtlosen grünen Baumteppich im Tal. Manchmal bleibt Boyle mitten im Gehen plötzlich stehen und schaut andächtig an den Redwoods hinauf, als wären sie Leitern in den Himmel. Auf der Autofahrt hierher redete er die ganze Zeit davon, dass uns heute vielleicht ein Kojote, ein Puma oder gar ein Schwarzbär über den Weg laufen würde. Doch alles, was wir finden, ist ein kalter weißer Haufen, von dem Boyle sagt, dass es Puma-Scheiße sei. Die Wildnis ist in seinem Kopf, sie will aber einfach nicht zu uns kommen.

Gestörte Einsamkeit

Die einzigen anderen Wesen sind vier bullige Teenager mit Bierdosen, die ihr kanarienvogelgelbes Campingzelt mitten auf der Anhöhe aufgebaut haben. Boyle hebt den Arm zum Gruß. Ein paar Meter weiter sagt er: "Weißt du, so etwas hasse ich, ich komme hierher, weil ich keine Menschen sehen will, und dann campen diese Redneck-Idioten hier! Grillen, saufen und setzen womöglich mit ihrem Scheißfeuer den Wald in Brand."

Boyle selbst ist dem Feuer im vergangenen Jahr nur knapp entkommen. Bei den kalifornischen Waldbränden fraß sich die Feuerwalze bis auf eine halbe Meile an seine Villa in Santa Barbara heran. "Ich hatte mein Haus schon fast aufgegeben." Boyle sagt so etwas ohne einen Anflug von Sentimentalität.

Wenig später sitze ich an seinem Küchentisch in der Berghütte. Überall sind Enten. Entenbilder, Entenfiguren, und auf dem Tisch stehen Ententeller. Die Hütte hat Boyle von einem Freund gemietet. Außer einem Laptop und Klamotten bringt er nie etwas mit. Er braucht die Anonymität eines Hotelzimmers zum Schreiben. Boyle steht in Jeansjacke und Wanderstiefeln am Herd in der Küche. Er kocht. Das sieht aus, als würde er die Garage ausräumen. Mit groben Handgriffen wirft er Spaghetti in den Topf und drückt aus einer Plastiktube Senf über den Brokkoli.

Boyle schaltet das Licht in der Küche aus. Wir sitzen jetzt im Dunkeln. Ich sehe nur einen großen, schwarzen Schatten mit umgedrehter Schirmmütze, der beim Sprechen dozierend mit den Armen in der Luft herumwirbelt.

Herr Boyle, in vielen Ihrer Bücher ist die Welt dem Untergang geweiht. So wie etwa in Ihrer Ökoapokalyse "Ein Freund der Erde", wo im Jahre 2025 die globale Erderwärmung die Natur in den USA zerstört hat. Sie haben also noch 15 Jahre.

Ich weiß nicht, ob es so schnell passiert, aber der Kollaps wird kommen. Überbevölkerung, Ressourcenmangel und Seuchen, die niemand mehr in den Griff bekommt. Der Mensch wird aussterben. Vorher werden wir uns aber noch die Köpfe einschlagen.

Was sagen Ihre Kinder, wenn Sie so düster vor sich hin reden?

Meine Kinder haben Hoffnung, weil sie jung sind und das Leben vor ihnen liegt. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich liebe das Leben und möchte es bis zum Ende auskosten, und solange ich schreiben kann, wird es mir gut gehen. Aber ich bin froh, dass ich nicht mehr so viel Zukunft vor mir habe.

Probieren Sie irgendetwas, um die Welt zu verbessern?

Ich habe einen Komposthaufen im Garten und recycle meinen Müll ...

... und in Ihrer Garage in Santa Barbara haben Sie fünf Autos stehen.

Wir sind fünf Leute, das bedeutet fünf Autos, so ist das leider in Amerika. Ich lebe in Kalifornien und bin ein Sklave des Autos. Ich bin kein schreibender Öko-Jesus, der übers Wasser geht.

Boyle schleppt einen Plastiksack mit Körnern auf den Balkon. "Für meine Freunde, die Waschbären. Sie kommen abends immer auf einen Snack vorbei." Er schüttet Körner aufs Geländer. Wir warten bis spät in die Nacht auf die Waschbären. Lauschen dem Rauschen der Nadelbäume und dem Klagegesang von Amy Winehouse. Die Waschbären aber, sie gehen woanders essen.

Und dann passiert es doch noch. "Da, schau!", ruft Boyle. Ich starre angestrengt ins Dämmerlicht des Waldes. Erwarte irgendetwas Großes, Böses, Wildes, aber da ist nur ein alter, grauer Kojote, der müde durchs Dickicht schleicht, so furchteinflößend wie Lassie. Er schaut gelangweilt zu uns herüber, dann humpelt er ins Unterholz und ist verschwunden. Boyle dagegen ist jetzt hellwach, er strahlt wie ein Kind. Kein Puma, kein Schwarzbär, aber ein Kojote. Er ist so erleichtert wie ein Gastgeber, der für seinen weitgereisten Besucher doch noch etwas zum Trinken im Keller gefunden hat.

Jetzt kann er sich sogar über einen Notruf aus der Zivilisation freuen. Es ist seine Frau Karen. In der Villa läuft das Klo über, und im ganzen Haus ist das Wasser ausgefallen. Boyle muss zurück, halb so wild, länger als zwei Wochen am Stück hat er es hier oben in der Einsamkeit sowieso nie ausgehalten. Dann vermisst er seine Frau und seine drei Kinder.

Nettes Angebot

Ein letztes Mal Wildnis. Wir besteigen Dome Rock, ein mächtiges Felsplateau, 2100 Meter hoch. Ein scharfer Ostwind putzt die letzten Tannennadeln vom Fels, als wir die Spitze erreichen. Eben schien noch die Sonne, doch jetzt türmen sich am Himmel betongraue Gewitterwolken auf. Am Horizont zuckt ein Blitz, Donner knallt, Wasser fällt vom Himmel. Boyle steht an der Felskante. Wir gucken den steilen Hang hinab.

"Hannes, wenn du jetzt springst, schreibe ich deinen Nachruf."

Ich schaue in den Abgrund. Dann spüre ich Boyles Hand auf meiner Schulter.

"Lass uns lieber noch ein letztes Bier zusammen trinken."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 30/2009

Von Hannes Ross
Seite 1: Ein Schreibtisch in der Wildnis
Seite 2: Was empfinden Sie beim Beenden eines Buches?
 
 
KOMMENTARE (2 von 2)
 
flyingfree (26.07.2009, 06:51 Uhr)
Verdammt richtig
"Der Mensch wird aussterben. Vorher werden wir uns aber noch die Köpfe einschlagen."
Beides ist sicher und es wird nicht mehr lange dauern.
tintones (26.07.2009, 02:58 Uhr)
Frank Lloyd Wright
heisst der Architekt Frau Heidenreich ... nicht Richard.
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