Sein Lehrbuch "Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?" schrieb Richard David Precht mit der Absicht, Menschen zum Denken anzuregen. Ein höchst erfolgreiches Projekt: Seit Wochen führt Precht die Bestsellerliste an. Hausbesuch bei einem Mann mit Mission. Von Andrea Ritter

Richard David Precht, 43, in seiner Kölner Wohnung. Das Gemälde stammt aus einem Theaterfundus und zeigt den Sowjetspion Richard Sorge© Dominik Asbach
Den Elfenbeinturm hat er nie gewollt. Nicht, dass er ihn nicht hätte haben können: Studium der Germanistik und Philosophie zackig in acht Semestern absolviert, die Promotion mit 30 in der Tasche - und immer beste Noten. Einer Hochschulkarriere hätte nichts im Weg gestanden, aber er gehörte nun einmal nie zu diesen angepassten blassen Studenten, die sich im Rücken ihres Professors den Weg durch die Universitäten bahnen.
So klingt es, wenn Richard David Precht über Richard David Precht redet. Und so klingt es auch nicht. Precht gehört zu den Menschen, die auf entwaffnende Art von sich selbst überzeugt sind. Man kann sich gut vorstellen, wie er mit dieser Art seine Kommilitonen wahnsinnig gemacht hat, damals, an der Kölner Uni. Dieser hübsche Typ mit den hohen Wangenknochen und den großen blauen Augen, den hätte man gern als oberflächlichen Schönling abgestempelt. Doch gerade mit ihm konnte man die besten Abende verbringen, bei Rotwein, Spaghetti und guten Gesprächen. Precht, das merkt man schnell, redet nicht nur begeistert über Precht. Auch andere Themen entfachen bei ihm dieselbe Euphorie. Zum Beispiel Elefantenrüsselfische.
Noch etwas desorientiert, weil gerade erst frisch eingezogen, schwimmen die üblicherweise im Niger beheimateten Fischlein durch das tonnenschwere 800-Liter- Aquarium in Prechts Wohnküche - und das ist natürlich kein Zufall. Elefantenrüsselfische sind etwas ganz Besonderes. "Sie leben sozial und haben im Verhältnis zum Körper ein besonders großes Gehirn", sagt Precht. Das ideale Haustier also für jemanden, der sich auch sonst für Neurobiologie und Verhalten interessiert.
Der Mensch als "kluges Tier" - diese Analogie von Friedrich Nietzsche steht am Anfang von Richard David Prechts Philosophie- Buch "Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?". Seit 22 Wochen steht es auf der stern-Bestsellerliste, hat sich bisher über 270.000-mal verkauft und Hape Kerkelings Pilger-Buch "Ich bin dann mal weg" vom Thron gestoßen.
Der Untertitel "Eine philosophische Reise" mag ein gutes Verkaufsargument sein - doch um eine Reise, sei es nun ins Innere oder gar zum persönlichen Glück, geht es bei Precht nicht. Sein Buch richtet er an jene, die sich einen Überblick verschaffen wollen: Wo steht die Forschung gerade bei der Frage, was den Menschen ausmacht? Wie ist sie dahin gekommen? Welche Antworten hat sie bisher gefunden? Und welche Grenzen muss sie sich gegebenenfalls setzen?
Precht, der nicht nur als Wissenschaftsjournalist arbeitet, sondern auch zwei Romane geschrieben hat, verpackt Erkenntnisse und Fragestellungen aus Philosophie, Psychologie und Hirnforschung zu anekdotenreichen Episoden. Dazu gehören auch vage Feststellungen, bei denen man gern nachhaken würde - wie etwa bei der, dass man Menschen nicht klonen dürfe, weil Menschen ein "natürliches Bedürfnis" hätten, sich selbst "als einzigartig zu empfinden". Was heißt hier "natürlich"? Und wer weiß, ob ein Klon das nicht ganz anders sähe? Aber genau darum geht es Precht: Er will seine Leser zum Nachdenken anregen. Und sie nicht überfrachten.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 30/2008