Der Kampf ums Sorgerecht gehört zu den bittersten Schlachten, die Mann und Frau führen. Douglas Wolfsperger hat jahrelang vergeblich um seine Tochter gekämpft und daraus den Dokumentarfilm "Der entsorgte Vater" gedreht. Sein Film ist eine wütende Anklage: gegen Mütter und gegen Richter. Von Johannes Gernert

Douglas Wolfspergers Dokumentation "Der entsorgte Vater" schildert sein eigenes Schicksal© GM Films/DPA
Im Mai 2008 verabschiedet sich Douglas Wolfsperger von seiner Tochter. Sie treffen sich in einem Besprechungszimmer, an einem langen Tisch mit vielen Stühlen. Die Tochter wird aus einem Nebenraum gebracht. Dort hat sie mit der Mutter gewartet. Er fragt nach der Schule. Sie antwortet kaum, rührt sich nicht. Wie eine Gefangene, denkt er. Statisch, versteinert. Nach einer Dreiviertelstunde macht der Verfahrenspfleger, den das Gericht eingesetzt hat, Abschiedsfotos. "Ist es dir auch nicht unangenehm?", fragt er die Tochter jedes Mal, bevor er abdrückt. Dann wird sie zurück zu ihrer Mutter gebracht. Wolfsperger verlässt das Büro. Er weiß nicht, ob er sein Kind jemals wiedersehen wird.
Ein Jahr nach dem Zwangsabschied von seiner Tochter sitzt Douglas Wolfsperger auf einem samtroten Plüschsessel in seiner Erdgeschoss-Wohnung in Berlin. Die Verandatür ist offen, draußen zwitschern Vögel. "Ich bin immer noch fassungslos", sagt er. Er holt das Abschiedsbild, golden gerahmt. Seine Tochter schaut streng. Er lächelt hinter ihr, ganz vorsichtig. Als er neun Jahre alt war, starb sein Vater, sagt Wolfsperger. Er konnte die Urne sehen, wie sie in der Erde verschwand. Seine Tochter ist jetzt elf. Er lebt. Und trotzdem soll er für sie gestorben sein? Seine Frau möchte das so, sagt er. Sie verhindere den Kontakt.
Wolfsperger hat eine Dokumentation gedreht. "Der entsorgte Vater". Der Film erzählt seine Geschichte und die von Männern, denen es genauso geht. Männer, die ihre Kinder gar nicht oder so selten sehen dürfen, dass sie sich kaum noch wie deren Väter fühlen. Die Schuld geben sie den Müttern - und den Gerichten, die meist zu Gunsten der Mütter ihrer Kinder entscheiden. Die Zahlen des Statistischen Bundesamts belegen das: Nur in jedem achten umstrittenen Fall bekommt der Vater das Sorgerecht, in jedem zweiten die Mutter. Alle Macht den Müttern - die Richter geben ihnen Recht.
Spätestens seit der Journalist Matthias Matussek vor zwölf Jahren im "Spiegel" ein wütendes Pamphlet mit dem Titel "Der entsorgte Vater" veröffentlich hat, dringt diese Erkenntnis immer stärker ins öffentliche Bewusstsein. Väterverbände wie "Väteraufbruch" kämpfen dafür, nicht als Goldesel ohne Rechte missbraucht zu werden. Auf der Internetseite papa-lauf.de präsentieren sich abgeschobene Erzeuger, die als Marathonläufer für Väterrechte demonstrieren. Aus Protest hat sich Fernsehschauspieler Mathieu Carrière vor drei Jahren ans Kreuz nageln lassen. Er forderte die Gleichstellung beim Sorgerecht. Kollege Sky du Mont hat sich jahrelang, teils öffentlich, um seinen Sohn bemüht. Douglas Wolfsperger kämpft jetzt mit seinem Film.
Seine Tochter Hanna* wird 1998 geboren. Ein Jahr später trennt sich seine Freundin Eva* von ihm. Er sagt ihr: "Ich möchte für dieses Kind der Vater bleiben." Aber Eva heiratet einen alten Freund. Wolfsperger merkt: Sie wollen eine neue Familie - mit seiner Tochter, ohne ihn. "Das war der Einstieg in den Umgangskampf", sagt er. Es beginnt eine jahrelange Auseinandersetzung. Gerichtsverfahren, Gutachten. Richter setzen Zeiten fest, zu denen er Hanna sehen darf. Manchmal, wirft er ihr vor, sagt die Ex-Freundin Treffen einfach ab, zögert Verhandlungen hinaus, so dass er seine Tochter jahrelang nicht sieht.
Eine Umfrage des Vereins "Väteraufbruch" hat 2008 herausgefunden: Mehr als 50 Prozent der Väter sagen, sie hätten sich um das gemeinsame Sorgerecht bemüht. Die wenigsten bekommen es. 73 Prozent vermuten, die Mutter wolle allein entscheiden, falls ein Konflikt auftritt. Psychologen sprechen vom "Maternal Gatekeeping", wenn Frauen den Vater vom Kinde fernhalten. Eine "merkwürdige Mutterideologie", sagt Väterforscherin Inge Seiffge-Krenke im Gespräch mit stern.de. Manche hätten Angst, sie würden das Kind und damit ihren Selbstwert verlieren.
Wolfsperger hatte es nach der Geburt schlicht verschlafen, das Sorgerecht zu beantragen. Er spricht vom Hass der Mutter "mir gegenüber". Er hatte das Gefühl, dass sie ihm sein Kind nehmen möchte. Einmal will er seine Tochter abholen. Sie hält sich am Bein des neuen Vaters fest. Der fragt Wolfsperger, ob er nicht sehe, dass Hanna nichts von ihm wissen wolle. Sie scheut tatsächlich vor ihm zurück. Wolfsperger nimmt seine Tochter auf den Arm und geht mit ihr weg. Der neue Vater folgt ihm und versucht, ihn festzuhalten. Wolfsperger tritt aus. Wenig später wird er angezeigt: schwere Körperverletzung. Er rastet häufiger aus. Es folgt eine zweite Strafanzeige.
Mit seinem Verhalten traumatisiere er das Kind, argumentieren die Mutter und ihr Anwalt. Im Januar 2007 schreibt seine Tochter ihm einen Brief: Sie wolle ihn nicht mehr sehen. Sie ist neun Jahre alt. Trotz des Briefs wird das Kind von der Arbeiterwohlfahrt auf ein Treffen mit ihrem Vater vorbereitet. Aber sie will nicht, sie sperrt sich. Im Frühjahr 2008 stellt ein Berliner Gericht fest, dass die Tochter Ruhe brauche. Wolfsperger solle sich von ihr verabschieden. Wenn er das nicht tue, laufe das zermürbende Verfahren weiter. Er geht darauf ein. Er sieht keinen anderen Ausweg.
Douglas Wolfsperger holt ein Fotoalbum. Alte Bilder von Hanna. Sie essen Eis und lachen. Es ist seine Vergewisserung: Zusammen ging es ihnen einmal gut. Dass sie ihm den abweisenden Brief geschrieben hat, dass sie bei ihrem letzten Treffen so kalt war, dafür hat er eine Erklärung gefunden. Entfremdungssyndrom, sagt Wolfsperger. Ein Kind fühlt sich hin- und hergerissen, ein Loyalitätskonflikt. Es hat bereits ein Elternteil verloren und will das andere nicht auch noch verlieren. Also stellt es sich radikal auf dessen Seite. Oft auf die Seite der Mutter. Die Gerichte unterstützten diese Entscheidung.
Lesen Sie weiter, warum Gerichte oft gegen die Väter entscheiden und was für gesellschaftliche Folgen die Vaterlosigkeit vieler Kinder hat
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