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3. März 2010, 12:46 Uhr

"Der Westen bestimmt, wie es bei uns war"

Michael Gwisdek gehört zu Deutschlands renommiertesten Schauspielern. Er hat mehr als 100 Filme in Ost und West gedreht. Im stern.de-Interview erzählt er, worin sich die Filmarbeit in beiden Staaten unterscheidet - und warum die DDR immer so einseitig dargestellt wird.

© DPA Michael Gwisdek Der 1942 in Berlin-Weißensee geborene Michael Gwisdek gehört zu den wichtigsten Schauspielern des Landes, er drehte mit nahezu allen bedeutenden Regisseuren in Ost und West. In der DDR arbeitete er u.a. mit Frank Beyer, Kurt Maetzig oder Heiner Carow, in Westdeutschland mit Hark Bohm und Bernhard Wicki. Nach der Wende drehte er mit Wolfgang Becker, Oskar Roehler, Leander Haußmann und Andreas Dresen. Für seine darstellerischen Leistungen erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Silbernen Bären als bester Hauptdarsteller auf der Berlinale 1999. Er führte zudem bei drei Filmen selbst Regie. Gwisdek war von 1985 bis 2007 mit der Schauspielerin Corinna Harfouch verheiratet. Aus dieser Ehe ging der gemeinsame Sohn Robert hervor, der auch Schauspieler ist. Aktuell ist er im Kino in dem Film "Boxhagener Platz" zu sehen.

Herr Gwisdek, Sie haben in der DDR und im Westen Filme gedreht. Worin unterschied sich das Filmemachen?

Der wesentliche Unterschied ist, dass man in der DDR unendlich viel Zeit hatte und Geld keine Rolle spielte. Man stand nicht unter materiellem Druck. Wenn die Wolken falsch standen, haben wir eben drei Tage gewartet, bis sie richtig standen. Niemand sagte: Wir müssen heute drehen, jeder Drehtag kostet. Kostete überhaupt nichts. Alle haben ihr Gehalt auch so gekriegt, ob sie drehen oder nicht. Es war scheißegal, wie viele Tage das gedauert hat.

Ihr aktueller Film "Boxhagener Platz" erzählt eine Geschichte über das ganz normale Leben in der DDR. Das ist selten - die meisten Filme über diese Epoche sind entweder klamaukige Nostalgie oder düsteres Stasi-Drama. Warum gibt es so wenige Filme, die vom Alltagsleben erzählen?

Weil man das nicht so sehen will. Entweder will man den Unrechtsstaat sehen oder man will sich über die Mangelgesellschaft lustig machen. Dass es so etwas wie "normales Leben" in der DDR gegeben hat, können sich die meisten nicht vorstellen. Ein Leben, ohne dass man ständig einen von der Stasi im Rücken hatte oder immer feststellte, es gibt kein Toilettenpapier und keine Bananen. Es haben auch wunderbare Gespräche stattgefunden und es wurden wunderbare Träume geträumt und es hat Liebesgeschichten gegeben. Ich glaube, dass es langsam Zeit wird, auch differenzierte Filme über die DDR zu drehen.

Woher kommt denn die Ignoranz gegenüber dem Leben in der DDR?

Wenn man einen Film macht, braucht man Geld. Das kriegt man nur, wenn man klarmacht, dass für diesen Stoff ein Publikum gibt. Aber wer bestimmt denn, was das Publikum sehen will? Es gibt Leute, die glauben es zu wissen - deswegen entstehen die immergleichen Klischee-Filme.

Es gab zuletzt zahlreiche Filme, die eine Liebesgeschichte zwischen Ost und West zum Thema hatten. Am Ende gibt es stets ein doppeltes Happyend: Wie die Liebenden fanden auch die beiden getrennten deutschen Staaten wieder zusammen. Würden Sie mit Ihrer heutigen Erfahrung sagen, dass die Wiedervereinigung ein Happyend war?

Das ist immer die erste Geschichte, die sich anbietet: Die Königskinder, die nicht zueinander finden. Das hat mit der DDR an sich wenig zu tun. Ich kann's schon nicht mehr sehen, wenn sich die Mauer öffnet und die Trabis rüberfahren. Und dann immer die Stasi. Natürlich sind Leute an der Stasi kaputt gegangen. Aber die DDR nur immer darauf zu reduzieren, halte ich für falsch. Es gab wesentlich interessantere Aspekte. Das Zusammenleben in einer Gemeinschaft, in der alle im selben Boot sitzen, alle im selben Gefängnis sitzen. Da gibt es eine Million Geschichten: Wenn alle gleich sind, alle das gleiche Geld verdienen, alle den gleichen Wein trinken - da entsteht etwas Besonderes. Diese Stoffe müssen noch kommen. Es ist leider so, dass der Westen uns übernommen hat und auch die Filme über uns macht und so bestimmt, wie es bei uns war.

Sie durften schon zu DDR-Zeiten im Westen arbeiten und wussten daher, was bei der Wiedervereinigung auf Sie zukommt. Waren Sie trotzdem von der Wucht des Einigungsprozesses überrascht?

Ja, natürlich war ich davon überrascht. Unser Widerstand fand im Theater statt, wo wir ein bisschen mehr das Maul aufgemacht haben, weil wir ja Künstler waren und man uns nicht so einfach deckeln konnte. Als dann die Mauer fiel, waren wir alle der Ansicht, jetzt machen wir eine DDR die funktioniert. Wir wussten alle, diese Regierung geht überhaupt nicht, die muss komplett weg. Dass das so schnell kippte, war uns nicht klar. Als das Westgeld kam, war der Prozess nicht mehr zu stoppen. Alle wollten ein Westauto haben, das war dann viel wichtiger. Die Mangelgesellschaft war am Ende - das war der Grund für das Ende der DDR.

War die Reibung mit dem politischen System in der DDR wichtig, um große Kunst entstehen zu lassen?

Das gab es auch im Westen. Es gibt immer engagierte Künstler, die den Finger in die Wunde leben, in Ost wie West.

Ihr Sohn Robert ist auch Schauspieler geworden. Geben Sie Ihre Erfahrungen an ihn weiter?

Wir haben ein gutes Verhältnis, deswegen kriegt er viel von mir mit. Ich gebe das aber weder als Lehrer noch als Vater weiter, sondern als Diskussionspartner. Ich bin sehr geehrt, wenn er mich auf Augenhöhe akzeptiert und mir zuhört. Ich habe ihm aber nie gesagt, wo es langgeht. Das kann ich nicht. Ich bin selber noch in der Entwicklung. Dieser Beruf ist so aufregend, dass man keine festen Regeln lehren kann. Was die jungen Leute lernen müssen, ist Disziplin und Ethik.

"Boxhagener Platz" Regisseur Matti Geschonneck erzählt in der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Torsten Schulz eine unspektakuläre Geschichte über das Alltagsleben in der DDR des Jahres 1968. Erzählt wird die Liebesgeschichte einer alten Frau und eines alten Mannes. Es geschieht aber auch ein Mord, und immer wieder streift die politische Großwetterlage die Geschichte. Neben Gwisdek sind Gudrun Ritter, Jürgen Vogel, Meret Becker und Samuel Schneider zu sehen. Der Film kommt am 4. März in die Kinos.

Interview: Carsten Heidböhmer
 
 
KOMMENTARE (10 von 38)
 
Honkytonky (05.03.2010, 11:45 Uhr)
Lieber Weihnachtsbaum!
Mit derlei Visionen ist nicht zu spaßen, Sie sollten lieber heute als morgen zum Arzt gehen. Eventuell fällt dem noch was ein, um Ihnen aus Ihren wüsten Vorstellungen raus zu helfen. Falls der mit seinem Latein am Ende sein sollte: wenden Sie sich ruhig wieder an ein Forum Ihrer Wahl, hier stehen Ihnen viele verständnisvolle Menschen mit einem offenen Ohr zur Seite, denen Sie Ihren Seelenschmerz schildern können. Also denn, lieber Tannebaum, mit guten Wünschen für eine Besserung Ihres Zustandes verbleibt Ihr:
schwarzspecht1 (05.03.2010, 11:29 Uhr)
Oberlehrer
Ohne die Presse und die Kommentare derer, die die DDR nicht selbst erlebt haben, wüsste ich gar nicht, wie beschissen es mir in der DDR gegangen ist.

Danke vegefranz, danke iosono und all den anderen fürs Augen öffnen.
tannebaum (04.03.2010, 16:39 Uhr)
@Honkytonky
natürlich war nicht jeder bei der stasi - sondern eben nur jeder 15te. und die auch nicht hauptamtlich, sondern meist als zuträger, die freunde, familie, arbeitskollegen oder sonst wen skrupellos ans messer geliefert haben.

die anderen in der ddr-bevölkerung blieben dem arbeitsplatz fern, wenn es mal bananen zu kaufen gab. tauschten 1:6 westgeld ein, um mal eine westjeans zu besitzen. manche stellten sich leere schnaps- oder bierflaschen (aufgepeppt mit trockenblumen oder kerzen) aus dem westen ins regal, weil die das schön fanden. für einen vw golf serie I legten die ihre gesamten altersersparnisse auf den tisch. für westfernsehen wurden monströse antennenanlagen in selbstfertigung gebaut.

und gleichzeitig haben sie ihre kinder zum lügen erzogen, damit die nicht petzten, dass mutti zu hause westfernsehen guckt. denn man hatte vor den vielen stasispitzeln sehr viel angst und lebte sein leben mit heilichkeiten, unterdrückung und selbsthass. denn nicht umsonst hatte die ddr die höchste selbstmordrate europas. die mauer vor der tür und deren unüberwindlichkeit in die freiheit war allen nur zu bewusst.

sorry, da war nix mit toller ddr. das traf für einen kleinen teil der bevölkerung zu, die keine westverwandtschaft hatten und so auch nichts erwarteten. die arrangierten sich im system, hielten das maul, machten mit und meinten: so kann man glücklich werden.

das dachten übrigens millionen deutschen von 33-45 auch, die nicht in der nsdap waren. anpassen und maul halten. am ende von nichts gewusst, keine ahnung und nie was geahnt.

herrfreitag (03.03.2010, 20:51 Uhr)
stimmt
was der gwiesdek sagt, entweder ist es eine stasi oder eine ossiklammotte-schwarz-weiss denken ist ja auch bequemes denken.
und dennoch nimmt sich mehrheitlich die ganze filmbranche viel zu wichtig.
herdubreid (03.03.2010, 20:26 Uhr)
@roman25
Ist ja schön, dass Sie den ehemaligen DDR-Bürgern versuchen zu erklären, was sie damals zu sein hatten ...entweder Opfer oder Versager. Oder wenigstens im Nachhinein sollte man sich so fühlen? Hmm..Sie kommen vermutlich nicht aus der ehemaligen DDR oder sind vor langer Zeit schon geflüchtet.
Leider fühle ich mich (wie auch Herr Gwisdek) weder als das eine noch als das andere. Kein Mensch hält das 24 h am Tag aus. Die Menschen haben auch in der DDR -man höre und staune-ganz normal gelebt, sich öfters geärgert über die vielen Unzulänglichkeiten, aber doch nicht ständig. Menschen sind überall ähnlich, auch Ossis und Wessis, wenns auch mancher nicht glauben kann. Und die allermeisten leben völlig unpolitisch vor sich hin (sieht man an der Wahlbeteiligung).
_Ironie aus_
Aquarius2 (03.03.2010, 20:08 Uhr)
"Es ist leider so, dass der Westen uns übernommen hat und auch die Filme über uns macht und so bestimmt, wie es bei uns war."
Und das wird auch so bleiben.
Jede Dummpfeife, die ihr Allgemeinwissen aus BILD und RTL gewonnen hat, wird Herrn Gwisdek weiterhin erklären, wie es wirklich in der Zone war.
Irgendwie habe ich allerdings auch das Gefühl, dass Herr Gwisdek nun nicht mehr allzuviele Filmangebote bekommen wird ...
chatahootchee (03.03.2010, 18:40 Uhr)
SELBST HINTERFRAGEN, ALTER EGO
und dann schreiben. Natuerlich kann man dem Unsinn einer funktionierenden 'DDR' nachtrauern und alle Ossis und Wessis in getrennte Toepfe werfen. Aber ist dies nicht die Reaktion eines zu kurz gekommenen Ossis? Was Sie anderen vorwerfen, ist Ihr Wunsch, Ihr Weltbild zu behalten. Richtig?
Ossis haben genug Chancen gehabt und die meisten haben sie auch genutzt. Und geniessen es. Genauso die Wessis. Im Prinzip die Mehrheit der Deutschen.
Und die wenigen Zukurzkommer beneiden die Mehrheit und brubbeln weiter, wenn es sein muss auch im Keller.
AlterEgo (03.03.2010, 17:20 Uhr)
So vorhersehbar
Es ist einfach immer wieder drollig, wie leicht man die Reaktion der Westdeutschen auf so ein Interview vorhersagen kann.

?Ewiggestriger?, ?Verklärer?, ?Nostalgiker?, ?Schönredner?, ?Arbeitsverweigerer? (Der ist übrigens besonders schön bei 6 Mio Arbeitslosen/HartzIVlern und ein paar Hunderttausend nichtsnutziger Millionäre und ihrer Bagage), ?im Nazi-Reich haben sich auch fast alle wohl gefühlt? etc. etc.

Nur ja nicht Anfangen zu hinterfragen (auch seine eigen Meinung), nachzudenken, zuzuhören. Das alles könnte ja das eigene Weltbild, dass selbstverständlich DAS richtige ist, das ALLEINIG richtige, gefährden. Und das ist unmöglich, dass man selbst einer Lüge aufgesessen ist ? unmöglich, dass man selbst instrumentalisiert ist.

Also bleibt alles wie gehabt, Ossis sind entweder beklagenswerte Stasi-Opfer oder beteiligte Versager. Basta! Dazwischen ist kein Platz für nix. Und jetzt sollte man hier aufhören, die Besserwisser müssen jetzt eh langsam alle Fußball gucken. (Da war man auch viel besser als die Ossis! Oder?) und wir Ossis müssen zum Lachen eh in den Keller.

Hoffentlich hat Herr Gwisdek die Größe, diese Kommentarspalte zu ignorieren.
iosono (03.03.2010, 16:28 Uhr)
DDR=Griechenland?
ist Griechenland jetzt DDR?
also rein wirtschaftlich gesehen.
Honkytonky (03.03.2010, 14:34 Uhr)
Ein gewisser IQ stünde auch Ihnen gut, liebe/r Nadeera...
damit ließe sich dann nämlich mit einem weiseren Blick sehr viel differenzierter auf das Leben der Leute damals in der DDR schauen. Gelle :)
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