DDR-Bürgerrechtler Robert Havemann wäre 100 Jahre alt geworden


Am 11. März wäre der DDR-Bürgerrechtler Robert Havemann 100 Jahre alt geworden. Der 1982 verstorbene Wissenschaftler war eine Symbolfigur der Opposition, was er mit Berufsverbot und Verfolgung bezahlen musste.

Robert Havemann war in der Nazi-Zeit Brandenburger Zuchthausgenosse von Erich Honecker und später einer der gefährlichsten ideologischen Gegner des Staats- und Parteichefs der DDR. Manche sprachen auch vom "Staatsfeind Nr. 1", mehr als 200 Stasi-Spitzel sollen nach Erkenntnissen der Robert-Havemann- Gesellschaft in Berlin auf den Wissenschaftler und Bürgerrechtler angesetzt gewesen sein. Auf jeden Fall war Havemann eine Symbolfigur der DDR-Opposition, was er schließlich mit Berufsverbot, Hausarrest und Verfolgung bezahlen musste.

Der 1982 im Alter von 72 Jahren gestorbene Havemann, der vor 100 Jahren am 11. März 1910 in München geboren wurde, verkörperte wie nur wenige Intellektuelle den "deutschen Zwiespalt" im Ringen um ein neues und besseres Deutschland. Havemann sah trotz aller späteren Bedenken und Widerstände stets in der DDR den "historisch besseren, zukunftsträchtigeren" deutschen Staat, dessen Existenz er für einen Fortschritt hielt und dem er auch als SED-Mitglied und Angehöriger des DDR-Scheinparlaments Volkskammer zunächst gedient hat.

In der anfänglichen Grundüberzeugung war er sich mit vielen kritischen Geistern im Osten Deutschlands wie den Schriftstellern Stefan Heym und Christa Wolf, dem Sozialwissenschaftler Rudolf Bahro oder dem Liedermacher Wolf Biermann immer einig. Mit dem 1976 aus der DDR ausgebürgerten Biermann verband Havemann eine enge Freundschaft, die sogar die SED respektierte, als sie dem verfemten Biermann unter Ausschluss der Öffentlichkeit 1982 einen Besuch bei dem todkranken Havemann erlaubte.

Wie Bahro war auch Havemann von einigen Seiten vorgeworfen worden, sich manchmal allzu sehr in Utopien zu verlieren und den nüchternen Blick auf die Realitäten zu vergessen. Aber als eine Voraussetzung für ihre grundsätzliche Solidarität zur sozialistischen Gesellschaftsordnung sahen diese kritischen Geister eben auch immer die Aufhebung der unkontrollierten Herrschaft eines Parteiapparates an. Vor allem gehörte dazu aber auch die Freiheit des Wortes und die Abschaffung der Zensur, wie es der Lehrstuhlinhaber für physikalische Chemie Havemann in seiner Vorlesung an der Ost-Berliner Humboldt- Universität im Wintersemester 1963/64 vorsichtig angedeutet hatte.

Auf soviel Eigenständigkeit reagierte die DDR auch im Fall Havemann mit totaler Überwachung und drakonischen Strafmaßnahmen bis hin zum Parteiausschluss schon 1964. Dass ein Mann der Wissenschaft wie Havemann in seinen frühen DDR-Jahren dieser Überwachungshybris zunächst auch aktiv Tribut zollte, bevor er selbst immer stärker ins Visier und in die Fänge der Verfolgungsbehörden geriet, brachten nach seinem Tod und der deutschen Wiedervereinigung Akten der Stasi- Unterlagenbehörde ans Tageslicht.

Auf den gegen ihn verhängten Hausarrest reagierte Havemann mit den vorausschauenden Worten: "Ich denke ja gar nicht daran, die DDR zu verlassen, wo man wirklich auf Schritt und Tritt beobachten kann, wie das Regime allen Kredit verliert und schon verloren hat und es nur noch weniger äußerer Anstöße und Ereignisse bedarf, um das Politbüro zum Teufel zu jagen."

Zähneknirschend räumte die Partei erst nach dem Mauerfall bei der offiziellen Rehabilitierung Havemanns ein, dass er "zum damaligen Zeitpunkt politisch richtige Einschätzungen und Wertungen der Politik der Partei vorgenommen" habe. Abweichend von vielen anderen vergleichbaren Fällen hat die SED, als sie noch das Sagen hatte, trotz zeitweiligem Hausarrest in Grünheide bei Berlin und Überwachungsmaßnahmen oder Geldstrafen es nie gewagt, den unbequemen Mahner und Kritiker durch Haftstrafen zum Verstummen zu bringen.

Das hätte allzu unangenehme Erinnerungen wachgerufen, da Havemann ebenso wie Honecker von den Nazis als Widerstandskämpfer verhaftet worden war. Havemann entging der Vollstreckung des Todesurteils auch nur, weil der Chemiker von den Nazis für "kriegswichtige" Forschungsvorhaben verpflichtet wurde. Es heißt auch, dass der allmächtige Staats- und Parteichef der DDR seine schützende Hand über den Mitkämpfer aus antifaschistischer Vergangenheit gehalten habe.

1990 wurde die Robert-Havemann-Gesellschaft in Berlin gegründet. Havemanns Witwe Katja hatte im Laufe der Zeit einen Großteil des Nachlasses zur Verfügung gestellt, um die Geschichte von Opposition und Bürgerbewegung in der DDR und Osteuropa zu dokumentieren. Die Gesellschaft ist auch als Trägerin für das in Berlin offiziell geplante "Zentrum für Widerstands- und Oppositionsgeschichte gegen die SED-Diktatur" im Gespräch. Was nicht ohne Logik ist, denn Robert Havemann war einer der großen Wegbereiter des Umsturzes in der DDR.

Havemann hat seinen Hausarrest nur um knappe drei Jahre überlebt. Er erlag am 9. April 1982 in Grünheide einem Lungen- und Herzleiden. An seiner Beisetzung nahmen trotz eines Großaufgebots der Stasi mehrere hundert Menschen teil, darunter auch Peter Brandt, Sohn des früheren Bundeskanzlers Willy Brandt (SPD). Havemanns Wohnhaus wurde am 10. September 1989 auf Initiative seiner Witwe zum Gründungsort des Neuen Forums, einer der bedeutendsten Bürgerbewegungen der DDR.

Wilfried Mommert, DPA DPA

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