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25. Februar 2008, 10:47 Uhr

Die Eigenwillige

Eigentlich wollte sie nie nach Hollywood. Den Oscar gewann sie trotzdem. Tilda Swinton hat ihren eigenen Kopf. Im Vorfeld der Oscar-Verleihung plauderte die englische Schauspielerin mit dem stern über ihre Anfänge in Hollywood, ihr Image als Arthouse-Ikone - und explodierende Oscars.

Tilda Swinton und ihr Goldjunge: Die Britin wurde für ihre Rolle in dem Politthriller "Michael Clayton" mit dem Oscar als "Beste Nebendarstellerin" ausgezeichnet© Paul Buck/EPA/DPA

Frau Swinton, wenn wir uns recht erinnern, sind Sie vor knapp acht Jahren gar nicht freiwillig nach Hollywood gegangen....

Ja, ich wollte lediglich meinem Agenten beweisen, dass es dort keinen Platz für jemanden wie mich gibt.

Das ging bekanntermaßen schief…

Nach meiner Landung in Los Angeles konnte ich wegen Jetlag nicht schlafen und schaute mir im Fernsehen den Klassiker "Mildred Pierce" an, in dem Joan Crawford als allein erziehende Mutter in einen Mord verwickelt wird. Mensch, dachte ich, bei solchen Filmen hätte ich kein Problem, hier zu arbeiten. Am nächsten Morgen folgte das erste Meeting mit einer Produzentin. Ich sagte: Ich weiß nicht, ob es in Hollywood Arbeit für mich gibt. Es sei denn so was wie "Mildred Pierce". Und sie meinte: Witzig, ich hätte da was für Sie. Das war "The Deep End"…

…ein ausgefeiltes Thriller-Drama um eine Mutter, die aus Liebe zu ihrem Sohn kriminell wird. Für die Rolle erhielten Sie Ihre erste Golden Globe-Nominierung…

…und ich habe eingesehen, dass ich ein ganz schöner Snob gewesen bin. Wie konnte ich nur annehmen, dass es in Hollywood niemanden gibt, den ähnliche Kinostoffe interessieren wie mich?

Hatten Sie in der Vergangenheit manchmal das Gefühl, dass man Sie nur besetzt hat, um künstlerisch wertvoller zu wirken?

(lacht) Selbst wenn, hätte ich damit auch kein Problem. Das ist ja keine Einbahnstraße: "Die Chroniken von Narnia" zum Beispiel hat rund eine Milliarde Dollar eingespielt. Vielleicht wird sich der eine oder andere Fan meiner Weißen Hexe deshalb auch einen meiner kleineren Filme ansehen, wie "Julia", in dem ich eine Alkoholikerin spiele. Das ist für alle gut, denn es hilft diesem Film.

Sie sind bekannt dafür, bei der Wahl Ihrer Rollen etwas zu riskieren. Was war denn riskant daran, in "Narnia" mitzuspielen?

Der Risikobereich des Einen ist das Entspannungsbecken des Anderen.

Also stimmt Ihr Image nicht?

Für mich fühlte sich das nicht an wie ein Risiko. Entscheidend ist die Vision des Filmemachers. "Narnia" war potenziell schon riskant, weil der kreative Prozess bei diesen großen Studioproduktionen schon Monate vor Drehbeginn abgeschlossen ist. Sogar die Merchandise-Produkte sind bereits entworfen. Da besteht die Gefahr, dass du nicht mehr in der Lage, da reinzupassen. Bisher hatte ich bei meinen Studio-Abenteuern aber viel Glück. Ich drehte mit Spike Jonze, Andrew Adamson, David Fincher oder nun Tony Gilroy. Engagierte Filmemacher, die mich unbedingt haben wollten, und wussten, was sie bekommen würden. Hätte Adamson gesagt, lass uns "Narnia" à la Fassbinder im Keller eines Hauses drehen, hätte ich das so gemacht. Aber wir haben ihn für 180 Millionen Dollar mit einer 1500-köpfigen Crew auf einem Berg in Neuseeland gedreht. Unglaublich! So etwas kannte ich vorher gar nicht.

Wir sind verwirrt: die Underground-Ikone Tilda Swinton schwärmt von Hollywood.

Ich finde das amerikanische Independent-Kino ein bisschen verknöchert, weil es mitterweile nach gewissen Regeln zu funktionieren scheint: Familien-Dramen oder Coming of Age-Stories im naturalistischen Schmuddel-Look, gern ein wenig versponnen. An der Seite von Brad Pitt in dem neuen David Fincher-Werk "The Curious Case of Benjamin Button" mitzuarbeiten, der 150 Millionen Dollar kostet, ist da radikaler. Für so einen Film entwerfen dann Computer-Freaks ein Programm, mit dem man 20 Jahre älter aussehen kann. Das ist experimentelles Filmemachen.

Durch Ihre Arbeit in Hollywood wird Ihre Popularität weiter wachsen. Sind Sie bald ein Star mit Paparazzis im Schlepptau?

Nein, in dieser Zone bewege ich mich nicht. Die Leute merken schon, welche Signale man aussendet und mein öffentliches Profil ist, verglichen mit meiner Arbeit, ziemlich schwach. Gibst du dich der Öffentlichkeit hin, kann es passieren, dass deine Person bald interessanter ist als dein Film. Unter dem Radar bleiben bedeutet, als Künstler besser arbeiten zu können. Vielleicht täusche ich mich und Sie werden in fünf Jahren über das lachen, was ich hier gerade erzähle, weil das Ganze ab einem bestimmten Punkt explodiert.

Oder, dank des Oscars, schon früher.

Vorher explodiert mein Oscar. Das wär doch mal was!

Interview: Matthias Schmidt und Bernd Teichmann

 
 
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