Er sagt das Ende der Musikindustrie voraus. In seinem Alter darf man das: David Bowie über Nachwuchs, Netzpiraten und Pseudo-Superstars.

"Trau keinem über 30 und der ganze Quatsch": Der Musiker, 56, tourt im Oktober durch Deutschland© Frank Ockenfeld
Eigentlich wollte ich Stücke schreiben, die zu meiner Band passen - lebensbejahende, optimistische Songs. Aber Sie haben schon Recht, wenn ich mir das so anhöre, da ist viel Trauer. Ich neige zum Nihilismus.
Eine meiner zentralen Lebensfragen, die mich bis ans Ende meiner Tage verfolgt. Gott? Ich glaube an dich, ich glaube nicht an dich, ich glaube ein bisschen an dich ... Ich habe das Problem nie gelöst. Ich versuche es jeden Tag von neuem.
Und das hat Spaß gemacht! Es ist pure Ironie, wenn ein Rocker von fast 60 Jahren behauptet, er werde nicht älter.
Irrtum, ich habe mit denen kein Problem. Warum auch? Wir waren damals ähnlich. Meine Generation war die erste mit einer stimmigen Ideologie: Wir wussten genau, was für eine Art Sex und welche Drogen wir wollten, wir hatten eine klare Vorstellung von Politik, und wir wollten natürlich die Gesellschaft verändern. Ich glaube sogar, dass wir für diesen Riss durch die Generationen verantwortlich waren - trau keinem über 30 und der ganze Quatsch.
Heute sind wir eine Generation von wütenden alten Männern. Aber das Gute ist, dass wir mit den Jungen klarkommen. Ich unterstütze auch junge Musiker, denn es wird für sie immer schwerer, gehört zu werden. Es zählt nur noch der schnelle Erfolg - Umsatz, Umsatz, Umsatz. Die Industrie giert nach Popularität.
Der junge David Bowie hätte gar nicht mitgemacht. Wenn ich noch mal Teenager sein dürfte, wäre ich immer noch Snob. Was die da machen, erinnert mich an Kreuzfahrt-Unterhaltung. Am Ende eines langen Tages kommen die Stewards und Hostessen raus auf die Bühne und müssen für die Passagiere noch den Clown spielen. Schrecklich. Leider haben wir eine ganze Reihe dieser Kreuzfahrt-Unterhalter an der Spitze der Charts.
Sie wird in sich zusammenbrechen, davon bin ich überzeugt. Musik ist inzwischen so zugänglich wie Wasser oder Strom. Wir erleben jetzt schon massive Veränderungen durchs Internet. Die Leute laden sich was runter im Netz, mixen es neu und verschicken es weiter. Der eigentliche Song wird irgendwann nur noch Rohmaterial sein. Und vor allem wird das antiquierte System des Vertriebs und Marketings wegfallen, nur eine Frage von ein paar Jahren.
Ja, Livekonzerte bleiben einzigartig.
Richtig, es ist anstrengend. Vielleicht mache ich mich auch fertig damit. Aber ich sauge nun mal meine Energie aus Arbeit. Verrückt, früher habe ich Drogen genommen, vor allem um länger arbeiten zu können. Das ist vorbei. Aber ich bin, wie man weiß, eine suchtanfällige Person. Und Arbeit kann süchtig machen.
Michael Streck