Verspielt

24. Juli 2013, 18:15 Uhr

"George" ist ein schwieriger Film für alle Beteiligten. Für den Hauptdarsteller ist es eine Familienangelegenheit, für die ARD Arbeitsmaterial und für den Zuschauer unbefriedigend. Von Sophie Albers

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Heinrich George galt in den 20er und 30er Jahren als populärster Mime Deutschlands - dann machten die Nazis ihn zum "Staatsschauspieler".©

Götz George ist schlecht gelaunt - was eine vorsichtige Umschreibung für den mittlerweile manchmal geradezu verbittert wirkenden Schauspieler ist. Grund ist der persönlichste Film seines Lebens: "George" - ein Doku-Fiktion-Making-of-Hybrid über das kurze Leben von Götz Georges Vater Heinrich. Der Sohn spielt ihn selbst.

Götz George meint, dass die ARD, die den Film am Mittwochabend zeigt, ihm und seinem umstrittenen Vater nicht gerecht geworden sei. Da ist zuallererst der Sendetermin. George Jr. wollte, dass das Werk anlässlich des 120. Geburtstags seines Vaters im Oktober gezeigt wird. Doch der Sender entschied sich, "George" anlässlich des 75. Geburtstags des Sohnes zu senden: am 24. Juli. Wenn eh alle im Urlaub sind, sagt das Geburtstagskind.

Und dann die Sendezeit: Statt zur Primetime um 20.15 Uhr wird das Historiendrama um 21.45 Uhr gesendet. Wenn eh keiner mehr guckt, so der genervte Schauspieler. Und zuguterletzt seien die vereinbarten 120 Minuten auch noch um sieben "wichtige" Minuten gekürzt worden.

Kein politischer Film

So viel zur Vorgeschichte, nun endlich zum Film, der am Montag übrigens bereits in der Primetime auf Arte lief und erstaunliche 800.000 Zuschauer gezogen hat. Was für den Kultursender ein großer Erfolg war.

"George" ist kein politischer Film, auch wenn diese Diskussion immer wieder versucht wird. Der Zuschauer sieht eine der schauspielerischen Naturgewalten des vergangenen Jahrhunderts angesichts politischer Macht scheitern - und einen Sohn vergeblich um die Gunst des Vaters kämpfen, weil der schon seit fast 67 Jahren tot ist. Nach fast zwei Stunden weiß das Publikum mehr über den Gefühlshaushalt Götz Georges als über den Vater.

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Götz George als Heinrich in der ARD-Produktion "George"©

Sieben Jahre alt war Götz George, als sein Vater Heinrich 1946 in russischer Gefangenschaft im ehemaligen KZ Sachsenhausen an einem Herzkollaps starb. Heinrich George war damals 52 Jahre alt und hatte eine steile Schauspielkarriere hinter sich.

In den 20ern und Anfang der 30er stand der bullige "Gewaltmensch" (Götz George) für Kultdramaturgen wie Bertolt Brecht und Erwin Piscator auf der Bühne. "Seine Stimme konnte aussprechen, wie Steine schreien", beschrieb ihn einst Regisseur Jürgen Fehling. Fritz Lang holte George für "Metropolis" (1927) vor die Kamera. Heinrich George war ein Star. Ein wilder Genussmensch, der Disziplin einzig auf der Bühne angemessen fand.

Als 1933 die Nazis die Macht übernahmen, machte George Karriere als "Staatsschauspieler" und Intendant des Schiller-Theaters in Berlin. Vor allem aber spielte er in den Propagandafilmen der Nazis mit - sei es der anti-jüdische Hetzfilm "Jud Süß" oder der Durchhaltestreifen "Kolberg" kurz vor Kriegsende. Auch durch Radioansprachen und Auftritte an der Seite von Hitler oder Goebbels war der Schauspieler der deutschen Bevölkerung bestens vertraut.

15 Drehbücher

Zehn Jahre lang hat Autor und Regisseur Joachim Lang ("Jud Süß - Ein Film als Verbrechen?") an diesem Projekt gearbeitet, international recherchiert und wohl alles eingesehen, was die George-Archive hergeben. 15 Drehbücher soll es über die Zeit schon gegeben haben, in denen Götz George seinen Vater spielt. Die waren dem Mimen aber alle "zu kleinkariert", hat Götz George gesagt.

So berserkt George nun großkariert mal als Heinrich, mal als Götz im Heinrich-Kostüm über die Leinwand. Und der Zuschauer sieht nur zu genau, wie Recht der Sohn hat, wenn er sagt, dass sein Vater ihn immer überholt habe, immer besser gewesen sei. Nur die Erklärung dazu stimmt nicht. "Besessener" war der Vater nicht. In der Spielwut steht Götz George ihm in nichts nach. Aber an der brüllenden Körperlichkeit fehlt es dem Schauspieler.

Immer wieder ist zu sehen, wie der begnadete Schauspieler Heinrich George vor lauter Egozentrik die Katastrophe nicht nahen sehen will. Warnungen will er nicht hören. Sich abwendende Freunde tut er als neidische Kollegen ab. Goebbels' Lob - "Das deutsche Volk braucht einen Schauspieler für den Bauch - hat er angeblich nicht gehört. Zur "Wollt ihr den totalen Krieg"-Massenkundgebung im Berliner Sportpalast hätten die Nazis ihn entführt. "Was heißt böse", fragt er den Russen, der das Verhör leitet. "Den Bösen gut zu spielen, das ist die Herausforderung für den Schauspieler." Heinrich George hat sechs Tage nach der "Reichspogromnacht" sein Schiller-Theater feierlich eröffnet. Man möchte sich übergeben angesichts von so viel Ignoranz. Aber das Anliegen dieses Films ist nunmal die Vater-Sohn-Beziehung.

Glorifizierung des Vaters

"Ich heiße Götz George, das kann man nicht mehr ändern", hat der Sohn gesagt. So gräbt und leuchtet er aus, wo er ein Stück Vater finden kann. Ob der Koloss, den er auch gefürchtet hat, nicht doch auch Zärtlichkeit abwirft. Keine Beziehung ist enger, formender und komplexer als die zu den Eltern.

Filmproduzent Artur Brauner hat Götz George im "Focus" vorgeworfen, seinen Vater zu glorifizieren. Tatsächlich wagt "George" Ungeheuerlichkeiten wie die liebliche Musik, sobald Kriegsgefangene zu sehen sind, die ein Loblied auf Heinrich George anstimmen, der ihnen im Lager Hoffnung gegeben habe. Bei keinem wird erklärt, warum sie inhaftiert waren. Mehr als einmal bricht Georges rumpeliger Charme mit dem Ernst der Lage. Und bei der Premiere empörte sich Götz George über "Google-intellektuelle" Interviewer, "die meinen Vater nicht kannten und die die Zeit nicht kannten".

Wer eine tiefschichtige Auseinandersetzung erwartet mit dem Künstler, der sich der Diktatur hingegeben hat, ist hier im falschen Film.

"George", 24. Juli um 21.45 Uhr in der ARD

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