"Das ist zu viel für mein Herz"

29. März 2013, 09:40 Uhr

Das ZDF feiert sein 50-Jähriges – und alle klatschen mit. Zum Glück nimmt Moderatorin Maybrit Illner die Geburtstagsgala so ganz ernst nicht. Mehr Rettung aber ist nicht drin. Von Sylvie-Sophie Schindler

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Eine wahre Meisterin der Nonchalance: Maybrit Illner im ersten Teil der Show "50 Jahre ZDF".©

Ups, wo kommen denn plötzlich die Klumschen High-Heels-Gören her? Die müssen irgendwie ins Bild gerutscht sein. Eigentlich steht doch schon eine Packung Erdnussflips bereit, eine Art Notfall-Paket. Kauen soll nämlich wach halten, sollte es das TV-Programm nicht tun. Wobei damit nichts unterstellt, aber alles befürchtet werden soll. Der Auftakt zur zweiteiligen Jubiläumsshow "50 Jahre ZDF“ könnte sogar unterhaltend werden. Und wenn nicht, man muss trotzdem ab und zu mal kontrollieren, ob die GEZ-Gebühren nicht etwa sinnlos verbraten werden.

Dass man sich ausgerechnet von "Germany´s Next Topmodel“ neuerdings mehr Spannung verspricht – eine reine Verzweiflungstat. Es juckte in den Fingern, unter anderem weil man mit ansehen musste, wie Dirk Steffens und Harald Lesch Besen zersägten. Etwa eine Kandidaten-Bewerbung für "Wetten,dass..?“. Egal. Lustiger ist´s gerade drüben bei den Privaten, da regt sich Juror Thomas Rath wie Rumpelstilzchen darüber auf, dass einige Topmodel-Anwärterinnen es tatsächlich wagen, sich hinzusetzen. Wo kommen wir denn da hin, das macht Falten im Kleid, und das geht gar nicht. Verzweifelte Gesichter. Auch Heidi Klum hat dafür überhaupt kein Verständnis. Ein böser Blick folgt. Dass Falten im Kleid für einen Eklat genügen, ist so himmelschreiend grotesk. Wer das ernst nimmt, ist selbst schuld.

Maybrit Illner ist der Ersatz

Doch zurück zur Mainzer Jubelshow. Hier, wenigstens das, hat man sich ganz dolle lieb. Und niemand da, der zu Moderatorin Maybrit Illner in Klumscher Manier sagen würde: "Ich habe heute leider kein Foto für dich.“ Obwohl der cremefarbene Hosenanzug, den Frau Illner trägt, nicht gerade ein modisches Ereignis ist. Ob sie, die brillante Polittalkerin, überhaupt die ideale Besetzung für eine Abendshow ist, bleibt die wichtigere Frage. Eigentlich war Jörg Pilawa für den Job vorgesehen, doch dann wurde bekannt, dass der demnächst zur ARD wechselt.

Maybrit Illner ist also der Ersatz. Und sie ist eine gute Wahl. Vor allem deshalb, weil sie eine wahre Meisterin der Nonchalance ist – und weil sie immer wieder mit erfrischender Ironie durchscheinen lässt: So ganz ernst muss man das alles hier nicht nehmen. Bitte sehr, es geht doch nur um das "Traumschiff“ und nicht etwa um "Armut in Deutschland“ oder die "Eurokrise“. Als Ex-Traumschiff-Kapitän Siegfried Rauch sein Logbuch feierlich an Neu-Kapitän Sascha Hehn weiterreicht, lautet Illners sarkastischer Kommentar: "Das ist zu viel für mein Herz.“

TV-Zuschauer kann selten mitlachen

Auch Comedian Bernhard Hoëcker ist völlig verdutzt, als Illner lapidar auf seine Körpergröße anspielt: "Der Hoëcker ist im Grunde schon eingelaufen.“ Und während der Besen-Nummer – siehe oben- flutscht es der Illner von den Lippen: "Wenn ich einen Besen quälen will, dann lade ich Angela…“ Sie schielt nicht auf Lacher, eher nebenbei lässt sie ihre Kalauer fallen. "Bleiben Sie heiter –irgendwie“, der typische Illner-Satz zur Verabschiedung ihres wöchentlichen Talks, scheint auch hier ihre Devise zu sein.

Auf der Couch tummeln sich ZDF-Lieblinge aus allen Sparten, man erzählt sich Belangloses, man lacht miteinander. Auch wenn der TV-Zuschauer selten mitlachen kann, wenigstens die dort haben es lustig. Claus Kleber ist da und Andrea Kiewel, Wolfgang Stumph und Dieter Thomas Heck, Rudi Cerne und Guido Knopp. Das Fernsehballett tanzt, eine Big Band spielt, Howard Carpendale singt "Ti amo“. Einspieler führen durch 50 Jahre Fernsehgeschichte: Mondlandung, Schwarzwaldklinik, Hitparade, Mauerfall, Derrick, Hitlers Frauen, Aktenzeichen XY...ungelöst, Maria und Margot Hellwig, Musik ist Trumpf, Terra Express. Und mittendrin verrät Wirtschaftsminister Philipp Rösler einer Kinderreporterin, er habe immer gerne "Der Landarzt“ geguckt.

Eistorten fürs lange Durchhalten

Was bleibt, erinnert ein bisschen an das Gefühl, als hätte man alte Fotoalben durchblättert. Das Fazit: Damals sahen die Frisuren richtig bescheuert aus. Nur bei den Mainzelmännchen ist es umgekehrt: Die hatten früher den besseren Look als heute.

Apropos, was ist gerade bei den Topmodels los? Bloß die gewohnten Tränen-Arien. Gähn. Beim ZDF kommt zu guter Letzt heraus: Von den GEZ-Gebühren werden auch Eistorten bezahlt. Die nämlich werden für das rhythmusklatschende Publikum hereingetragen. Mit Sternwerferfunken. Vielleicht zur Belohnung fürs lange Durchhalten. Aber nur voran: Wer das geschafft hat, packt auch Folge Nummer Zwei am Samstag um 20.15 Uhr. Dann werden unter anderem Markus Lanz, Hape Kerkeling, Wolfgang Lippert und Thomas Gottschalk zu Gast sein. Also, nicht vergessen: "Bleiben Sie heiter – irgendwie“.

 
 
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