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30. August 2010, 06:07 Uhr

Der Kommissar ist kein Erlöser

In der Wiener "Tatort"-Episode "Glaube, Liebe, Tod" legt sich Hauptkommissar Eisner mit einer Psychosekte an, die ihn an seiner empfindlichsten Stelle attackiert. Am Ende dieser lehrstückhaften Folge wird er zum Lebensretter und verweigert die Erlöserrolle. Ein spannender Krimi, doch mit kleinen Schwächen. Von Carsten Heidböhmer

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Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) ermittelt in den kühlen Räumen einer Psychosekte© RBB/Petro Domenigg/DDP

Eine junge Studentin wird tot in einem Neubaugebiet aufgefunden. Um ihren Hals trägt sie neben Würgemalen eine Kette mit zwei gefalteten Händen, das Erkennungszeichen der Glaubensgemeinschaft Epitarsis. Die Ermittlungen führen Hauptkommissar Moritz Eisner in die Zentrale der Psychosekte, ein kühler Prachtbau im Herzen Wiens, der stark an die Architektur moderner Bankenkonzerne erinnert und für religiöse Kontemplation keinen Raum lässt. Und schon sind wir mitten beim eigentlichen Thema der "Tatort"-Folge, die den Titel "Glaube, Liebe, Tod" trägt. Denn schnell wird klar: Die Aufklärung des Mordfalls interessiert nur am Rande. Es geht um die Tricks dieser Psychogruppe, die Mittel, mit denen Menschen manipuliert werden, und die Folgen.

Jede Zeit hat ihre Sekte, heißt es an einer Stelle. Und die in vielem an Scientology erinnernde Epitarsis hält die passende Ideologie für die neoliberale Ära bereit. Sie verknüpft die globalisierte Sinnsuche mit Effizienz und Erfolg. In sündhaft teuren Kursen lernt der Gläubige, seine Potenziale besser auszuschöpfen und sich auf eine andere Stufe zu bringen. Wer nicht mehr mitzieht, weil ihm Zweifel kommen oder weil er das viele Geld für die Kursgebühr nicht mehr auftreiben kann, wird gnadenlos aussortiert. Immer wieder fallen in diesem "Tatort" Sprüche, die selbst einem Dieter Bohlen bei "DSDS" nicht über die Lippen kämen: "Wer aufgibt, hat keinen Platz", "Hier gibt es keine Versager", oder: "Für Absteiger haben wir definitiv keinen Platz". Auf diese Weise entsteht eine eingeschworene Gemeinschaft.

Die Sekte fordert Eisner heraus

Auf der Bildebene spielt der Film geschickt mit dem Kontrast zwischen der kühlen Glasarchitektur der rein auf Erfolg orientierten Sektenzentrale und der gemütlichen Altbauwohnung, in der Moritz Eisner mit seiner Tochter wohnt. Doch das bürgerliche Refugium ist nicht sicher: Weil Eisner in seinen Ermittlungen der Psychosekte zu nahe kommt, schreckt diese nicht davor zurück, sich an die Tochter heranzumachen. Damit trifft sie den Kommissar an seiner verletzlichsten Stelle. Und fordert ihn erst recht heraus.

Der Film (Regie: Michi Riebl, Buch: Lukas Sturm) demonstriert geschickt die perfiden Mechanismen, mit denen solche Psychosekten Menschen einfangen, gefügig machen und unterdrücken. Und wie sich solche Gemeinschaften gegen äußere Kritik immun machen. Auf der anderen Seite macht die Folge aber auch deutlich, welches Leid den Angehörigen dadurch zugefügt wird. Und wie diese von Paranoia erfasst werden. Als Eisner einen Sektenangehörigen im unmittelbaren Umfeld des Staatsanwalts entdeckt, fühlt er sich von Feinden umzingelt, wittert in jedem einen potenziellen Spion im Auftrag der Epitarsis.

Herausragende Schauspieler

Mit Victoria Trauttmansdorff als eiskalte Sektenchefin und August Zirner als still leidendem Vater ist die Folge exzellent besetzt. Leider sind die Dialoge oft hölzern und klischeebeladen. Es fallen reihenweise Sätze wie "Du bewegst dich auf ganz dünnem Eis", oder Abgeschmacktheiten wie beim Anblick der Leiche, als ein Polizist sagt: "So jung. Und schon so tot."

Am Schluss findet Eisner dann jedoch genau die richtigen Worte. Er überführt die Mörderin, eine verblendete Gläubige. Die hat die Sektenphilosophie, man müsse "das feindliche Element" mit allen Mitteln bekämpfen, ein bisschen zu ernst genommen. Als sie sich ihr Leben beenden will, greift der Kommissar rechtzeitig ein. "Ihr hättet mich sterben lassen sollen", wirft sie ihm vor. Doch Eisner kontert kühl: "Ich bin Beamter, kein Erlöser."

Von Carsten Heidböhmer
 
 
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