Ein Geheimlabor in der Gartenlaube, Giftspritzen und illegale Waffenexporte, Wanzen und Überwachungskameras. Die Bremer "Tatort"-Folge "Schlafende Hunde" beschäftigt sich mit dem brisanten Thema von Stasiseilschaften in der heutigen BRD und deren Opfer. Von Kathrin Buchner

Bei den Ermittlungen um den Tod einer alten Dame kommen Kommissarin Lürsen (Sabine Postel) und Kollege Stedefreund (Oliver Mommsen) in Schwierigkeiten© Radio Bremen
So eine heiße Sexszene hat es im "Tatort" lange nicht mehr gegeben: Narbengesicht und ewiger U-Bootkapitän Jürgen Prochnow, 68, auch im Alter nicht unattraktiv, kopuliert auf der Designercouch mit seiner eigenen Tochter Anna (mit 36 immer noch sehr mädchenhaft: Laura Tonke) - ohne über ihre Inzest-Romanze Bescheid zu wissen.
Ein schöner Köder in Doppelfunktion: Als Lolita in geheimer Mission verführt Anna nicht nur den Unternehmer zur illegalen Waffenschieberei, auch uns Zuschauer animiert sie zum Weitergucken dieses komplexen Thrillers um Stasiseilschaften, die auch heute noch in der Bundesrepublik existieren. Ausgangspunkt ist der Tod einer alten Frau, die in ihrer Wohnung aufgefunden wird. Natürlicher Tod oder Mord? Die Bremer Kommissarin Inga Lürsen, bissig und kratzbürstig wie eh und je, folgt ihrer Intuition und ermittelt weiter.
Die tote Ruth Thalheim saß einst als Staatsfeindin in Bautzen ein, ihre Paranoia ließ sie auch in der neuen Heimat Bremen nicht los. "Es gibt nichts Fremderes als eine Heimat, in der man sich seines Lebens nicht sicher sein kann", beschreibt Nobelpreisträgerin Herta Müller, die vor der Securitate aus Rumänien geflüchtet ist. Umso schlimmer, wenn einen dieses Gefühl sicher zu sein, niemals und nirgends loslässt - der "Tatort" widmet diesem Zustand allerdings nur die Einstiegsszene.
Denn eigentlich ist die Aufarbeitung der Stasi-Seilschaften wie gemacht für einen "Tatort" jenseits von Gut-Böse-Stereotypen. Da ist die schöne Idealistin Anna, die für den Befreiungskampf der Indios in Südamerika mit dem Stasi-Teufel paktiert. Und die nicht weiß, dass sie mit ihrem Vater eine Inzest-Romanze betreibt und ihre leibliche Mutter jahrelang im DDR-Gefängnis einsaß. Prochnow gibt mit ruppiger Sensibilität den Lebemann zwischen Wohltätigkeit und Kalkül, ein Salonbolschewist, den die Vergangenheit einholt. Heinz Werner Kraehkamp verkörpert mit gedrungener Gestalt und rasiertem Schädel die böse Fratze der DDR.
Der Ex-Stasi-Oberst operiert von einer geheimen Kommandozentrale im Keller einer Gartenlaube. Wanzen und Überwachungskameras sind sein Lebenselixier. Mit seiner Obsession für tödliche Giftspritzen und schweres Geschütz wirkt er wie eine Karikatur von Dr. No. Genial die Szene, in der die Bratwurst in seiner Hand wie eine Waffe wirkt, mit der er Lürsen einschüchtert.