"Die Freier wollen Frischfleisch"

31. Oktober 2004, 14:44 Uhr

Tom ist Mitte 20, kommt aus der Slowakei wo auch seine Frau und sein einjähriger Sohn leben. Was seine Familie nicht weiß: Tom arbeitet als Stricher in München.

Heike Schütte von "Marikas", der bayernweit einzigen Beratungsstelle für männliche Prostituierte, zeigt in ihrem Büro in München wie ein Beratungsgespräch geführt wird.©

Sie treffen sich auf Rastplätzen im Ruhrgebiet, in Szenekneipen rund um den Münchner Viktualienmarkt, in Sexshops und am Bahnhof Zoo in Berlin: Junge Männer, die Freiern ihren Körper anbieten. Die große Nachfrage nach männlicher Prostitution ist längst kein Geheimnis mehr: Allein 3000 "Stricher" arbeiten Schätzungen von Streetworkern zufolge in Berlin, 700 bieten ihre Liebesdienste in München an. "Das ist eine gesellschaftliche Realität, die anerkannt werden muss", fordert Heike Schütte, Leiterin der Beratungsstelle "Marikas" für anschaffende Jungs in München. Seit zehn Jahren erhalten Prostituierte dort Rat und Unterschlupf.

Tom ist Mitte zwanzig. Er kommt aus einer kleinen Stadt in der Slowakei, wo auch seine Frau und sein einjähriger Sohn leben. Seit fünf Jahren gehört er zum Kern der Münchner "Stricher"-Szene, arbeitet dort für einige Wochen, bis er genug Geld für seine Familie zusammengespart hat. Seine Frau lässt er im Glauben, einen Job in einer Restaurantküche gefunden zu haben. Gewissensbisse und Angst vor einer ansteckenden Krankheit belasten ihn schwer. 80 Prozent aller Hilfesuchenden, die sich an "Marikas" wenden, sind Migranten. Zunehmende Reiseerleichterungen seien in der Szene deutlich zu bemerken, heißt es bei der bayernweit einzigartigen Beratungsstelle.

Armutsprostitution immer häufiger

"Das ist eindeutig eine Preisfrage, die sind billiger und exotischer als die Deutschen", erklärt Sozialpädagoge Martin Jautz. Für 20 Euro aufwärts bieten die überwiegend sehr jungen Männer ihren Körper an. Das monatliche Pro-Kopf-Einkommen in der Slowakei liegt derzeit bei 330 Euro - ein Bruchteil dessen, was ein attraktiver Mann durch Sexarbeit in München verdienen kann. "Ich sehe das mittlerweile als eine Form der Armutsprostitution", ergänzt Schütte - eine Aussage, die sie in dieser Form noch vor wenigen Jahren nicht unterschrieben hätte. Doch Schicksale wie die von Tom sind kein Einzelfall.

Zwischen 18 und 25 Jahre alt sind die Klienten von "Marikas", was im Griechischen so viel wie "Liebesjunge" bedeutet. Im letzten Jahr sei auch einer dabei gewesen, der erst 14 war, sagt Schütte. "Die Freier wollen schon Frischfleisch", erklärt sie achselzuckend. Deswegen sei es in der Szene üblich, von Stadt zu Stadt zu reisen, um immer neu und interessant zu sein - eine Tatsache, die Schätzungen über die Gesamtzahl von "Strichern" in Deutschland fast unmöglich macht. Schütte wird nicht müde, zu betonen, dass die Nachfrage nach jungen Körpern von "Münchner Bürgern" ausgeht.

Viele Stricher heterosexuell

"Viele von denen sind verheiratet und leben in einer heterosexuellen Beziehung", lautet ein Freierprofil, das bei "Marikas" niemand mehr überrascht. Auch die nahe liegende Annahme, männlichen Prostituierte seien immer homosexuell, bestätigt sich in der Beratungsarbeit nicht. Einige nähmen schwule Sexualpraktiken nur billigend in Kauf, erklären die Sozialpädagogen. Häufig hätten die Migranten, die derzeit insbesondere aus Bulgarien und Rumänien kommen, keine Schlafgelegenheit. Sieben Nächte im Monat stehen ihnen Betten, Küche und Waschmaschine in den giftgrün gestrichenen Räumen von "Marikas" zur Verfügung. Dabei will die Einrichtung vor allem eines: den jungen Männern die Möglichkeit geben, sich auszuruhen.

"Wir haben keinen missionarischen Auftrag", bekräftigt Schütte - Trägerschaft durch das Evangelische Hilfswerk hin oder her. Einzige Auflage zur Nutzung des Unterschlupfs ist eine Gesundheitsberatung, die jeder Neuling verordnet bekommt. Und trotzdem hat "Marikas" immer wieder mit Widerständen zu kämpfen. Es sei unheimlich schwer, für die Institution Spender zu gewinnen, klagt Schütte. Und auch bei den Schutzbefohlenen selbst müsse immer neu um Akzeptanz geworben werden: "Viele von den Migranten können sich unter einer öffentlichen Einrichtung nichts vorstellen außer staatlichen Repressalien", ergänzt Jautz. Unter dem Motto "Das erweiterte Europa - hieb und st(r)ichfest" feiert "Marikas" an diesem Freitag das zehnjährige Bestehen.

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