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27. Mai 2008, 09:20 Uhr

Er weiß, was Frauen wollen

Für die Serie ist er so wichtig wie Mr. Big für Carrie: Michael Patrick King, der Regisseur des Kinofilms "Sex and the City". Im stern.de-Interview verrät der Emmy-Preisträger nicht nur seine Lieblingsszenen, sondern auch, wie die Serie die Welt verändert hat und woher er weiß, was Frauen wollen.

Regisseur Michael Patrick King am "Sex and the City"-Set umringt von "seinen Mädels" Kim Cattrall, Sarah Jessica Parker, Kristin Davis und Cynthia Nixon© 2008 Warner Bros. Ent.

Mr. King, ganz ehrlich: Haben Sie jemals High Heels getragen?

Neeein. Hab ich nicht (lacht)! Ehrlich.

Aber dann wissen Sie ja gar nicht, was Frauen durchmachen?

Ich weiß, was sie durchmachen - das Gleiche wie Carrie, Samantha, Miranda und Charlotte. Sie erleiden Schmerzen.

Wieso wissen Sie eigentlich so gut über Frauen Bescheid?

Oh, das ist so einfach! Frauen erzählen dir alles. Jedes einzelne Detail ihrer Gefühle. Und das immer und immer wieder. Wenn du als Autor über Frauen schreibst, musst du nur eins: zuhören. Und ich habe sehr große Ohren. (lacht) Ich bin mit drei Schwestern aufgewachsen. Eigentlich fing damit alles an. Ich kannte nie ein "ihr" und "ich", sondern immer nur ein "wir". Ich denke es ist einfach mein Talent, über Emotionen zu schreiben. Und wer hat davon mehr als Frauen? Ich danke Gott für meinen Job.

Fashion und "Sex and the City" gehören zusammen wie Carrie und Mr. Big. Bestimmt die Mode den Film, oder macht der Film Mode?

Nun, was war zuerst, das Huhn oder die Handtasche? (lacht). Wenn ich im Script geschrieben habe: "Carrie betritt den Raum", hatte ich nie einen Designer im Kopf. Im ganzen Drehbuch ließ ich für die Labels freie Stellen, die hinterher ausgefüllt wurden. Aber es gab eine einzige Ausnahme: Louise, Carries Assistentin, die von Jennifer Hudson gespielt wird. Bei ihr wusste ich, dass sie eine moderne, junge und urbane Handtasche haben musste, die alle Mädchen haben wollen: die Louis-Vuitton-Denim-Tasche. Wegen der Outfits musste der Film unheimlich aktuell gedreht werden. Mit vielen Szenen konnten wir lange Zeit nichts anfangen, weil es die Kleider dafür noch nicht gab. Sie kamen direkt vom Laufsteg.

Michael Patrick King geht in einer Drehpause mit Sarah Jessica Parker das Drehbuch durch© 2008 Warner Bros. Ent.

So auch die andere Louis-Vuitton-Handtasche von Louise. Patricia Field (die berühmte "Sex and the City"-Kostümdesignerin) sagte zu uns: "Wir können die Szene nicht drehen - diese Handtasche ist noch nicht geboren. Sie muss noch designt werden." Sie wollte, dass Jennifer in dem Film eine Tasche trägt, die brandaktuell zum Filmstart in den Läden ist. Jeder, einfach jeder Designer will in "Sex and the City" vorkommen. Das ist eine große Ehre und ein Kompliment. Die Designer vertrauen uns blind. Sie brachten Klamotten zu Pat Field und Sarah Jessica Parker – und die durften nach Belieben aussuchen. Das ist ein großer Luxus. Aber man darf es nicht falsch verstehen: Die Designer bestimmen nicht den Film. Alles sollte nicht zu ernst genommen werden. Carries wichtigstes Kleid im Film hat noch nicht mal eine Marke - mehr dazu wird aber nicht verraten.

Vier Frauen, ein Haufen Klamotten und unendliche viele Schuhe... Wie war es hinter den Kulissen von "Sex and the City"?

Sie können sich den Umkleideraum nicht vorstellen (bekommt glänzende Augen). Immer wenn ich ermattet vom Drehen war, bin ich da rein gegangen, in diesen gigantischen Raum voller Farben und Schmuck. Ich kam immer wie benommen und berauscht heraus. Die Mädels sahen zu jeder Tages- und Nachtzeit umwerfend aus. Wir hatten unzählige Anproben. Im Film gibt es über 300 Kostümwechsel. Allein Carrie Bradshaw hat über 80! Die Mode ist so wichtig für den Film. Ich wollte Schwermut und Dunkelheit haben. Ich wollte, dass Leute lachen und weinen. Vieles von der Stimmung wird über die Farbe der Outfits transportiert.

Können Sie sich vorstellen, was in einer Frau vorgeht, wenn sie zum Beispiel diese Louis-Vuitton-Tasche in den Händen hält?

Ja, auf jeden Fall. Carrie lebt es vor. Das Großartige am Schreiben der Serie war ihre Suche nach dem absolut besten Leben, den besten Schuhen, der besten Tasche, der besten Liebe. Ihre beste Liebe war Mr. Big. Er hatte noch nicht mal einen Namen. Er hatte ein Label. "Mr. Big". Es ist ein bisschen wie beim "Herr der Ringe". Es ist "nur" ein Ring, aber in dem Film hat er eine mystische Bedeutung. Bei uns sind es Schuhe. Oder eben eine Tasche wie diese.

Im Film spricht Carrie erstmals Mr. Bigs Namen aus und nennt ihn John...

In der allerletzten Szene, die ich für die TV-Serie geschrieben habe, erschien sein Name auf Carries Handy. Niemand sprach ihn aus. Er stand nur da: "John". Warum? Weil er am Ende der Serie endlich gesagt hat, dass sie diejenige ist, die Einzige. Das wollte Carrie immer hören. Von da an war er kein Label mehr, er war John. Im Film habe ich ihn dann John James Preston genannt. Nach Preston Sturges, dem Hollywood-Regisseur aus den 30ern, den ich sehr verehre. JJP - das klingt doch schnittig.

Mussten Sie selbst weinen, als Sie sich den Film angesehen haben?

Ja. Auch beim hundertsten Mal noch. Das zeigt, wie emotional der Film ist. Und deswegen gehen wir doch ins Kino, oder? Wir wollen weinen. Lachen, weinen und dann wieder lachen. Ich liebe den Film. Die Stadt sieht großartig aus. Die Mädels sahen nie besser aus. Und die Mode ist sensationell.

Was ist denn Ihre Lieblingsszene?

Ich liebe alles. Es ist mein Baby. Ich liebe die Szene, in der die vier Mädels die Public Library in New York verlassen, ich liebe den Moment, in dem Sarah Jessica ihre Sonnenbrille abnimmt und man ihr verzweifeltes, verweintes Gesicht sieht. Es ist so unglamourös. So real. Ich liebe Samanthas Sushi-Szene, Charlottes Streit mit Big... Ich liebe alles.

Mr. King, inwiefern hat "Sex and the City" die Gesellschaft beeinflusst?

Zum einen hat die Serie viel lauter als jemals zuvor Frauen gezeigt, dass man nicht verheiratet sein oder ein Kind haben muss, um wertvoll zu sein. Ganz ehrlich, die Gesellschaft heutzutage erzählt Frauen immer noch, dass, auch wenn sie smart, intelligent und erfolgreich sind, sie immer erst komplett sind, wenn sie verheiratet sind. Scheidung bedeutet Versagen. Keine Kinder bedeutet, es fehlt etwas, Single sein ist ein Problem. Alles, was wir mit der Serie sagen wollten, ist: DU bist ausreichend. Liebe dich selbst. Und vielleicht liebt dich dann auch jemand zurück. Das wäre natürlich großartig. Die andere Sache war, dass Frauen anfingen, über Sex zu lachen. Frauen haben schon immer über Sex geredet. Aber wir haben ihnen den Anstoß gegeben, sich auch mal lustig darüber zu machen, gewisse Dinge zu sagen, anzuziehen oder zu fühlen.

Was sollen die Leute idealerweise sagen, wenn sie nach "Sex and the City" aus dem Kino kommen?

"Was für eine großartige Achterbahnfahrt. Wow! Eine Wahnsinnsstory. Das hab ich nicht erwartet. Ich bin traurig. Ich bin glücklich. Und: Oh, sie haben wirklich den Penis gezeigt!"

Interview: Katharina Miklis

 
 
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