Der Brasilianer, wichtigster Vertreter der Befreiungstheologie, wurde 1985 vom Vatikan mit einem Redeverbot gemaßregelt. Sein großer Widersacher damals: Kardinal Ratzinger.

Leonardo Boff, 69, in seinem Haus bei Rio de Janeiro© Francisco Moreira da Costa
Grüße Eahna Gott! Jaja - so habe ich damals Kardinal Ratzinger begrüßt, als ich vor die Glaubenskongregation geladen wurde. Weil er doch ein Bayer ist. Ich wollte die angespannte Atmosphäre ein bisschen auflockern.
Nein. Die Situation war extrem formal und streng. Der Kardinal führte mich ins Verhörzimmer der Heiligen Inquisition, ich musste mich auf den Stuhl setzen, auf dem schon Galileo Galilei angeklagt worden war. Dann diskutierten wir drei Stunden.
Ja, und in der Kaffeepause passierte etwas Kurioses: Mehrere Angestellte der Glaubenskongregation baten mich, ebendieses Buch für sie zu signieren. Da wurde Ratzinger ganz schön nervös.
Ich hatte Ratzinger in Deutschland als brillanten, offenen Theologen kennengelernt. Als Ratzinger dann nach Rom ging, übernahm er die Logik des römischen Systems, die Logik der Macht. Das enttäuschte mich. Als Papst wurde er noch schlimmer.
Zuerst war Ratzinger konservativ, heute ist er von Grund auf reaktionär. Er verurteilt alles Moderne, will die Kirche des 19. Jahrhunderts erhalten. Ratzinger ist ein Professorenpapst, kein Hirte. Kein Charisma, keine Ausstrahlung.
Nein. Aber wenn er mich einladen würde, würde ich gerne mit ihm diskutieren. Der heilige Franziskus hat schließlich auch mit dem Wolf gesprochen.
Nein, eigentlich nicht. Ich habe nur den Schützengraben gewechselt, nicht die Schlacht. Ich wurde vom Priester zum Laien, mache aber weiterhin Theologie, schreibe Bücher, halte Vorträge in der ganzen Welt, begleite Basisgemeinden und soziale Organisationen.
Ich sehe mich als franziskanischen und ökumenischen Katholiken - nicht als römischen. Römisch-katholisch ist die autoritäre, juristische Form des Christentums.
Die Theologie der Befreiung lebt in vielen Kirchen weiter. Überall auf der Welt, wo sich Christen den Unterdrückten, der Armut und der Umwelt zuwenden - den Schrei der Erde hören. Und dieser Schrei wird immer lauter. Die Befreiungstheologie ist aber nicht mehr so sichtbar, weil sie nicht mehr so polemisch ist wie früher.
Heute werden neue Pfarrer ganz in der Mentalität des Vatikans ausgebildet - nach innen gewendet, ohne Interesse an sozialen Fragen. Und wenn sie sich für die Befreiungstheologie interessieren, werden sie überwacht und manchmal auch verfolgt. Deshalb sind es vor allem Laien, die sich engagieren. Wir alten Befreiungstheologen haben kaum Nachfolger.
Ich bin da wie ein Schwabe: schaffen, schaffen, schaffen. Ich werde bis zum Jüngsten Gericht für Gerechtigkeit kämpfen.
Gefunden in...
Gefunden in ...
Stern
Ausgabe 30/2008
Zur Person Leonardo Genézio Darci Boff wurde 1938 als Sohn italienischer Einwanderer in Concordia in Südbrasilien geboren. Er trat 1959 dem Franziskaner-Orden bei, studierte Philosophie und Theologie unter anderem in München, wo er auch seine Doktorarbeit schrieb. Boff ist Mitbegründer der Befreiungstheologie, die den Kampf gegen Armut und Unterdrückung als Hauptaufgabe der Kirche propagiert. 1985 erteilte ihm der Vatikan ein Rede- und Lehrverbot, 1992 legte er sein Priesteramt nieder. Mittlerweile ist Boff verheiratet und lebt mit seiner Frau in Petrópolis bei Rio.