Der Machtkampf im Vatikan hat begonnen

1. März 2013, 11:13 Uhr

Es ist Sedisvakanz - die papstlose Zeit. In Rom versammeln sich die Kardinäle, um das Konklave zu organisieren - und ihre Kandidaten in Stellung zu bringen. Der Ablaufplan der nächsten Tage. Von Niels Kruse

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Kaum ist Benedikt kein Papst mehr, beginnt in den katholischen Kirchen, wie hier in New York, das große Aufräumen.©

Der Zugang zu den Papstgemächern ist versiegelt, die Schweizer Garde hat bis auf weiteres ihren Dienst quittiert. Der Vatikan wird vom Camerlengo, dem Kardinalkämmerer, geführt. Aktuell ist dies Tarcisio Bertone, bis zum Rücktritt Benedikts seine rechte Hand - es ist Sedisvakanz, die Zeit in der der Stuhl Petris unbesetzt ist. In ihrer 2000-jährigen Geschichte hat die Katholische Kirche für diese Übergangsperiode bis zur Wahl des nächsten Pontifex ein genaues Ritual entwickelt. Das sieht sogar den Druck spezieller Briefmarken als auch die Prägung einer Sedisvakanz-Münze vor, wie schon 2005, nach dem Tod von Johannes Paul II.

Der Rücktritt Benedikt XVI. fiel auf den 28. Februar, in diesem Jahr liegt das Datum einen Monat vor Ostern. Vier Wochen haben die Kardinäle also Zeit, ein neues Oberhaupt zu wählen. Für die meisten wäre es undenkbar, das höchste Fest der Christen ohne Papst feiern zu müssen. 2005 brauchten die Geistlichen vom Tod Johannes Pauls bis zur Wahl Benedikts 17 Tage. Für das diesjährige Konklave hatte der Papst vor wenigen Tagen noch entschieden, dass die Kardinäle nicht die üblichen zwei Wochen warten müssen, um sich zusammenzufinden.

Nur Krankheit entschuldigt das Fernbleiben

Noch an diesem Freitag wird Kardinaldekan Angelo Sodano Briefe an die 207 Kardinäle schicken und sie zu sogenannten Generalkongregationen zur Vorbereitung des Papstwahl zusammenrufen. Wahlberechtigt sind allerdings nur Würdenträger unter 80 Jahre. Der Schotte Keith O'Brien musste nach Belästigungsvorwürfen gegen ihn zurücktreten, und ein Kardinal aus Indonesien kann aus gesundheitlichen Gründen nicht anreisen. Krankheit ist die einzige Entschuldigung für einen Purpurträger, der Papstwahl fernzubleiben.

Da bereits viele der 115 wahlberechtigten Kardinäle im Vatikan versammelt sind, haben jetzt schon die ersten, inoffiziellen Treffen begonnen. Ab Montag dann werden sie über allgemeine Fragen diskutieren, etwa den Zustand der Kirche, die zukünftige Ausrichtung sowie den sich daraus ergebenen möglichen Reformbedarf. Zentrale Aufgabe aber ist die Festlegung des Starttermins für das Konklave, das möglicherweise schon am Wochenende darauf beginnen könnte.

Wehe dem, der als Papst ins Konklave geht

Bei diesen Runden geht es den unterschiedlichen Fraktionen auch darum, ihre Kandidaten in Stellung zu bringen. Der Machtkampf um den Vatikan beginnt also schon einen Tag nach Benedikts Rücktritt und es gilt auch bei der 265. Papstwahl das ungeschriebene Gesetz: "Wer als Papst ins Konklave geht, kommt als Kardinal wieder heraus."

Das Wort Konklave leitet sich vom lateinischen "cum clavis" ("mit Schlüsseln") ab. Es meint sowohl die Wahlversammlung als auch den von der Außenwelt abgeriegelten Bereich im Vatikan, in dem die Kardinäle ihre Entscheidung treffen. Konkret findet die Papstwahl in der wegen der Deckengemälde Michelangelos weltberühmtem Sixtinischen Kapelle statt. Das Eingeschlossensein soll die Kardinäle vor Einflüssen von außen schützen und eine möglichst schnelle Einigung ermöglichen. Zu Beginn der Versammlung verpflichten sie sich zu absoluter Geheimhaltung - automatische Strafe für den Bruch des Eids ist die Exkommunikation. Trotz dieser Höchststrafe hatte ein Kardinal nach der Wahl Benedikts sein Konklave-Tagebuch veröffentlicht. Bis heute ist unklar, wer dieser Würdenträger war oder ist.

Das längste Konklave dauerte fast drei Jahre

Das Konklave wird mit einer Messe und Gebeten eröffnet. Die Kardinäle stimmen mit Stimmzetteln in geheimer Wahl ab; eine Enthaltung ist nicht erlaubt. Nötig ist eine Zweidrittelmehrheit. Nach einer von Benedikt XVI. erlassenen Regeländerung ist die Zweidrittelmehrheit zwingend - egal, wie viele Wahlgänge dafür angesetzt werden müssen. Die früheren Regeln sahen vor, dass sich die Kardinäle nach mehreren erfolglosen Wahlgängen darauf einigen konnten, statt der Zweidrittel- nur noch die absolute Mehrheit als Grenze für Wahl eines neuen Papsts anzusetzen. Die Reform Benedikts bedeutet jedoch, dass sich die Wahl über lange Zeit hinziehen kann. Das längste Konklave (ab 1268) dauerte übrigens zwei Jahre und neun Monate. Da der zum Papst gewählte Gregor X. auf Pilgerreise war, konnte er das Amt erst ein halbes Jahr später antreten.

Solange sich die Kardinäle nicht auf einen Papst einigen können, werden die Stimmzettel aus jedem Wahlgang zusammen mit einem chemischen Zusatz verbrannt, sodass schwarzer Rauch aus einem Rohr auf der Kapelle emporsteigt. Ist dagegen ein neuer Papst gewählt, steigt weißer Rauch auf, zudem läuten die Glocken der Peterskirche.

Auf "Habemus Papam" folgt "Urbi et Orbi"

Nach der Wahl fragt dann der Kardinaldekan, ob er das Amt annimmt und welchen Namen er als Papst tragen möchte. Da der 85-jährige Angelo Sodano aus Altersgründen nicht mehr am Konklave teilnehmen darf, übernimmt die Aufgabe der älteste der wahlberechtigten Kardinäle: Giovanni Battista Re - zumindest solange er nicht selbst zum Papst gewählt wird. Im sogenannten Raum der Tränen legt sich der neue Papst nach der Wahl allein die päpstlichen Gewänder an. Im nächsten Schritt schwören die Kardinäle dem neuen Papst in der Sixtina die Treue.

Der Kardinalprotodiakon, derzeit der Franzose Jean-Louis Tauran, tritt später auf den Hauptbalkon der Peterskirche und verkündet: "Habemus Papam" ("Wir haben einen Papst"). Anschließend tritt der neue Papst auf den Balkon und spricht den Segen "Urbi et Orbi" ("Der Stadt und dem Erdkreis").

Spannend wird das diesjährige Konklave auch deswegen, weil möglicherweise zum ersten Mal ein Nicht-Europäer Papst werden könnte. Gute Chancen haben unter anderem Kandidaten aus Lateinamerika sowie den USA. Der Südteil des Kontinents gilt als katholischste Region der Welt und stellt auch die meisten Geistlichen. Mit mehr als zehn Kardinälen stellen USA und Kanada das zweitmeisten Wahlberechtigten.

Wer ist der Mann, der am besten zuhört?

Als aussichtsreiche Bewerber gelten der Brasilianer Odilo Scherer, der Kanadier Marc Ouellet und Timothy Dolan aus den USA. Aber auch Peter Turkson aus Ghana, Antonio Tagle von den Philippinen und der Italiener Angelo Scola werden als Kandidaten gehandelt. "In den beiden zurückliegenden Konklaven wählten die Kardinäle den intelligentesten Mann im Raum. Nun ist möglicherweise die Zeit gekommen, einen Mann zu wählen, der all den anderen intelligenten Menschen in der Kirche zuhört", sagte der Geistliche Tom Reese, der als Historiker an der Georgetown-Universität in Washington lehrt.

Korrektur
Liebe Leser, in einer früheren Version des Artikel hieß es, Kardinalkämmerer Tarcisio Bertone würde den neugewählten Papst nach seinem Namen fragen und ob dieser die Wahl annehme. Das ist falsch. Diese Aufgabe übernimmt der älteste der wahlberechtigten Kardinäle, Giovanni Battista Re. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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