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10. Juni 2011, 20:26 Uhr

Der hässliche Horrorstengel

Sie ist unattraktiv, unbedeutend und schmeckt nach nichts. Die Sprosse ist keine Speise, für die man gerne leidet. Endlich ist sie weg vom Fenster. Ein Nachruf von Dirk Benninghoff

Sprossen, Sprosse, Ehec, Gurke, Salat, Bienenbüttel

Unansehnlicher Staatsfeind: die Sprosse© Ingo Wagner/DPA

Die Bösewichte kommen diesmal nicht aus fernen Ländern und dunklen Kellern. Sie wachsen auf der eigenen Fensterbank und sind ganz pflegeleicht. So braucht man, behauptet zumindest eine Expertenseite, nur ein Einmachglas, Plastikfliegendraht und Gummiringe, um sie großzuziehen - und keinen Biohof in Bienenbüttel. Auch ist die CO2-Bilanz optimal. Vom Anbaugebiet bis zum Teller sind es nur Zentimeter. Fantastisch. Schließlich reisten die bisherigen Nahrungs-Desperados bisweilen Hunderte Kilometer, bevor sie ihr Unheil anrichten konnten. Der Sprosse dagegen kann man beim Wachsen zusehen, was "jede Menge Freude" bereitet, wie Kenner schwärmen .

Unter gesundheitlichen Gesichtspunkten ist die Sprosse der helle Wahnsinn. Das ganze Periodensystem scheint enthalten zu sein. Eisen, Fluor, Kalium, Kupfer, Mangan, Natrium und Zink - alles drin. Ein "reiner Vitalstoff-Knüller" jubeln die Kollegen von "Sprossen selbstgemacht". Vitamine, Mineralstoff, Spurenelemente - gegen Frühjahrsmüdigkeit soll es kaum Besseres geben. Man braucht möglicherweise nichts als Sprossen, um ein pumperlgesunder Mensch zu sein und mindestens so alt zu werden wie Maria Gomes Valentim.

Ein ästhetisches Desaster

Doch heute ist nicht aller Tage. Und heute steht die Sprosse nicht für Leistungs-, sondern Leidensfähigkeit. Längst ist sie aus den Regalen geflogen. Wer die verseuchten Vitaminbomben verzehren will, muss schon Asiaten aufsuchen. Dort schlummern die Horrorsämlinge noch tonnenweise.

Unter ästhetischen Gesichtspunkten hat der Gemüsekosmos ohnehin kaum Schlimmeres zu bieten. Die Sprosse sieht so schlimm aus wie ihr Ruf. Ein kalkweißer Stengel verelendet nach etwa fünf Zentimetern in einem dürren, hellbraunen, blättrigen Fortsatz. Kein Vergleich zur prallen Lebensfreude, die Tomate oder Gurke auszustrahlen vermögen.

So ist es letztendlich eine konsequente Handlung der Natur, ausgerechnet dieses Elendsstengelchen zum todbringenden Gemüsedolch erkoren zu haben. Wie geschaffen ist der unansehnliche Staatsfeind für diese Aufgabe. Deutlich prädestinierter jedenfalls als für seinen einstigen Zweck als lebensverlängernder Vitaminspender.

Im Schatten der Gurke

Abgesehen von einigen Sprossen-Aposteln wird die Keimlinge wohl niemand vermissen - Elemente hin oder her. Höchst selten hörte man schließlich Restaurantbesucher schwärmen: "Hmmmm, lecker. Was für tolle Sprossen die hier haben." Auch Nachfragen wie "Im Salat sind doch sicher Sprossen, oder?" kamen hiesigen Gastronomen kaum unter. Als Kulturgegenstand hat die Sprosse ohnehin noch nie eine Rolle gespielt. Während sich die Spanier in Buñol einmal im Jahr ekstatisch im Tomatenmatsch suhlen, ist noch niemandem eingefallen, sich zur Feier des Tages mit Sprossen zu behängen.

So dominieren Tomate und Gurke, Paprika und Pepperoni knackig, herzhaft, farbenfroh jeden Salat und das Gewächs von der Fensterbank fristet ein kümmerliches Dasein. Zurecht: Beim dieser Tage etwas verwegen anmutenden Biss in die Sprosse schmeckt man, dass an ihr eigentlich gar nichts schmeckt, weil sie ganz einfach keinen Geschmack hat. Es knirscht und knackt im Gebiss, ohne dass der Gaumen einen Nutzen davon hätte.

Das macht die traurige Ehec-Angelegenheit noch überflüssiger. Keine Frage: Für Schweinebraten, Backkartoffel oder Königsberger Klops leidet man lieber.

Ein Nachruf von Dirk Benninghoff
 
 
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