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Das Dorf, das mehr syrische Flüchtlinge aufnimmt als die gesamten USA

Yes, we can – das angejahrte Credo von Barack Obama füllt man in Ketermaya ganz pragmatisch mit Inhalt. Das libanesische Dorf bietet mehr syrischen Flüchtlingen Zuflucht als die gesamten USA.

Von Ingo Scheel

Die zehnjährige Baraa Antaar unterrichtet in Ketermaya die jüngeren Nachbarskinder unter freiem Himmel.

Die zehnjährige Baraa Antaar unterrichtet in Ketermaya die jüngeren Nachbarskinder unter freiem Himmel.

Vierzig Kilometer von Beirut entfernt liegt das Dorf Ketermaya. Die Gegend ist nicht eben wohlhabend. Viele der Menschen betreiben Landwirtschaft, ihre Nutzflächen umgeben die Gemeinde. Der Hauptarbeitgeber hier ist eine Baustoff-Fabrik. Ali Tafesh ist einer der wenigen selbstständigen Geschäftsleute, er betreibt einen kleinen Laden. Auf dem angrenzenden Acker, der zu seinem Grundstück bietet Tafesh allein um die 330 Syrern Zuflucht.

Ketermaya und die Refugees – eine Geschichte, die zehn Jahre zurückreicht. Schon 2006 bot man hier den Menschen, die vor der israelischen Invasion aus dem Süd-Libanon geflüchtet waren, einen sicheren Ort. Seit dem vergangenen Jahr nun kommen mehr und mehr Syrer in die Gegend. "Wir errichteten das erste Zelt für zwei Familien. Als immer mehr Menschen kamen, bauten wir ein zweites und das ging immer so weiter", berichtet Tafesh der "Globalpost".

Auf eigene Kosten baute er Toiletten und sorgte für fließend Wasser im Camp. Geld nimmt er, im Gegensatz zu einigen anderen Nachbarn, keines dafür. Während sich zahlreiche Refugees auf den Weg nach Europa machen, bleiben in Ketermaya jene Familien hängen, denen das Geld fehlt für die weite Reise. Sihan etwa ist mit ihrem Mann Ibrahim und vier Kindern schon 2013 hier gelandet. Seitdem warten sie, dass es in ihrer Heimat besser wird. Vergeblich bislang. "Mein Mann hat keine Arbeit, wir haben kein Geld. Wir können nichts tun, besonders im Winter und im Sommer ist es besonders hart" erzählt Sihan. "Gott sei Dank haben wir dieses Zelt" fügt sie hinzu. 13 Dollar zahlt ihnen die UN pro Kopf im Monat, das Geld reicht oftmals nur für zwei Wochen. "Save the Children" unterhält eine Schule im Ort, aber auch hier ist das Geld knapp. Wenn zuweilen die Zuschüsse ausbleiben, unterrichten die älteren Kinder die jüngeren.

Über vier Millionen Syrer haben bislang ihr Land verlassen, die meisten von ihnen hat es in die Türkei, nach Jordanien und eben in den Libanon verschlagen. 60.000 allein leben in der Region Chouf rund um Ketermaya. Seit 2014 sind dort 1954 Flüchtlinge angekommen, das sind 400 mehr als die USA in den vergangenen vier Jahren aufgenommen haben. Tafesh ist pragmatisch: "Ich habe das Land eh nicht genutzt, warum sollten sich also keine Flüchtlinge hier niederlassen?"

Ingo Scheel

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