HOME

Warum Eltern ihre Kinder töten

Warum löscht ein Vater seine ganze Familie aus? Am Sonntag widmete sich die ARD im "Polizeiruf" dem Thema erweiterter Suizid. Ein Suizidforscher erklärt die seelischen Abgründe, die dahinter stehen.

Herr Wolfersdorf, immer wieder kommt es vor, dass ein Elternteil sich und seine Kinder umbringt oder sogar die ganze Familie auslöscht. Wie verzweifelt muss ein Mensch sein, um so etwas zu tun?
Die Erklärungen für Männer und Frauen für diese sogenannten erweiterten Suizide unterscheiden sich. Wenn Mütter mit kleinen Kindern so etwas tun, sind sie meist tief depressiv und hoffnungslos. Sie haben dann zum Beispiel das Gefühl, die Welt gehe bald unter, wir würden alle bald verhungern. Der einzige Ausweg erscheint ihnen der Suizid.

Aber warum nehmen sie ihre Kinder mit in den Tod?
Das kann etwa bei Wochenbettdepressionen auftreten. Die Mütter erleben ihre sehr kleinen Kinder noch als Teil von sich, ihres Körpers. Sie sagen sich: Ich kann dieses Kind nicht alleine lassen, da es sowieso bald untergehen wird. Es hat etwas Pseudo-Altruistisches an sich.

Erst kürzlich hat eine Mutter ihre elfjährige Tochter umgebracht. Die müsste sich schon etwas von der Mutter gelöst haben.
Trotzdem sehen solche Mütter die Kinder als Teil ihres eigenen Schicksals. Oft steckt in diesen Fällen eine schwere Erkrankung dahinter oder eine finanzielle Situation, die sie als aussichtslos einschätzen.

Woher weiß man, was in solchen Frauen vorgeht?
Manchmal überleben die Menschen den Suizid-Versuch. Ich habe einige von diesen Frauen begutachtet und behandelt. Sie sagen, dass sie in dieser Situation dachten, niemand könne sie und ihre Kinder vor dem Untergang retten.

In Glinde hat im Januar ein Vater seine zwei Kinder getötet, in Berlin löschte ein Vater vor zwei Jahren seine ganze Familie aus. Was treibt Männer zu einer solchen Tat?
Bei Männern sind es häufig paranoide Wahnvorstellungen. Ich habe mal einen Mann begutachtet, der erst seinen ältesten Sohn und dann einige Zeit später auch seinen jüngsten Sohn getötet hat. Er selber überlebte seine Suizid-Versuche. Der Mann dachte, dass seine Kinder vom Teufel besessen waren.

Gibt es auch andere Motive?
Männer tun so etwas auch, wenn es schicksalshafte Ereignisse gab, die ihre Lebensplanung zerstören. Wenn ihre Frau sie verlassen will, wenn sie ihren Job verlieren oder Ähnliches. Diese Männer haben das Gefühl, dass ihnen der Boden unter den Füßen weggerissen wird. Aber auch schwer depressive Erkrankungen, die mit absoluter Hoffnungslosigkeit einhergehen, können der Grund sein.

Sind diese erweiterten Suizide geplante Taten oder spontane Handlungen?
Beides. Bei den Männern mit Wahnvorstellungen ist eine solche Tat das Ende einer längerfristigen Entwicklung. Bei den anderen Fällen, etwa wenn ein ohnehin depressiver Mensch die Kündigung erhält, wird der Entschluss häufig sehr spontan getroffen.

Angehörige und Nachbarn fragen sich immer: Hätte ich etwas ahnen können?
Diese Entwicklungen laufen meistens im Verborgenen ab und solche Taten sind auch für enge Familienmitglieder schwer vorhersehbar. Allerdings sollten Außenstehende gerade in Fällen, wo hoffnungslose, depressive Menschen mit kleinen Kindern zusammenleben, sehr wachsam sein und Hilfe holen. Auch als Nachbar kann ich so jemanden ansprechen, ihm Hilfe anbieten oder sogar die Polizei rufen, wenn man lange nichts von der Person gesehen oder gehört hat.

Viele solcher Familiendramen ereigneten sich zur Sommerferienzeit. Ist das Zufall oder steigen die Fälle während der Ferienzeit?
Natürlich können in den Ferien Krisen eher entstehen, weil man als Familie intensiver zusammen ist. Aber ob man einen Zusammenhang mit einer Jahreszeit herstellen kann, ist generell in der Suizidforschung sehr umstritten. Das Datenmaterial zu dem Thema erweiterter Suizid ist wissenschaftlich unbefriedigend. Es gibt kaum Untersuchungen. Man geht davon aus, dass ein bis vier Prozent der weltweiten Selbsttötungsfälle Mitnahme-Suizide (Suizidhandlung, bei der ein oder mehrere Opfer mit in den Tod gezogen werden, Anm. der Red.) sind. Aber ich glaube nicht, dass es generell mehr werden. Die Berichterstattung darüber steigt allerdings an.

Ist das falsch?
Die Medien müssen schon vorsichtig sein. Und man muss in den Berichten immer klarmachen, dass die allermeisten suizidalen Handlungen nach Schicksalsschlägen oder infolge schwerer psychischer Erkrankungen erfolgen. Und dass suizidale Menschen Hilfe brauchen, um am und im Leben, auch mit der Familie, bleiben zu können. In diesen Situationen ist die Wahrnehmung der Betroffenen massiv ins Negative und Hoffnungslose verschoben. Aber kein Mensch bringt sich gerne um. Suizidprävention und Schutz vor der eigenen Selbstzerstörung muss bei der Berichterstattung im Vordergrund stehen.

Jemand, der Kinder hat, kann nicht nachvollziehen, dass es jemand fertigbringt, seine eigenen Kinder zu töten.
Das geht nur dann, wenn man der festen Überzeugung ist, auch wenn diese krankhaft gefärbt ist, dass es keinen Ausweg gibt und es auch für die Kinder die beste Lösung ist.

Malte Arnsperger
Weitere Themen

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools