Bundeswehr
Rennrad statt Uniform: Landeskommandeur Popielas geht

Oberst Michael Popielas nimmt nach 45 Jahren Dienst in der Bundeswehr Abschied und übergibt den Staffelstab beim Landeskommando
Oberst Michael Popielas nimmt nach 45 Jahren Dienst in der Bundeswehr Abschied und übergibt den Staffelstab beim Landeskommando Sachsen. Foto
© Sebastian Kahnert/dpa
20 Umzüge, Auslandseinsätze, Kalter Krieg: Oberst Popielas blickt auf eine bewegte Karriere zurück. Zum Abschied spricht er über Werte, Motivation und die Bedeutung von Sicherheit.

Einen Ruhestand im Wortsinn wird es für einen Mann wie Michael H. Popielas wohl nie geben. Auch wenn der Oberst vor Wohnungsumzügen nun Ruhe hat. Der scheidende Kommandeur des Bundeswehr-Landeskommandos Sachsen ist während seiner 45-jährigen militärischen Laufbahn etwa 20 Mal umgezogen - meist innerhalb von Deutschland. Aber auch in die USA und nach Israel sowie zu Einsätzen in den Kosovo und nach Afghanistan hat es ihn verschlagen. 

Am Donnerstag übergibt er den Staffelstab im Landeskommando an Oberst Marco Tkotz - bei einem Appell in der Dresdner Graf-Stauffenberg-Kaserne. Dann wird aus dem Offizier ein Zivilist. Er selbst sieht es mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Oberst freut sich auf mehr planbare Zeit und sein Rennrad

"Ich freue mich darauf, etwas mehr Zeit zu haben, etwas mehr planbare Zeit", sagt Popielas, der seinen Dienst bei der Bundeswehr 1981 als Fallschirmjäger begann. Der 63-Jährige freut sich auf Dinge, die für andere völlig selbstverständlich sind: mal wieder einen längeren Urlaub machen, auf das geliebte Rennrad steigen und für längere Touren in die Pedale treten. Auf der anderen Seite sieht er die Zeit seines Abschieds ernüchternd. Denn Ruhe gibt es auf der Welt schon lange nicht mehr, mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine ist der Krieg ein weiteres Mal nach Europa zurückgekehrt. 

"Ich bin mitten im Kalten Krieg Soldat geworden. Ich hatte das Glück, die deutsche Wiedervereinigung als Soldat der Bundeswehr zu erleben. Wie viele andere habe ich damals darauf gehofft, dass wir nun in einer friedlicheren Welt leben", blickt Popielas zurück. Deshalb sei es ernüchternd, am Ende einer langen Laufbahn zu sehen, dass der Friede in Europa bedroht sei und Grenzen mit Gewalt verändert würden. Um Deutschland und seine Menschen zu schützen und zu verteidigen, müsse man sich letztlich auf militärische Fähigkeiten stützen und die Fähigkeit zur Abschreckung haben.

Es lohnt sich, für Werte unsere Gesellschaft einzutreten

Allerdings bezieht Popielas aus diesem Punkt auch Optimismus. Denn die Erfahrungen aus dem Kalten Krieg hätten gezeigt, dass Festigkeit, Stärke und Verteidigungsfähigkeit am Ende zu mehr Stabilität und Sicherheit beitrügen. Deshalb sieht der Experte die aktuellen Anstrengungen um eine Stärkung der Wehrhaftigkeit in Deutschland und ganz Europa positiv. Er verbindet das mit einem Appell an jene, die derzeit angesichts des neuen Wehrdienstes vielleicht schon wieder auf Distanz zur Bundeswehr gehen. "Uns sollte bewusst sein, welchen Wert unsere Gesellschaft darstellt. Es lohnt sich, dafür einzutreten."

Die Abschaffung der Wehrpflicht 2011 hält Popielas nicht für einen Fehler. Die Entscheidung sei nicht losgelöst von der gesellschaftlichen Entwicklung getroffen worden. "Damals war das vernünftig und nachvollziehbar." Die Bundeswehr sei seinerzeit in Stabilisierungseinsätzen gebunden gewesen - etwa in Afghanistan und in Mali. Für diese Einsätze seien Wehrpflichtige aber nicht verwendbar gewesen, sondern nur freiwillig dienstleistende Soldaten.

Hoch technisierte Armee verlangt gut ausgebildete Soldaten

Popielas hofft, dass die Regelung zum neuen Wehrdienst genügend junge Menschen für einen Dienst an der Waffe motiviert. Es gehe darum, die Anzahl der Soldaten deutlich zu vergrößern, damit am Ende die Kampfkraft erhöht und ein ausgewogenes Verhältnis zwischen der Kampftruppe und Unterstützungskräften vorhanden sei. "Eine hoch technisierte Armee verlangt nach gut ausgebildeten Soldaten, die in der Lage sind, mit ihrer Ausrüstung je nach Einsatzerfordernissen angemessen zu operieren." Zudem würden für den Verteidigungsfall ausreichend Reservisten gebraucht.

Dass die jetzige junge Generation dazu nicht in der Lage ist, vermag der Oberst nicht zu erkennen. Möglicherweise seien die Laufzeiten über 100 oder 5.000 Meter in der heutigen Durchschnittsbevölkerung nicht mehr ganz so gut wie früher, meint er scherzhaft. Dennoch habe sich aber der Kern des Auftrags nicht verändert. "Wir brauchen drei Konstanten: körperliche, psychische und geistige Fitness. Das kann man trainieren." Dazu sei ein stabiles Wertegerüst nötig, das dem Dienst in der Bundeswehr eine Sinnstiftung gebe.

Bundeswehr wird auch im Ausland positiv wahrgenommen

Popielas hat bei seinen eigenen Auslandseinsätzen festgestellt, wie positiv die Bundeswehr anderswo wahrgenommen wird - immer dann, wenn es darum ging, Menschen Sicherheit zu geben. Jetzt richte sich der Blick wieder mehr auf den Schutz des eigenen Landes. Vielleicht sei das der Grund, warum das Image der Bundeswehr, ihre positive Wahrnehmung in der Bevölkerung in den vergangenen Jahren gewachsen sei - und nicht nur, weil die Soldaten als Helfer bei Waldbränden oder Hochwasser im Einsatz gewesen seien.

Der Oberst weiß, dass die Menschen in Deutschland sich inzwischen sehr intensiv mit der Sicherheitslage befassen. "Sie sehen, wie Russland versucht, Grenzen mit militärischer Gewalt in Europa zu verändern. Das macht uns allen wieder bewusst, welcher Wert von unserem Staat auch ausgeht, dass unsere Gesellschaft schützens- und bewahrenswert ist." Der russische Angriffskrieg habe deutlich gemacht, dass Europa auch eigenverantwortlich in seine Verteidigung investieren müsse. 

Wenn Popielas beim Abschiedsappell seine letzte Rede hält, wird er wohl auch das ansprechen.

dpa

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