2. Dezember 2009, 09:47 Uhr

Familien in Not

Arbeitslosigkeit, Krankheit, Tod eines Ernährers: Viele Familien in Deutschland haben Angst vor dem sozialen Absturz. Deshalb brauchen sie Unterstützung. Von uns. Der stern sucht Paten. Von Uli Hauser

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Judith Bartels ist alleinerziehend - mit drei Kindern. Neben dem Studium organisiert sie alleine Haushalt und Erziehung. Eine Patenschaft kann sie entlasten©

Andreas Iwen sagt, er komme ganz gut zurecht. Er hat eine Wohnung, er hat eine Arbeit, und er hat zwei Kinder. Morgens um halb sechs weckt er seine Tochter Marie, zehn Minuten später den kleinen Felix. Es gibt Frühstück, dann bringt er die Kleinen in den Kindergarten. Sie sind morgens die ersten und am Nachmittag die letzten, wenn der Vater um vier Uhr aus der Arbeit kommt. Anders geht es nicht, sagt Andreas Iwen.

Andreas Iwen, 48, erzieht seine Kinder allein. Die Mutter wurde krank, als ihr kleiner Sohn drei Monate alt war. Sie hat Angststörungen und musste nun von zuhause in eine betreute Wohngruppe umziehen. Seitdem kümmert sich Papa.

Früher gab es mehr Hilfe aus dem sozialen Umfeld

Andreas Iwen könnte Hilfe gebrauchen. Menschen, die ihm zur Seite stehen. Seine Schwiegereltern wohnen weit weg, seine Nachbarn sind mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Andreas Iwen würde sich freuen, wenn ihm mal jemand die Kinder abnehmen würde, für ein, für zwei Stunden, damit er mal in Ruhe einkaufen gehen kann oder vielleicht mal Zeit hat für sich. Er ist Krankenpfleger. Ein anstrengender Job.

Wer sich mit Müttern und Vätern über ihre Kinder unterhält, darüber, was heute Elternsein bedeutet, bekommt schnell mit, dass sich viele nach Hilfe sehen, sich aber nicht eingestehen wollen, diese auch zu brauchen. "Wir gehen immer davon aus, dass es eine Familie allein schaffen muss, ihre Kinder großzuziehen", sagt Professor Hans Bertram, Verfasser des Familienberichts an die Bundesregierung. "Das ist falsch: Früher halfen Nachbarn und Verwandte mit. Heute nicht mehr."

Weil das nicht so bleiben soll, hat sich der stern entschlossen, Familien zu helfen. Wir möchten Paten gewinnen, die Eltern für eine Zeit zur Seite stehen. Und sich verpflichten, eine Familie in Deutschland zu unterstützen. Mit Geld. Andreas Iwen zum Beispiel würde sich freuen, wenn er ab und an mal eine Kinderfrau bezahlen könnte, die auf Marie und Felix aufpasst. Die 15 Euro, sagt er, habe ich nicht übrig.

Nicht nur Hartz-IV-Kinder sind arm

Partner unserer Aktion "Familien in Not" ist die Hamburger Initiative "wellcome". Die gemeinnützige Initiative wurde 2002 von der Sozialpädagogin Rose Volz-Schmidt gegründet. Aus der eigenen Erfahrung heraus, mit drei Kindern ziemlich schnell allein da zu stehen, wenn der Mann auf der Arbeit ist und die Nachbarn keine Zeit haben. Heute kümmern sich 1500 Ehrenamtliche in über 100 Städten um 2000 Familien. "wellcome"-Helfer schenken Zeit, helfen beim Einkauf, machen Behördengänge, organisieren Unterstützung.

In den vergangenen Jahren treffen die wellcome-Leute immer mehr auf Familien, die gerade so über die Runden kommen. Die zuviel verdienen, um staatliche Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen. Aber zuwenig, um ein gesichertes Auskommen zu haben oder gar Rücklagen bilden zu können. So wie Andreas Iwen mit seinen Kindern. Ab und zu ein Eis, das ist schon drin, aber ein Urlaub mit den Kindern nicht mehr. "Ich fühle mich nicht bedürftig", sagt er. Aber manchmal ist er es. "Es ist keine Schande, sich einzugestehen, wenn man es allein nicht schafft", sagt wellcome-Gründerin Rose Volz-Schmidt. "Wer immer stark sein muss, darf sich auch mal fallen lassen".

Arm sind in Deutschland nicht nur die über zwei Millionen Kinder von Hartz IV-Empfängern; arm dran sind auch immer mehr Eltern, die ihren Kindern nicht mehr bieten können, was sie brauchen. Diese Eltern und ihre Kinder verdienen unsere Unterstützung. Wer uns helfen möchte, anderen zu helfen, ist herzlich eingeladen. Wer mag, kann jetzt seinen Paten-Antrag sofort im Internet ausfüllen und abschicken.

Mehr Infos unter www.wellcome-online.de und paten@stern.de

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Von Uli Hauser
 
 
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KOMMENTARE (10 von 30)
 
smilla (04.12.2009, 17:44 Uhr)
Lücken
Ich selbst habe meine Kinder 3 Jahre als alleinerziehende Studentin ohne BAFöG-Anspruch und mit zahlungsunwilligen Eltern durchgebracht. Diese Zeit hat mich sehr geprägt und war eine der schlimmsten meines Lebens.
Meines Erachtens sind die sozialen Leistungen für Kinder immer noch viel zu niedrig (Kinder brauchen fast jedes halbe Jahr neue Kleidung und Schuhe, Erwachsene nicht). Außerdem diese ständige Intoleranz zu erfahren, wenn man bei Vorlesungen fehlt, weil erst das eine, dann das andere Kind krank ist. Die Menschen in Deutschland wissen doch, dass es ohne Kinder nicht geht, und obwohl Eltern sich der doppelten Belastung stellen, die Kindererziehung zu leisten UND einen Großanteil der finanziellen Mittel dafür bereitzustellen, werden sie häufig alles andere als Unterstützt.
Es braucht wohl ein Umdenken in der Bevölkerung, nur fürchte ich, wird sich das erst einstellen, wenn niemand mehr in die Rentenkasse einzahlt.
auwei (04.12.2009, 12:35 Uhr)
@simbadische
Zitat: "Nicht materielles Vermögen verdient Schutz - Kinder sind das wahre Vermögen einer Gesellschaft" Wahr gesprochen - aber ganz schön mutig. In weniger rechtssicheren kapitalistischen Staaten grenzt so eine Aussage an strafwürdiges Verhalten...
simbadische (04.12.2009, 10:10 Uhr)
Grundsicherung - Bürgergeld - Familiensplitting
Es geht nicht nur ums Geld - aber ohne Geld geht nichts ! "Armut" ist auch der Mangel an Chancen - Kinder haben das Recht auf die Vielfalt unserer Welt. Musik, Bücher, Theater, Kino, Reisen - wenn Eltern kaum für das täglich Notwendige sorgen können, wie sollen sie ihren Kindern die zeigen was die Seele, den Geist ernährt ? Wohin entwickelt sich eine Gesellschaft, die sich kaum um das leibliche und garnicht um das seelische Wohl ihrer Nachkommen kümmert ?

Ein grundsätzliches Umdenken ist nötig ! Familien müssen gnadenlos bevorzugt werden ! Und Familie ist überall da, wo Kinder leben ! Nicht materielles Vermögen verdient Schutz - Kinder sind das wahre Vermögen einer Gesellschaft und ihre Bedürfnisse sollten immer an erster Stelle stehen ! - Und dazu gehört auch der Erhalt der Arbeitsplätze der Eltern ! Für jeden Arbeitnehmer, den ein Unternehmen "freistellt" , sollte richtig bezahlt werden! Und zwar von den Aktionären, nicht vom Steuerzahler.

Ach , man könnte noch soviel sagen, leider haben Politiker und Lobbyisten längst den Sinn für das wahre Leben verloren ! Armes Deutschland !
dido07 (03.12.2009, 23:13 Uhr)
Das Familienministerium
Da lädt man immer die dümmsten Hühner als Minister ab.
1valentino (03.12.2009, 16:53 Uhr)
@ auwei
Liebe Frau Köhler,

bitte nehmen Sie sich an Frau von der Leyen kein Beispiel und bewegen Sie wirklich etwas in Ihrer Amtszeit. Die Familien und vor allem die Kinder in Deutschland werden es Ihnen danken.





auwei (03.12.2009, 16:33 Uhr)
@1valentino
Ein klares JA! Warten wir ab, ob Frau Köhler mehr kann, als Helmut Kohl zu bewundern, jung zu sein und aus Hessen zu kommen. Frau v.d. Leyen besorgt den armen Familien währenddessen akzeptabel besoldete Arbeitsplätze - und der Klimawandel stoppt von selbst, während der Weltfrieden ausbricht und Dieter Bohlen ins Kloster geht.
Hanneh (03.12.2009, 15:59 Uhr)
stern-Aktion
Es ist ganz bestimmt keine Schande, um Hilfe zu bitten. Wissen wir doch eigentlich alle, dass es fast jeden von uns plötzlich und schnell,gerade in der heutigen Zeit, auch einmal so ergehen kann.
Vom stern finde ich es richtig toll, dass nicht nur geschrieben, sondern auch gehandelt wird. Ich werde mich auf alle Fälle an dieser Aktion beteiligen.
Zu unserem Staat möchte ich aber auch noch was sagen. Ich finde es einfach beschämend, wie wenig für Familien und Kinder getan und eingesetzt wird und das schon über viele viele Jahre. Für mich hat das auch viel mit Prioritätensetzung zu tun.
1valentino (03.12.2009, 15:54 Uhr)
@ auwei
Also hat die ehemalige Familien-Ministerin Ursula von der Leyen versagt. Sonst müsste der Stern heute keine Spenden-Aktion initiieren...
auwei (03.12.2009, 15:33 Uhr)
@1valentino
Zitat: "Was Frau von der Leyen da 4 Jahre gezaubert hat...keine Ahnung." Das kann ich Ihnen sagen: Frau v.d. Leyen hat versucht, aus Dung Edelmetall zu machen. Sprich: Die fast 1:1 übernommenen Pläne von Frau Schmidt (Vorgängerregierung) irgendwie umzusetzen, aber vor dem Hintergrund einer Ideologie, die zwischen konservativem "nur nicht einmischen" und marktradikalem "Familien schaffen keine bilanzrelevanten Werte " pendelt. Dass das nicht klappen kann, muss derzeit auch der Herr Röttgen mit seiner Atomkraft-Volte erfahren.
1valentino (03.12.2009, 15:03 Uhr)
@ pfady @ auwei @ Stiftung stern e.V.
Rums! pfady hat vollkommen Recht!

Und ich revidiere mich gern: Nicht nur die Reichen müssen endlich von ihrem unsäglichen Wahnsinnsbesitz abgeben, besser gesagt, zurückgeben. Es muss auch bessere Gesetze geben, die die Familie, sprich, den Menschen wieder in den Fordergrund stellen und schützen. Was Frau von der Leyen da 4 Jahre gezaubert hat...keine Ahnung. Es geht in der Tat nur noch um Kohle. Ob die uns hier weiter hilft, wage ich auch zu bezweifeln. Zumindest langfristig wird das mit dem Spenden so eine Sache. So gut es auch vom Stern gemeint ist...
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