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29. September 2010, 11:30 Uhr

"Hartz IV, das muss man erst mal können"

Der Bundestag diskutiert über Hartz IV. Pauline und ihre Familie leben damit. stern.de begleitet die 14-Jährige seit Jahren. Hier erzählt sie von Armut, Tussis, Glück und was fünf Euro mehr bedeuten. Aufgeschrieben von Manuela Pfohl

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Aufgepasst, was Pauline (14) über ihre Erfahrungen mit Hartz IV zu berichten weiß© privat

Du willst wissen, wie es mir geht, und ich sage dir, ich bin glücklich. Sogar richtig. Meine Zwillingsschwester Juliane ist immer noch auf dem Sportgymnasium. Mein kleiner Bruder Masum geht schon in die vierte Klasse, und ich bin in der 8. Aber das Wichtigste ist, im Juli ist mein kleiner Bruder geboren worden. Levent.

Anfangs war ich ja gegen die Geburt, weil ich den Vater nicht mochte und ich dachte, du hast jetzt schon vier Geschwister und nun noch ein Bruder. Ich habe mir auch Sorgen gemacht wegen dem Geld, weil Mama zwar ihren Job hat, aber wir kriegen ja immer noch Hartz IV dazu. Ich dachte, wenn noch ein Kind da ist, wird das vielleicht schwer, aber es geht. Und ich bereue das echt oft, dass ich vorher zu Mama gesagt habe, behalt das Kind lieber nicht, weil der Kleine so süß ist, und wenn man sich den anguckt, da kann man nur lächeln.

Das ist auch gut so. Denn es war mal wieder viel los bei uns, und es gab auch viele Sorgen in den Monaten vorher. Das liegt daran, dass Mama einfach kein Glück hat mit Männern. Das war schon so, als Masums Vater uns vor ein paar Jahren verlassen hat. Mama hat danach wirklich versucht, alles positiv zu sehen, und als sie vor drei Jahren Cem kennengelernt hat, da dachten alle, jetzt wird alles gut. Bloß ich nicht. Ich mochte ihn von Anfang an nicht so richtig, obwohl er viel für die Familie gemacht hat und Mama sehr glücklich war.

Aber jetzt ist er doch wieder abgehauen und hat Mama und das Baby verlassen; sie ist manchmal auch sehr traurig darüber und weint. Aber nur kurz. Denn sie sagt immer, man muss vorwärts denken. Und ich denke das auch.

5 Euro mehr, dass reicht für Familien nicht aus

Es ist nur immer noch so, dass es mit dem Geld Probleme gibt. Das gehört zu unserer Familie dazu, glaub ich.

Ich muss sagen, dass es jetzt fünf Euro mehr gibt, ist doch nicht schlecht, denn es ist für die Leute, die Hartz IV kriegen, viel Geld. Aber es reicht eben für viele Familien nicht aus. Zum Beispiel wenn ich mit Freunden in der Stadt bin, kriege ich zwei, drei Euro oder mal auch fünf und das reicht mir auch. Aber wenn ich merke, die Klamotten werden knapp, dann sagt Mama immer, es gibt erst Ende des Monats Geld, und dann kann ich erst danach was kaufen. Und das nervt manchmal echt, aber was soll sie machen. Hartz IV, das muss man erst mal können. Deshalb hätte ich es gut gefunden, wenn die Hartz-IV-Erhöhung soviel ist, dass man um den Monat rum kommt und das Geld bis zum Schluss reicht.

Ich hab das mit den Gutscheinen gehört, und ich find das gut. Aber die müsste es auch für die Kinder geben, so dass man vielleicht mal ins Kino gehen kann oder zu Handballspielen von der Bundesliga oder so, alles, was ein Kind halt auch mal machen will.

Und nicht zu vergessen, ich finde auch, dass es für Kinder wichtig ist, dass sie eine gute Umgebung zum Leben haben. Also nicht in einem Viertel wohnen, wo andere Kinder sind, die sich alle zwei Wochen prügeln oder die sagen, Schule ist Kacke. Also Bildung finde ich, gehört zum Leben dazu, das sollte normal sein und jedes Kind müsste das haben. Das ist wichtig.

"Meine Familie ist für mich da"

Und natürlich gehört eine gute Familie dazu, weil die Kinder ja Liebe brauchen, so wie bei uns. Da ist es so, dass wir auch oft Sorgen haben und so, aber ich weiß, dass meine Familie immer für mich da ist und ich auch für meine Mama und meine Geschwister.

Aber wenn ich manchmal höre, dass die Kinder sagen, sie brauchen einen i-Pod oder einen Laptop, dann sage ich, das ist zwar schön, aber es muss nicht sein. Ich hatte zum Beispiel einen Laptop, den habe ich geschenkt bekommen, und seit der kaputt ist, lese ich wieder viel mehr. Ich lese gerade "Die Welle", das ist sehr geil, weil man da auch viel lernen kann. Da geht es ja um Gruppenzwang, und das kann man auch in der Wirklichkeit sehen, hier gibt es auch viel Gruppenzwang.

Zum Beispiel bei uns in der Schule gibt es die Tussis, und wenn du nicht die Klamotten hast, die die Tussis haben, dann wirst du ausgegrenzt und schief angeguckt. Da merkst du gleich, wer Hartz IV ist und wer nicht, obwohl, man muss schon sagen, es gibt bei uns ganz schön viele Hartz-IV-Kinder. Die anderen haben jetzt alle solche Sportjacken für 65 Euro. Das muss man sich mal vorstellen: 65 Euro. Das kann doch nur jemand kaufen, der Geld hat. Die Hartz-IV-Kinder können das nicht, und dann heißt es gleich, ach ihr, ihr seid ja arm. Das ist manchmal ganz schön blöd für uns. Deshalb reden wir da auch in der Schule kaum drüber. Das will ja keiner, dass andere kommen und ihn auslachen. Ich bin jedenfalls trotzdem froh, dass wir Hartz-IV haben, denn sonst hätten wir jetzt vielleicht keine Wohnung.

Pauline: Was bisher geschah Bereits seit Oktober 2007 begleitet stern.de das 14-jährige Mädchen Pauline. Damals war sie elf Jahre alt und wohnte zusammen mit ihrer Mutter, der Zwillingsschwester Juliane und dem damals siebenjährigen Bruder Masum in einem Rostocker Plattenbau. Das Hartz-IV-Geld reichte kaum zum Leben, sie sagte: "Manchmal hab ich Angst"


Im April 2008 bekam ihre Mutter von einem privaten Spender Geld. Darufhin wurden ihr die Hartz-IV-Bezüge gestrichen
Im Februar diesen Jahres sprach stern.de dann erneut mit Pauline. Sie war optimistischer: "Ich bin jetzt nicht mehr so oft traurig"

Seite 1: "Hartz IV, das muss man erst mal können"
Seite 2: Arbeiten, arbeiten, arbeiten - und trotzdem arm
 
 
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