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Die Frau, die ihre Kinder statt sich selbst tötete

Ihre Kinder seien das Wichtigste gewesen, was sie hatte, sagt Claudia K.. Dennoch hat sie im Februar 2007 ihre beiden Söhne getötet. Nach jahrelangem Psychoterror durch ihren Ex-Mann sah die Hausfrau darin ihren einzigen Ausweg. Nun haben die Richter ihr Urteil über die 34-Jährige gesprochen.

Von Ingrid Eißele

Die Fragen von Richter und Gutachter beginnen oft im Konjunktiv. Sie sind wie Anker, die in den Tiefen eines dunklen Gewässers Halt suchen und sich nirgendwo verfangen. "Hätte man Ihre Kinder gefragt, hätten sie den Tod dem Leben vorgezogen?" fragt einer der drei Berufsrichter.

Vor ihnen sitzt eine junge Frau. Claudia K., 34, Hausfrau aus dem schwäbischen Esslingen. Hübsch, etwas aufgedunsen, sie nimmt ein Antidepressivum. Die blonden Haare zum Pferdeschwanz gebunden, ein weiches, blasses Gesicht unter einem braven Pony. Ein Gretchen-Typ. Angeklagt des Mordes an ihren Söhnen Mark, 12, und Mike, 8. Ihre Stimme ist klar, aber manchmal so leise, dass Richter Wolfgang Pross um Wiederholung bitten muss.

"Sieben Stiche im Brustbereich, bis zu vierzehn Zentimeter tief"

Nein, "ich glaube nicht, dass meine Kinder das gewollt hätten", gibt sie zu. "Aber daran habe ich in diesem Moment nicht gedacht." Dieser Moment war der 22. Februar gegen 10 Uhr vormittags, als Claudia K. in ihrer Küche ein großes Fleischermesser nimmt und im Flur ein Antennenkabel. Das Kabel schlingt sie ihrem Sohn Mark von hinten um den Hals, überkreuzt es und zieht es zu. Wie lange, wisse sie nicht mehr. Ob sich der Zwölfjährige wehrte? "Ich weiß es nicht." Er habe noch etwas gesagt, berichtet sie stockend. "Ich hab dich lieb, aber ich bin nicht sicher, weil es gar nicht passt."

Als Mark reglos auf dem Fußboden liegt, zieht sie ihm das T-Shirt hoch und sticht mit Wucht zu. "Sieben Stiche im Brustbereich, bis zu vierzehn Zentimeter tief", fasst der Staatsanwalt zusammen. Danach geht sie ins Kinderzimmer zu Mike, der mit seinem Gameboy spielt und von dem Drama im Nebenzimmer nichts mitbekommen hat. Die letzten Sekunden ihres Jüngsten hat Claudia K. aus ihrem Gedächtnis gelöscht. Mike stirbt auf dieselbe Weise wie sein Bruder. Nur dass ihre Hose danach "klatschnass" gewesen sei, daran erinnert sie sich.

Die Kinder sollten nicht alleine zurückbleiben

Sie habe sterben wollen. "Ich will nicht mehr! Ich kann nicht mehr! Ich will nur noch meine Ruhe." Diese Sätze seien ihr in den Minuten vor der Tat durch den Kopf gegangen, sagt sie im Gerichtssaal. Aber die Kinder sollten nicht ohne sie zurück bleiben. "Die waren mein Ein und Alles." Claudia K. steckt das Messer in die Handtasche und sucht im Wald einen versteckten Platz unter Bäumen. Dort sticht sie sich in den Hals und dreimal in den Bauch. Sie ist bewusstlos, wacht erst in der Nacht wieder auf, irrt schwer verletzt durch die Gegend, bis sie am nächsten Tag Spaziergänger finden. Sie gesteht der Polizei ohne Umschweife, was sie getan hat.

Ihr Mann Klaus hatte sich vor sechs Jahren in eine Kollegin verliebt. Einige Zeit pendelte er zwischen der Familie und Martina, der Geliebten, bis er endgültig zuhause auszog. Martina war schwanger. Mit ihr und dem gemeinsamen Kind zog er in das Haus ein, in dem auch seine Frau mit den Kindern wohnte. Claudia im zweiten Stock, er mit der neuen Familie im ersten Stock. Er habe seinen Kindern nahe sein wollen. "Andere hätten ihrer Ehefrau eben einen Tritt in den Arsch gegeben."

"Schlampe", nannte sie ihr Mann

Claudia K. protestiert nicht. Sie funktioniert. Sie putzt die Wohnung der Geliebten, bevor die dort einzieht. "Für die Kinder war es ja toll, dass der Papa in der Nähe war." Sie passt auf den kleinen Sohn des Paares auf, "damit die unten ihre Ruhe haben." Sie duldet, dass Möbel auf ihre Rechnung gekauft werden und die Geliebte den teuren Zweitwagen fährt. Claudia K. hat keinen Führerschein, "dafür war kein Geld da", sagt sie.

Ihr Mann, Mieter der Wohnung im zweiten Stock, besitzt weiterhin einen Schlüssel. Er tritt ein, ohne zu klopfen. Meist habe er etwas auszusetzen gehabt, sagt sie. "Schlampe" habe er sie schon mal genannt, gibt er auf Fragen des Richters zu. "Ich bin penibel", betont er, "bei mir kann man vom Fußboden essen." Er bemängelt, dass die Söhne "fressen wie die Schweine." Sie habe versucht, "normal" zu reagieren, "damit nicht noch mehr Geschrei ist." Die Söhne bekommen ja alles mit. "Eure Mama ist blöd", erklärt er den beiden. "Er hat mich regelrecht fertig gemacht", sagt sie. Sie sei schon zusammen gezuckt, wenn sie seine Schritte im Treppenhaus hörte oder seine Nummer auf dem Display des Telefons erkannte.

Wenn etwas nicht funktionierte, brüllte er

Dabei ist der 41-jährige Klaus K., ein Hänfling, 1,62 Metern klein, kaum 60 Kilo schwer, aber mit umso größerem Geltungsbewusstsein gesegnet. Im linken Ohr trägt er sechs Ringe, das Haar militärisch kurz geschoren. Wenn was nicht funktioniere, dann "lass ich halt mal einen Brüller raus", sagt er. Einmal habe er die Tastatur seines Computers auf den Tisch geknallt, "dass die Tasten raus geflogen sind". Aber nie habe er seine Frau und die Kinder geschlagen.

Klaus K. schlug mit Worten zu. Ein verhängnisvoller Schlüsselsatz lautet: "Wenn du mit dem Ganzen nicht klar kommst, dann nehme ich die Kinder, dann kannst du gucken, wo du bleibst!" Die Kinder hätten es bei ihm besser gehabt, versichert er dem Gericht, "weil ich sie verwöhnt habe." Vor der Mutter dagegen hätten sie immer weniger Respekt gehabt. "Sie musste etwas fünfmal sagen, bei mir reichte einmal."

"Wenn ich nein sagte, hat er rumgetobt"

Seine Besuche im zweiten Stock dienen nicht nur der Kontrolle. Manchmal hat er auch noch Sex mit seiner Ehefrau. Die Geliebte im ersten Stock darf nichts davon wissen. Er sei "ein bissle zweigleisig gefahren", wie er zugibt, "aber das ging häufig von ihr aus." Claudia K. sagt, sie habe "aus Angst" mitgemacht. "Wenn ich nein sagte, hat er rumgetobt. Er hat immer befürchtet, dass ich einen anderen Mann habe. Sex war für ihn die Sicherheit, dass er mich im Griff hat."

Warum sie sich nicht scheiden ließ? "Er hätte mich auf die Straße gesetzt", antwortet sie. "Das wäre doch das Beste für Sie gewesen, dann wäre die ganze behördliche Unterstützungsmaschinerie angelaufen", sagt Gutachter Peter Winckler. "Er hätte mir die Kinder weggenommen", sagt sie. "Er hätte es schon so hingedreht, dass ich eine schlechte Mutter bin. Wenn man das ein Leben lang immer wieder hört, dann glaubt man das."

Prügel, wenn der Vater betrunken ist

Claudia ist die Älteste von drei Geschwistern. Der Vater, ein Bäcker, verfällt dem Alkohol. Wenn er betrunken ist, prügelt er die Mutter. Claudia leidet unter dem ständigen Streit und Geschrei. Es ist einer der wenigen Momente, in denen sie aufgebracht wirkt. "Wie fühlt sich das für das Kind an, wenn die Eltern sich streiten und es sitzt dazwischen!" Sie schafft dennoch einen guten Realschulabschluss und lernt danach Krankenschwester.

Als sie den Lkw-Fahrer Klaus K. kennen lernt, ist sie 20 und gerade mit ihrer Ausbildung fertig, er 26. Schon ein halbes Jahr später heiraten sie, anderthalb Jahre später wird Sohn Mark geboren, dreieinhalb Jahre später Mike, beides Wunschkinder und der ganze Stolz des Vaters. Claudia K. gibt ihre Arbeit in der Chirurgie auf und kehrt später nicht in den Beruf zurück - vielleicht eine der verhängnisvollsten Entscheidungen ihres Lebens. Anfangs geht alles gut. Sie habe Ordnung in sein Leben gebracht, sagt Klaus K., der über seine Frau so unbeteiligt spricht, als handle es sich um eine Fremde. Fremd muss sie ihm auch geblieben sein. Sie sei antriebslos, "von allein kam sie nicht in die Gänge." Die Gegensätze werden immer schärfer: Er, der sich so gern als Macher sieht, der morgens um halb vier aufsteht und allein die Familie ernährt. Sie, die Duldsame, die nach Harmonie lechzt und nie Widerstand bietet, stattdessen nur wattehafte, unterwürfige Freundlichkeit. "Mit ihr kann man nicht mal richtig streiten, die schreit nie zurück", sagt er. "Die ist immer gleich geblieben, von der Hochzeit bis zum letzten Tag."

Sie verwaltet das Konto ihres Mannes

Sie hat keine Freundinnen. Mit der Mutter, die den Ehemann ablehnt, und ihren Schwestern hat sie sich auseinander gelebt. Auf den Gedanken, Hilfe bei einer Beratungsstelle zu suchen, kommt sie nicht. "Es gibt Frauen, die sind Ihnen intellektuell unterlegen, die hätten aber ihre Kinder geschnappt, wären zur Polizei gegangen und hätten gesagt, bringt mich ins Frauenhaus", platzt es irgendwann aus dem Richter heraus. "Ich habe immer nur gehofft, dass es besser wird", sagt sie schwach.

Selbst die bescheidene Macht, die sie hat, nutzt sie nicht für ihre Zwecke. Claudia K. ist die Geldverwalterin ihres Mannes. "Weil er "nicht so gut mit Geld umgehen kann", lässt er sie das gemeinsame Konto führen, auch dann noch, als er mit der Geliebten zusammen lebt. Mit seinem Monatsverdienst von 1800 Euro bezahlt sie die Miete, einen Kredit und die Raten für die beiden Daimler. Warum er zwei Autos brauchte, obwohl seine Frau doch gar nicht fuhr? Aus Sicherheitsgründen, sagt er, damit seine Lebensgefährtin ein Auto hat, falls mal was mit den Kindern ist. Er ist ständig besorgt, den Kindern könnte etwas zustoßen. Claudia K. muss auf sein Verlangen nicht nur Mike, sondern auch den zwölfjährigen Mark jeden Tag zur Schule bringen und dort abholen. Mark ist das peinlich, er bittet die Mutter, wenigstens nicht bis zum Schuleingang zu kommen.

Ein Haushaltsgeld von 40 Euro

Den Rest des Gehaltes, sein "Lebegeld", etwa 350 Euro, lässt sich Klaus K. von seiner Frau auf die Hand zählen. Er bezahlt damit das Benzin für die Autos, die Besuche im Pub und großzügige Geschenke für seine Söhne. Zum Geburtstag schenkt er Mark einen Fernseher. Claudia K. dagegen wird mit 40 Euro Haushaltsgeld abgespeist - mit zehn Euro pro Woche soll sie sich und die Kinder ernähren. Sie geht putzen, verdient 400 Euro, aber auch dieses Geld geht für die Autos drauf. Ebenso die 15.000 Euro, die sie nach dem Tod des Großvaters erbt. "Sie sagte, das geht schon", erklärt Klaus K. "Ich wusste ja nie, dass wir zwei Meter vor dem Abgrund stehen."

Dort stehen sie monatelang. Klaus K. kauft spontan, was ihm gefällt, auch mal neue Turnschuhe für die Kinder. Claudia K. fällt ihrer Arbeitgeberin auf, weil sie im Winter in abgetragenen Turnschuhen ihres Mannes herumläuft. Sie kauft verbilligte, abgelaufene Waren im Supermarkt und ernährt sich von Äpfeln und Marmelade, die ihr die Arbeitgeberin zusteckt. Irgendwann nimmt sie dort 500 Euro aus der Kasse, "um mir eine Wohnung zu finanzieren." Sie wird gefeuert, verheimlicht den Rauswurf, geht jeden Tag zur gewohnten Zeit aus dem Haus. Sie habe sich nicht getraut, ihrem Mann von der Kündigung zu erzählen. "Ich wurde ständig überwacht." Martina habe kontrolliert, wann sie komme und gehe.

"Es hat sich alles nur noch gedreht"

Am Vortag des 22. Februar ist Claudia K. nahezu blank, doch ihr Mann will, dass sie eine Autorechnung von 700 Euro bezahlt. Am nächsten Morgen um zehn soll sie das Geld bringen. Wieder mal soll sie ihre Verwandtschaft um Hilfe bitten. Sie schämt sich. "Er drohte, das ist deine letzte Chance, sonst kannst du unter der Brücke schlafen und ich nehme die Kinder." Nachts schläft sie nicht. Um halb drei ruft sie die Großmutter an, der Lebensgefährte ist dran, sie bettelt um Geld. Er lehnt ab. Um halb fünf ruft sie die Mutter an, die nicht recht versteht, was sie will. Zweimal ruft sie auch die Schwiegermutter an.

Gegen 8.30 will sie Getränke für die Kinder einkaufen, hebt am Automaten 20 Euro ab, ruft von unterwegs noch mal ihre Mutter an. Die sagt, sie könne ihr nicht helfen. "Dann ist mir die Zeit davon gelaufen", sagt Claudia K. Sie habe "alle Hoffnung verloren." Was hätte sie schlimmstenfalls von ihrem Mann zu befürchten gehabt, fragen die Richter. "Dass er auf mich losgeht!", sagt sie. "Es hat sich alles nur noch gedreht, ich kam da nicht mehr raus."

Für eine Auseinandersetzung fehlte ihr die Kraft

Am Ende dieser "Beziehungspathologie", so Gutachter Peter Winckler, steht der psychische Zusammenbruch. Am Morgen des 22. Februar habe Claudia K. den Entschluss gefasst, zu sterben, "und da gab es kein Halten mehr, das war ein bodenloses Fallen". Winckler schildert sie als eine Frau mit einer "dependenten Persönlichkeitsstörung", die ihren Mann zwar nicht mehr liebte, aber ihm hörig war und sich aus dieser Abhängigkeit nicht lösen konnte - selbst um den Preis der ständigen Demütigung. Eine "gewisse Dickköpfigkeit" habe vermutlich dazu beigetragen, dass sie alle Demütigungen stoisch ertrug. Für eine selbstbewusste Auseinandersetzung mit ihrem Mann habe ihr dagegen die Kraft gefehlt.

Nicht untypisch für Mütter, die einen "erweiterten Suizid" begehen. Winckler hat im Lauf seiner Arbeit als psychiatrischer Gutachter immer wieder solche Täterinnen begutachtet. "Alle liebten ihre Kinder, aber sie waren in der Regel schwache und überangepasste Menschen" - und verfügten meist weder über ein soziales Netz noch über einen Beruf, der sie erfüllte. Die Münchner Psychiaterin Annegret Wiese sieht in der Tötung des eigenen Kindes eine extreme Form der Rebellion gegen alte Rollenmuster. Claudia K. beschreibt ihre Tat als Explosion jahrelangen Widerwillens. "Ich habe mich selbst gehasst", sagt sie.

Das Strafmaß spielt für sie keine Rolle

Kurz nach der Tat schickt sie ihrem Mann eine SMS. "Mit dem Geld hat es geklappt." Eine Lüge. Er ruft sie an. "Sie sagte, sie geht jetzt putzen. Ihre Stimme klang völlig normal."

Elf Jahre muss K. nun ins Gefängnis. Das Landgericht Stuttgart verurteilte sie wegen Totschlags an ihren Kindern. Die Staatsanwaltschaft hatte zwölf Jahre beantragt, ihre Verteidigung zehn Jahre und sechs Monate. In seinem Plädoyer hatte der Staatsanwalt gesagt, die Tötung der Kinder sei keine Racheaktion gewesen. "Ihr ging es primär um die eigene Tötung."

Für Claudia K. spielt das Strafmaß keine Rolle. Sie habe lebenslänglich verdient, sagte sie im Gerichtssaal, "weil mich das, was ich getan habe, mein ganzes Leben lang verfolgen wird." Im Gefängnis fühle sie sich wohl, "weil die Leute dort auf mich aufpassen." Es ist das erste Mal, dass sie Hilfe gesucht und gefunden hat. Sie wisse jetzt, "dass ich auch andere Möglichkeiten gehabt hätte."

Der nächste Schritt ist nur noch ein kleiner. Klaus K. hat die Scheidung eingereicht. Claudia K. ist einverstanden.

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