Sie liebte ihre Kinder. Doch die Dämonen in ihrem Kopf wurden immer mächtiger, ihr Mann wurde immer hilfloser. So kam es im holsteinischen Darry zur Katastrophe. Die tragische Geschichte der Steffi K.

Das Haus der Familie K. in Darry und der Garten mit dem Spielzeug der Kinder - Tretauto, Schaukel, Rutsche© Jürgen Gebhardt
Hallo, ich bin Liam und zwar noch recht klein, aber ich habe schon sehr viel durchgestanden in meinem kleinen Leben. Meine Mama sagt immer, dass ich ein kleiner tapferer Kämpfer bin... Geboren wurde ich vor 18 Monaten ... und man sagte Mama und Papa, dass ich einen Herzfehler habe. Zunächst sagte man noch, dass der nicht wirklich gravierend sei ... Diese Worte tippt eine Mutter im Frühjahr 2003 in ihren Computer. Und dann erzählt sie die Geschichte ihres Sohnes dem Internet. Die Mutter ist eine etwas kontaktscheue Frau. Menschen finden sie seltsam, schon ihre Klassenkameraden in der Schule taten das. Und womöglich findet sie auch die Menschen seltsam.
Die Mutter spricht viel mit dem Internet. So viel, dass Liams Vater manchmal über die hohen Onlinegebühren klagt. Nachdem der anfängliche Schock über meinen Herzfehler sich etwas gelegt hatte, sagte man meinen Eltern, dass ich seltsam aussehe und man müsste einen Chromosomtest machen ... Die Mutter sorgt sich sehr um Liam, ihren dritten Sohn. Er hat nicht nur einen Herzfehler, er hat auch eine Gaumenspalte, wegen der er nicht richtig essen kann und die operiert werden muss. Seine Nase ist ständig verstopft, sein Gehörgang musste operiert werden, und seitdem hat er eine Mittelohrentzündung nach der anderen. Zwar lernt er gehen, aber es scheint, als liefen seine Füße mit ihm und nicht er mit ihnen. Und er spricht noch immer kein Wort. Liam ist Autist, vermuten die Ärzte. Wenn ich traurig bin oder Schmerzen habe, dann verletze ich mich selbst, indem ich den Kopf an etwas Hartes haue. Ich mag selten Blickkontakt aufnehmen und Kontakt zu Fremden fällt mir besonders schwer.

Liam, das Sorgenkind der Familie, nach der Operation der Gaumenspalte
So schreibt es Steffi K. für ihren Sohn im Jahr 2003. Viereinhalb Jahre bevor sie am Tag vor Nikolaus vormittags um halb zehn in ein Taxi am Markt in der holsteinischen Kleinstadt Lütjenburg steigt. Apathisch habe sie gewirkt, sagt der Taxifahrer später, kein Wort habe sie gesprochen, aber nein, Schnittverletzungen an ihrem Handgelenk habe er keine gesehen. Vielleicht hat Steffi K. sie sich später zugefügt. Irgendwann, bevor sie mittags vor dem Glashäuschen des Pförtners am Ameos Klinikum für Psychiatrie im 33 Kilometer entfernten Neustadt steht und um Aufnahme bittet. Bevor ihre Wunden am Handgelenk versorgt werden und sie dem Psychiater das Ende von Liams Geschichte offenbart. Es ist 15 Uhr, als der Arzt die Polizei zur Wohnung der Familie K. schickt. Dort finden die Beamten die Leichen von Liam und seinen vier Brüdern. Die Mutter habe sie erst mit Beruhigungsmitteln betäubt und ihnen dann Plastiktüten über den Kopf gestülpt, heißt es.
Wenn ich 3 Jahre alt bin, wird man meiner Mama dann sagen können, ob ich ein Autist bin oder nicht, schreibt Steffi für ihren Sohn. Das Internet ist eine schöne Welt für Liams Mutter. Die Homepages und Foren, in die sie fliehen kann, wo Hausfrauen ihre Katzen zeigen und Gedichte schreiben und wo man sich Dienstagknuddelgrüße und putzige Bärchen-Bilder schickt, ohne sich je gesehen zu haben. Über Stunden taucht Steffi K. täglich in ein kuscheliges Leben ein, das sie zu Hause nicht hat. Und es ist auch heute noch schwer, ihr vorzuwerfen, sie habe selbst Schuld daran.

"Ich mit meinem Mann Michael" hatte Steffi K. unter dieses Foto geschrieben, das sie vor einem Jahr übers Internet verschickte
Heute, da die Geschichte von Liam und seinen Brüdern die Bundeskanzlerin beschäftigt und sie "eine Kultur des Hinsehens" fordern lässt. Da die Behörden im Landkreis Plön Chroniken veröffentlichen, wann welches Amt und welcher Dienst sich mit der Familie K. beschäftigt hat. Listen, wie 2006 in Bremen, als Kevin von seinem Ziehvater erschlagen wurde. Wie vor drei Wochen in Schwerin, als Lea-Sophie verhungerte. Wie in Plauen und in Berlin. Zehn tote Kinder allein in der vergangenen Woche, gestorben, weil ihre Mütter sie töteten oder sie nicht versorgten. Es ist das Empfinden der Gesellschaft, das immer dann zusammenzuckt, wenn es voll Entsetzen feststellen muss, dass eine Mutterliebe versagt hat.
Nur kann man nicht sagen, dass Steffi K. ihre Kinder nicht liebte - Liam, seine kleinen Brüder Ronan und Aidan Elias und seine beiden älteren Halbbrüder Justin und Jonas, die Steffi in die Ehe mit Michael K. brachte. Liebe ist ein wichtiges Wort für Steffi K., sogar in der Oliver-Geissen-Show auf RTL ist sie aufgetreten, um ihrem Mann zu danken. Liebe auf den ersten Blick sei es zwischen ihr und Liams Vater Michael damals gewesen, erzählt sie Bekannten gern. Manche denken allerdings, dass es eine seltsame Liebe war. Steffi jedenfalls hat keine Mühe gescheut, ihr Glück zu finden. Gesucht hat sie in weiter Ferne, über einen Ozean hinweg, mittels Kabel und Satellit. Michael lebt in den USA, sie lernen sich über das Internet kennen, in einem Forum, chatten, mailen, telefonieren, sie sagt später, sie sei gleich hin und weg gewesen, als sie sein Bild sah, das er ihr mailte. Das ist der Vater meiner nächsten Kinder, dachte sie. Schließlich fliegt sie zu ihm.
Michaels Eltern seien nicht sehr begeistert gewesen, sagen Bekannte des Paars heute. Sie hätten die Frau nicht wirklich ins Herz geschlossen, eine Mittzwanzigerin aus dem fernen Deutschland, mit zwei Kindern aus einer früheren Beziehung, die ihren Sohn vom Fleck weg heiraten will, seltsam einfach. Aber sie können ihren Sohn nicht abhalten, Michael, den Musiker, den lockeren Typ, wie Freunde sagen. Schon bald ist Hochzeit, dann fliegen Steffi und Michael gemeinsam nach Deutschland.
So schildert es Steffi Bekannten, und wenn Liams Vater dabeisitzt, schweigt er und blickt, als wäre ihm die Geschichte etwas peinlich. Michael erzählt lieber, sie hätten sich kennengelernt, als er in Kiel studierte. Und so weiß keiner recht, was er glauben soll. Steffi scheint ohnehin ein gebrochenes Verhältnis zur Realität zu haben, das wird vielen später auffallen.
Die Familie lebt in Schellhorn in Schleswig- Holstein, einer Kellerwohnung, im Schulkamp, 100 Quadratmeter, feucht und dunkel, doch Liams Eltern sind froh, sie gefunden zu haben. Auch wenn sie nicht schnell heimisch werden, haben sie jetzt ein Zuhause. Eine Familie wie diese, das spricht sich herum in einem Dorf wie Schellhorn, das nicht schön ist und nicht hässlich, nicht groß, nicht klein, wo die Menschen nicht besonders unfreundlich sind, aber auch nicht besonders offen. Mehr als Hallo und Auf Wiedersehen sagen die K.s zunächst nicht zu den Nachbarn. Schnell sind sie im Dorf "die komische Familie", die Leute machen sich lustig über "die Fette" und "den Ami", "also dass die ein Paar sind", so sagen die Leute. "Dass sie ungepflegt und nachlässig gekleidet rumlief " und er "immer picobello", fällt auf.

Vater Michael kümmert sich liebevoll um die Kinder. Hier sitzt Liam im Kinderwagen
Aber bald werden sie auch bewundern, wie liebevoll sich gerade der Vater um seine Kinder kümmert, aufopfernd, nahezu selbstlos. Er fährt mit ihnen zu Abenteuerspielplätzen bis nach Eutin, und im Garten stehen bald schon eine Rutsche und eine Sandkiste, in der Wohnung daddeln die Größeren an einer Spielkonsole. Die K.s leben von Hartz IV, die Miete bezahlt das Sozialamt. Steffi hat eine Ausbildung zur Erzieherin, Michael hat in den USA sein Studium abgebrochen. Doch sie versuchen, ihren Kindern ein Paradies zu errichten, so gut es geht.
Langsam knüpfen die K.s Kontakte zu zwei Nachbarsfamilien. Die Kinder spielen miteinander, man sitzt abends beisammen. Michael nennen die Nachbarn einen "Freund", Steffi nennen sie eine "Bekannte". Liams Mutter schreibt herzliche, fast kitschige Sätze in die Internetforen, spricht im Netz zu Fremden, als wären sie Freunde, aber im wirklichen Leben bleibt sie Freunden immer irgendwie fremd.