Da geht die Post ab

15. Juni 2013, 10:29 Uhr

Knud Knudsen ist der einzige Wattpostbote Deutschlands. Wenn das Wasser abläuft, packt er die Briefe ein, krempelt die Hosenbeine hoch und läuft los, Kurs Südwest - ein Traumnebenjob. Von Gerhard Waldherr

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Inselstolz, Ankerherz, Uwe Bahn, Wattpostbote

Knud Knudsen läuft mehrmals die Woche durch das Watt von der Insel Pellworm zur Hallig Süderoog.©

Sie leben an der Schnittstelle zwischen Land und Meer. Dort, wo der Wind wohnt und der Blick endlos ist. Wo morgens die Dünen glühen und abends kein Schiff mehr geht. In dem Buch "Inselstolz" kommen 25 Menschen zu Wort, die auf den Ost- und Nordfriesischen Inseln sowie auf Helgoland leben. stern.de bringt einen Auszug über den Wattpostboten Knud Knudsen von der Insel Pellworm.

Auf halbem Weg zwischen Alter Kirche und Fähranleger. Von dem kleinen Parkplatz hinter dem Deich. Von da aus gehe ich ins Watt. Entscheidend ist der richtige Moment, wenn die Ebbe noch nicht leergelaufen ist, ungefähr zweieinhalb Stunden vor Niedrigwasser. Luftlinie sind es fünf Kilometer bis Süderoog. Aber die direkte Linie kann ich nicht nehmen. Der Boden wäre an manchen Stellen zu weich, außerdem gibt es seit Kurzem einen neuen Priel. An dem muss ich einen Schlenker nach links machen. Wenn ich in den Priel reingehen würde, stünde mir das Wasser bis zur Brust.

Wichtig ist, dass man Grad und Kurs einhält und auf das Tempo achtet. Die grobe Richtung ist Südwesten. Erst 200 Grad, dann 190 Grad, dann 210 Grad, dann 225 Grad und das letzte Stück 240 Grad. So sind es sechseinhalb Kilometer bis Süderoog. Dafür brauche ich nicht länger als eineinhalb Stunden, meistens eineinviertel Stunden. Aber das hängt natürlich vom Wetter ab. Ob es regnet. Wie der Wind ist. Bei Nebel bin ich auf den Kompass angewiesen. Und die drei Priele, durch die ich muss, dürfen nicht zu viel Wasser haben. Bei stürmischen Westwindlagen kann das passieren. Dann ist es zu gefährlich.

Weiter Himmel und Leere bis zum Horizont

Der Direktor des Hamburger Postmuseums hat mir mal gesagt, ich sei er einzige Wattpostboote Deutschlands. Nach Neuwerk kommt die Post per Kutsche. Langeneß, Oland und Nordstrandischmoor haben die Lore. Nach Gröde fährt Fiede Nissen mit dem Boot. Fiede kennt hier oben jeder. Der ist Bürgermeister von Langeneß und Oland und sieht aus, wie sich Fremde einen knorrigen Friesen vorstellen. So mit Schiffermütze und weißem Bart. Fiede ist ein Original. Über mich sagen die Leute das vermutlich auch, wenn sie ein Foto von mir sehen mit meinem Bart und wie ich mit meinem gelben Rucksack durchs Watt gehe.

Die meisten Menschen sehen im Watt nichts außer Schlick, Pfützen und Priele. Weiter Himmel. Leere bis zum Horizont. Mit anderen Worten: Sie sehen nichts und denken, wo nichts ist, passiert nichts. Aber das Watt ist voller Leben. Da sind Muscheln, Krebse, Würmer. Das Watt atmet, es knistert, es spricht. Je nach Jahreszeit, Tageszeit und Licht wechselt es seine Farbe. Temperatur und Wind verändern den Geruch. Du hörst das Kreischen der Möwen. Du schaust den Seeschwalben im Flug zu. Und du hörst das Meeresrauschen in der Ferne. Die Muster, die das Wasser in den Schlick zeichnet, sind nie gleich. Was ich im Watt sehe, ist für mich, was für andere Kunst ist.

Zweimal die Woche nach Süderoog

Soviel ich weiß, bringt man seit dem Ersten Weltkrieg die Post zu Fuß nach Süderoog. Als die Stelle 1990 frei wurde, habe ich mich gleich beworben. Gekriegt hat sie ein anderer. Als der 2001 einen Herzinfarkt hatte, hat sich alles von einem Tag auf den nächsten ergeben. Seitdem gehe ich zu den Matthiesens, die alleine auf Süderoog leben. Zweimal die Woche. Manchmal auch dreimal. Aber nie zur selben Uhrzeit. Meinen Zeitplan bestimmt die Tide, und die verschiebt sich ständig. Mal um zwanzig Minuten, mal um eine Dreiviertelstunde. Das hat mit dem Mond zu tun und mit der Erddrehung. Wie das genau funktioniert, kann ich nicht sagen. Muss ich auch nicht wissen. Das Hydrografische Institut berechnet Hoch- und Niedrigwasser im voraus, die machen das seit hundert Jahren.

Ich gehe gerne zu den Matthiesens. Das sind gute, engagierte Leute. Solange ich tragen kann, was die sich schicken lassen, bringe ich es vorbei. Große Pakete muss ich manchmal in zwei Lieferungen aufteilen. Da kommen mitunter schon einige Kilos zusammen. Manchmal bringe ich auch Brot, Butter und Milch mit. Wenn die Matthiesens eine Tageszeitung abonnieren würden, müsste ich die über einige Tage sammeln. Jeden Tag zu gehen, wäre zu aufwendig. Und wenn sie auf die Idee kämen, sich Hanteln oder ein Fahrrad per Post schicken zu lassen, wäre das zu viel. Das müssten sie sich mit ihrem Fischkutter abholen. Damit kommen sie ohnehin öfter mal nach Pellworm.

Das Zeitfenster von gut vier Stunden

Bei Gudrun und Hermann gibt es immer Kaffee, Kuchen oder eine herzhafte Mahlzeit. Dann sitzen wir in der Küche und halten Klönschnack. Was ist auf Pellworm los? Was auf Süderoog? Man muss sich gut verstehen, wenn man so miteinander verstrickt ist. Eine reine Geschäftsbeziehung würde nicht funktionieren. Außer meinen Nachbarn und dem einen oder anderen Arbeitskollegen habe ich in den letzten zwölf Jahren niemanden öfter gesehen.

Verquatschen darf ich mich auf keinen Fall. Das Zeitfenster, das mir die Tide gibt, ist eng. Mir bleiben viereinhalb Stunden für den Weg nach Süderoog und zurück, mehr als eine Stunde kann ich nicht bei den Matthiesens bleiben, wenn ich mit dem auflaufenden Wasser wieder in Pellworm sein will. Einmal war es knapp, da ging mir das Wasser auf dem letzten Kilometer bis zu den Hüften. Einmal ist das Wasser durch den Sturm viel zu schnell aufgelaufen und ich musste wieder umdrehen und auf Süderoog bleiben.

Übernommen aus:

Übernommen aus: "Inselstolz: Zwischen Strandkorb und Sturmflut - 25 Leben in der Nordsee". Mit Texten von Gerhard Waldher und Fotos von Alexander Babic, herausgegeben von Uwe Bahn, erschienen im Ankerherz Verlag zum Preis von 29,90 Euro.

 
 
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