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1. Februar 2008, 10:16 Uhr

Betrug vorm Balkon

Das Dornröschenschloss in Disneyland - nur Fassade. Der Canal Grande in Las Vegas - künstlich. Und selbst Verona betrügt seine Touristen: Der Balkon von "Romeo und Julia" hatte einst eine weniger romantische Verwendung. Von Jens Maier

Umlagert von Touristen: die falsche Julia auf dem falschen Balkon© Jens Maier

Der Balkon ist Betrug. Ebenso wie das Haus und der Innenhof. Und wie diese Julia, die vom Balkon herunterwinkt. Diese Julia ist nämlich keine Julia, sondern eine Francesca. Und noch dazu keine aus Verona, sondern aus Mailand. Macht offenbar nichts. Als sie der Menge zuwinkt, wird das mit einem Blitzlichtgewitter der Touristen im Innenhof quittiert. Die stehen zu hunderten Schlange, um einmal ihren Busen berühren zu dürfen. Nein, nicht den von Francesca - obwohl das viele sicherlich auch gerne getan hätten - sondern den der Bronzestatue der Julia unten im Hof. Ganz abgegriffen ist ihre rechte Brust schon. Und warum? Weil alle an die Geschichte von Romeo und Julia glauben.

Shakespears Tragödie des Liebespaares soll sich hier abgespielt haben. In der Innenstadt Veronas, zwischen Modeboutiquen, Trattorias und Eiscafés, liegt in der Via Capello 23 ein mittelalterliches Haus mit großem Hof. Dorthin pilgern Touristen aus aller Welt scharenweise, denn dort hat Julia angeblich gelebt. Auf einem Balkon soll sie auf Romeo gewartet haben. Doch wie die ganze Geschichte, ist auch die der "Casa die Giulietta" - mit allem was dazugehört - frei erfunden.

Francesca scheint das nicht zu stören. Sie gefällt sich in der Rolle der Julia immer besser. Jetzt verteilt sie sogar Luftküsschen an eine Gruppe japanischer Touristen. Die wurden gerade mit einem Reisebus vorgefahren. Und selbst die sonst so schüchternen Japaner lassen sich dazu hinreißen, die Statue der Julia zu betatschen. Allen, die eine neue Geliebte suchen, soll das angeblich Glück bringen. Als Francesca im Hof auftaucht, wird sie von der Menge jubelnd beklatscht und muss mit jedem der Japaner ein Foto über sich ergehen lassen. Auf Fotoabenden der daheim gebliebenen Landsleute wird sie wahrscheinlich als die echte Julia herhalten müssen. Nur ein kleiner Betrug, wenn man bedenkt, was Verona seinen Besuchern zumutet.

Mit Kaugummi an die Wand geklebt: Liebesbriefe in der in der Via Capello 23© Jens Maier

Denn das Haus, das heute in jedem Reiseführer Veronas als Haus der Julia Erwähnung findet, war noch vor hundert Jahren ein Stall. Eine reiche Veroneser Familie hat hier nie gewohnt, geschweige denn Julia. Und dann die Sache mit dem Balkon. In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts waren die Veroneser es schlicht leid, den Menschen aus aller Welt den Umstand zu erklären, dass es den berühmten Balkon nicht gibt. Einfacher schien die Lösung, ein recht hübsches Exemplar in einen repräsentativen Hinterhof einzubauen. Kurzerhand wurde ein alter Sarkophag an die Fassade gezimmert, zu dem nun Millionen begeisterte Besucher in jedem Jahr wie zu einer Reliquie pilgern.

Romantisch geht es allerdings nicht zu - unterm wohl bekanntesten Balkon der Literaturgeschichte. In dem kleinen Hinterhof drängeln sich nicht die Verliebten, sondern die Souvenirjäger. Und die leisten Akkordarbeit nach Vorgabe ihres Reiseführers: Erstens: ein Foto vom Balkon. Zweitens: einmal den rechten Busen der Julia-Statue berühren. Drittens: ein Liebesbriefchen im Durchgang zum Hof hinterlassen. Und dort kleben sie jetzt. Zu hunderten oder gar tausenden. Mangels Tesa mit Kaugummi an die Wand geklebte Botschaften wie man sie profaner sonst nur ab und an auf Autobahnbrücken gesprüht sieht: Stets steht da irgendein Name und dazu die Worte: "… ich liebe dich" oder auf italienisch "ti amo". Weil auch die Stadt die Liebesschwüre irgendwann leid war, ließ sie das Gekritzel sogar verbieten. Bis heute ohne Erfolg.

Die Stadt ist eben Pilgerstätte der Verliebten. Ganz besonders auch an lauen Sommerabenden, wenn sich auf der Piazza Bra Picknickdecke an Picknickdecke und Pärchen an Pärchen reiht. Und insbesondere die Frauen werden dahin schmelzen, wenn ab 22. Juni die Stimme von Leo Nucci über der ganzen Stadt zu hören ist. Er wird als Nabucco um seine Tochter weinen, denn der italienische Bariton ist der Star der diesjährigen Opernfestspiele in der Arena di Verona.

Opernfestspiele Die diesjährigen Opernfestspiele in der Arena von Verona finden zwischen dem 22. Juni und dem 1. September statt. Zum Auftakt ist eine Neuinszenierung der Verdi-Oper "Nabucco" geplant mit dem italienischen Bariton Leo Nucci in der Titelrolle. Im Übrigen stehen auch "Aida", "Der Barbier von Sevilla" sowie "La Bohème" auf dem Programm.
www.arena-verona.de

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KOMMENTARE (2 von 2)
 
ElPrimo (30.05.2007, 17:12 Uhr)
kann nur beipflichten
habe vor zwei jahren auch nen sonntagsabstecher vom gardasee nach verona gemacht. echt klasse, da passt alles. wunderschöne altstadt mit ihren schmalen gassen und das imposante kolosseum. dazu die tolle fussgängerzone. kann ich auch wärmstens empfehlen.
manndernichtdaist (30.05.2007, 07:25 Uhr)
wunderschön
Wer in Italien Urlaub machen will, sollte auf jeden Fall einen Abstecher nach Verona machen - diese Stadt ist es wirklich wert.
 
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