In unserer Serie „Fell, Chaos, Liebe“ erzählen Menschen aus ihrem Leben mit Tieren. Es sind Geschichten, in denen Katzen verreisen und Mäuse sich weigern, Miete zu zahlen. In denen Vögel etwas Neues wagen und Hunde sich auf unbestimmte Zeit vom Leinenzwang befreien. All die kleinen Heldinnen und Helden bereichern unseren Alltag. Ein Leben ohne sie, das wissen wir seit rund 40.000 Jahren, ist möglich. Aber sinnlos.
Der 24. Februar 2022 war ein Donnerstag. Am frühen Morgen fielen russische Truppen in der Ukraine ein. Kriegsbeginn. Und ich sah eine Ratte durch unseren Flur flitzen und im Wohnzimmer unterm Sofa verschwinden. Auch so eine Art Kriegsbeginn. Ich gegen das Tier. Aber der Reihe nach.
Wir wohnen in einem Hamburger Altbau von 1898. Alles sehr schmuck, nur ist so ein bröseliges Haus mit mehreren Mietparteien eben auch voller Ritzen, Hohl- und Zwischenräume, an die kein Mensch herankommt. Schädlinge mit Nagezähnen allerdings sehr wohl. Natürlich lieben sie auch den Inhalt der Mülltonnen des Restaurants im Erdgeschoss.
An besagtem Februarmorgen passierte alles gleichzeitig. Das eine Kind musste in die Schule, das andere war fast fertig für den Kindergarten, ach nee, jetzt noch mal Pipi, beeil dich, Kleiner! Dann die Sichtung der Ratte. Man ahnt auch, was am ersten Tag eines Krieges in der stern-Redaktion los ist. Genau: Es ist die Hölle los. Es mussten Eilmeldungen geschrieben, Experten um Interviews gebeten, Reporter losgeschickt werden. Meetings nonstop. Ich hatte ein Handy an jedem Ohr und den vibrierenden Laptop vor der Nase. Jetzt musste schnell eine Lösung her für die verdammte Ratte!
Schnelle Lösungen sind manchmal gut, im Kriegsfall allerdings ganz schlecht. Da sollte man zuerst nachdenken, bevor man handelt. Genau das tat ich nicht. Sondern rief den ersten Hamburger Schädlingsbekämpfer an, den Google mir anzeigte. Es gab nur eine Mobilnummer. Das erste Warnzeichen hatte ich damit schon ignoriert. Eine professionell klingende Frau, die ihren Namen nicht nannte, ließ sich den Sachverhalt schildern und versicherte, um 15 Uhr ein Team vorbeizuschicken.
Die Männer öffneten Schubladen, verrückten Schränke
Punkt 15 Uhr standen fünf junge Männer in dunkelgrauen Arbeitsklamotten vor der Tür. Warum so viele?, fragte ich. Zwei seien Azubis, hieß es. Die Männer öffneten Schubladen, verrückten Schränke, nahmen Bilder von der Wand, schauten in und unter alle Betten. Einer kroch mit Taschenlampe auf unseren niedrigen Dachboden und verteilte dort viele blaue Giftsäckchen. Auf der Packung stand fett: „Nur in Köderboxen auslegen!“ Warnsignal Nr. 2 ignoriert. Nach einer guten Stunde waren die Männer fertig. Keine Ratte, nirgends. Sie würden jetzt noch zusätzlich ein Mittel versprühen, ob es wegen der Kinder lieber „etwas Natürliches“ sein solle? Ich fragte, was diese Fünf-Liter-Flasche ohne Etikett denn enthielte. Das könnten sie nicht genau sagen, ich solle in der Firma nachfragen. Das war Warnsignal Nr. 3, auch glatt überfahren.
Inzwischen waren die Kinder wieder zu Hause und schauten sich das Spektakel begeistert an. Die Männer machten Späße mit ihnen: Oh, wo ist bloß eure Ratte hin, vielleicht im Klo zum Tieftauchen? Kicher, kicher.
Dann präsentierte einer von ihnen die Rechnung, ganz ordentlich auf einem Klemmbrett. Es waren 587 Euro inklusive „Notfall-Pauschale“. Von einem Notfall hatte ich nie gesprochen. Ob ich das Geld überweisen könne? Leider nein, EC-Karte ginge auch nicht. Das Team sei heute nämlich nicht für die eigene Firma im Einsatz, sondern über die Webseite angefordert worden. In diesem Moment müssen mich alle inneren Stimmen angebrüllt und gleich mehrere Stoppschilder geschwenkt haben: Alarm, Schätzchen, hier ist doch was mega faul! Ich hörte nicht hin. Ich musste zurück an den Schreibtisch. Und hatte, das wurde mir erst später klar, auch starke Hemmungen, fünf junge Schwarzafrikaner für Betrüger zu halten.
Ich bat die Männer also vor die Tür, ließ kurz die Kinder mit dem eilig herbeigerufenen Babysitter allein, rannte zum Bankautomaten und bezahlte. Ende des ersten Kriegstags.
Ich solle mich aus seinem Business heraushalten, schrie der Betrüger
Tags darauf rief ich die Schädlingsbekämpfer-Firma an, ich wollte wissen, was für ein Mittel in unserer Wohnung versprüht worden war. Man verband mich mit einem namenlosen Mann, der sagte, es sei „Fendona“ versprüht worden. Doch eine schnelle Recherche ergab, dass dieses Mittel von BASF gegen Ameisen und Insekten eingesetzt wird, nicht gegen Nagetiere. Ich rief noch mal an. Ein anderer Mann, wieder ohne Namen, schrie durchs Telefon, ich solle mich endlich aus seinem Business heraushalten, er wisse ja jetzt, wo ich wohne, wie meine Kinder aussehen, man müsse es klugscheißenden Frauen wie mir mal so richtig besorgen …
Schritt eins: Ich schämte mich für meine unfassbare Dummheit, auf diese Typen hereingefallen zu sein. Schritt zwei: Ich radelte zur Polizei und zeigte den Laden an. Schritt drei: Ein genauerer Blick auf die Rechnung der Ratten-Bande zeigte eine Firma in Nordrhein-Westfalen samt Steuernummer. Laut Handelsregister war diese Firma zu dem Zeitpunkt genau eine Woche alt und der Inhaber laut Verbraucher-Webseiten bereits mit anderen Betrügereien aufgefallen, Schlüsseldienste und Klempnerarbeiten. Ich schrieb der Steuerfahndung Aachen-Kreis, weil hier ja offensichtlich Schwarzgeld floss. Die Hamburger Verbraucherzentrale informierte ich auch.
Die Ratte ist wahrscheinlich eine Maus
Die Verfolgung der falschen Kammerjäger lief, die der Ratte noch nicht. Die Stadt Hamburg unterhält eine Meldestelle für Ratten, dort ging Herr Krause ans Telefon. Er hörte zu und machte „hmm“, „ja“ und „soso“, als hätte er solche Storys schon hundertmal gehört. Es sei nicht sachgerecht, Giftköder in Innenräumen auszulegen. Es sei außerdem nicht sachgerecht, irgendetwas gegen Ratten zu sprühen. Und es handle sich höchstwahrscheinlich gar nicht um eine Ratte, sondern um eine Maus. Was?!
In der Tat, sprach der Fachmann, seien Ratten zwar Kulturfolger, genau wie Mäuse, sie schafften es aber meist nicht in die oberen Stockwerke von Gebäuden. Ob wir defekte Abwasserleitungen oder stillgelegte Kaminschächte hätten (ja und ja). Ob wir den charakteristischen Rattenkot gefunden hätten, zwei Zentimeter lang, zylindrisch. Ob wir nachts lautes Rascheln hörten (nein und nein). Herr Krause empfahl, uns wegen des Schadnagers an einen absolut vertrauenswürdigen Schädlingsbekämpfer zu wenden, das „Kill Team“. Das klang vielversprechend, fand ich.
Herr Krause sollte Recht behalten. Es war keine Ratte. Bei uns lebte eine Maus. Wir sahen sie abends umherhuschen. Wir fanden ihren Kot, weizenkornförmig mit spitz zulaufenden Enden, und zwar nur auf dem beigefarbenen unserer beiden Sofas. Auf das schwarze Sofa kackte sie nie. Aus Rücksicht, weil sich dann versehentlich Menschen daraufsetzen könnten? Oder aus reiner Schadenfreude, weil schwarze Köttel auf hellem Grund viel besser zur Geltung kommen? Man soll Tieren keine Absichten unterstellen, mir fiel das aber zunehmend schwer. Auch deshalb, weil ich mit meiner Mordlust auf die Maus bald allein dastand. Mein Mann, Kind vom Land, zuckte nur die Schultern. Ist halt ’ne Maus, verpacken wir eben alle Lebensmittel nagetiersicher. Ich mochte nachts nicht mehr aufs Klo gehen, während unsere Kinder mehrmals aufstanden, um im Bad die Maus zu treffen. Unsere kleine, süße Maus, endlich haben wir ein Haustier! Sie bauten ihr Spielplätze aus Lego. Manchmal standen sie flüsternd vor einem Türrahmen oder knieten über einer Bodendiele, in dem Glauben, die Maus säße dahinter und hörte zu, was alles Aufregendes im Kindergarten und in der Schule passiert war.
Ich hingegen ekelte mich vor den fettig-grauen Schmierspuren, die die Maus an den Fußleisten hinterließ. Einmal tippelte sie lässig durch die Küche, während wir beim Abendessen saßen, und hatte dabei ein triumphierendes Funkeln in den Augen. Mich kriegt ihr nie! Doch, doch, dies war ein schadenfroher Schadnager. Mus musculus gegen Homo sapiens. Sieg durch Zermürbung. Man sieht, wie weit es mit mir gekommen war.
Wahrscheinlich sei es eine schlagfallenresistente Maus, sagte Herr Müller
Meine einzige Hoffnung war jetzt Herr Müller vom „Kill Team“, der in den folgenden Monaten regelmäßig bei uns zu Besuch war. Er stopfte die Ritzen an Türen, Zargen und im Boden mit Stahlwolle aus. Er bestimmte anhand der Intensität der Schmierspuren die Laufwege der Maus und verteilte Lebendfallen mit schokoladiger Köder-Paste an strategischen Punkten. Für Todfallen müssen professionelle Schädlingsbekämpfer übrigens eine behördliche Genehmigung einholen, Tierschutz und so, das hätte wahrscheinlich länger gedauert als ein Mäuseleben. Was soll’s, dachte ich, und erklärte auch bei uns zu Hause die Zeitenwende. Radelte zum Baumarkt, kaufte zehn Schlagfallen. Ich probierte es mit Salami, Gummibärchen, Nutella, Erdnussbutter. Nichts passierte. Dann Bergkäse, Gurke, Apfel, Lakritz. Die Maus tappte nicht in die Falle.
Wahrscheinlich handle es sich um eine schlagfallenresistente Maus, sagte Herr Müller. Ich lächelte ihn gequält an. Es ist nämlich so, erklärte er: Eine Maus, die einen Artgenossen tot oder sterbend in einer Schlagfalle sieht, erzählt das ihren Jungen. Mutter und Vater Maus heben dann drohend die Pfote und sagen: Kind, halte dich fern von diesen nach Mensch riechenden Brettchen mit kupfernen Drähten und tritt nie, nie, niemals auf das hochgestellte Treppchen. Auf diese Weise entstünden ganze schlagfallenresistente Mäusepopulationen. In Hamburg könne man die Straßen danach einteilen. Weshalb es sehr wichtig sei, Schlagfallen wegen des Menschengeruchs nur mit Handschuhen anzufassen und das Ding nach erfolgtem Mausetod schleunigst den Blicken anderer Mäuse zu entziehen. Ach, ich sollte noch so viel lernen von Herrn Müller!
Zum Beispiel, dass Mäuse durch Öffnungen passen, durch die ein Kugelschreiber passt. Dass die Männchen Lieder im Ultraschallbereich zwitschern, um ihre Auserwählte zu gewinnen. Dass das Hanta-Virus im Mäusekot stecken kann. Eine Infektion verläuft wie eine schwere Grippe, mehrere Hundert Menschen pro Jahr sterben in Deutschland daran. Weshalb ich die schwarzen Köttel vom hellen Sofa nicht wegsaugte, sondern mit spitzen, behandschuhten Fingern sofort aus der Wohnung brachte und dabei die Luft anhielt.
Die Monate vergingen. Die Maus bewohnte unsere Wohnung, sie war so frei, wie eine Maus nur sein kann. Herr Müller trug mir auf, nach dem Nest der Maus zu fahnden. Mäuse richten ihr Hauptquartier an warmen, dunklen Orten ein, unsere hatte ihren Stützpunkt womöglich in der Abstellkammer, wo auch der Warmwasserboiler steht. Verdächtige Baumaterialien sind Papierschnipsel, Stoffreste, vertrocknete Pflanzenteile. Ich stellte alles auf den Kopf, legte mir eine Sammlung von Stöckchen, Haken und Stäben zu, mit denen ich in Winkeln und Ritzen herumstocherte. Kein Nest, nirgends.
Nutzte die Maus unsere Wohnung als Airbnb?
Herr Müller versuchte, mich mit Geschichten über andere Schädlinge zu unterhalten („Bettwanzen! Da können Sie Lampen, Bilderrahmen und fast die ganze Inneneinrichtung wegschmeißen“) – aber auch er fand das Nest der Maus nicht. Nach dem fünften oder sechsten Besuch rieb sich Herr Müller nachdenklich die Stirn. „Wahrscheinlich nutzt die Maus Ihre Wohnung nur als Airbnb“, sagte er. Sie habe ihr Nest woanders und komme nur zwischendurch zu uns, wenn es ihr gerade passe.
Es fiel mir schwer, nicht zu schreien. Erst legte mich diese Rattenbande rein, dann sollte ich als Airbnb für eine Maus herhalten. Ich würde das Feld nicht räumen! So viel stand fest. Die Maus musste weg, zur Not würde ich das eben allein durchziehen.
Ein paar Tage später ergab sich die Gelegenheit. Spät am Abend, alle schliefen schon, sah ich die Maus in die Abstellkammer flitzen. Jetzt pass auf, du Mistvieh! Ich holte Klebeband, eine Kiste Lego und Puderzucker. Den Zucker streute ich großzügig auf beiden Seiten der Tür aus, als schöne, weiße Fläche. Herr Müller hatte dazu geraten, denn Mäuse mögen Käse nur in Comics, in Wahrheit sind sie wahre Süßzähne. Anhand der Fuß- und Schleckspuren könne man erkennen, welche Wege die Maus nimmt und wo sie nicht durchkommt. So könne man sie in die Enge treiben. Ich schloss die Tür und versiegelte die klaffenden Türspalte (Altbau!) oben und unten mit Lego-Steinen. Dann klebte ich rundherum alles mit Klebeband ab. Da würde noch nicht mal mehr ein Staubkorn durchkommen, ha! Ich hatte wohl ein triumphales Funkeln in den Augen.
Am Morgen danach sah ich wohl eher aus wie Kater Tom, wenn einer seiner vermeintlich genialen Streiche nicht funktioniert. Tröööööt! Fast hörte ich das hämische Hupen aus „Tom und Jerry“. Denn der Puderzucker war auf beiden Seiten der Tür weggeschleckt, Lego und Klebeband unangetastet. Keine weiteren Spuren. Die Maus kannte offenbar Mittel und Wege, die mir auf immer verborgen bleiben würden. Ich gab auf. Mein älterer Sohn, damals acht Jahre alt, nahm mich in den Arm. „Mama“, sagte er feierlich, „unsere Maus will leben.“ Es würde nur maximal 18 Monate dauern, länger ginge ein Mäuseleben sowieso nicht.
Wir sahen die Maus danach noch viele Male. Ich entsorgte viel Mäusekot und wischte viel Mäusefett von Fußleisten. Unsere Maus will leben, unsere Maus will leben, sagte ich mir immer wieder, bevor die Wut zu groß werden konnte. Und irgendwann im darauffolgenden Jahr kam sie dann nicht mehr. Die Kinder waren traurig. Es war das Ende des Krimis mit der Maus.
Na, nicht ganz: Gerade kam Post von der Staatsanwaltschaft. Vier Jahre nach meiner Anzeige gegen die Rattenbande, nach mehreren Besuchen auf der Wache, wo man mir Fotos möglicher Täter vorlegte (zwei erkannte ich), und nach sehr viel Schriftverkehr teilt man mir jetzt mit, dass von der Verfolgung des Beschuldigten, Herrn Soundso, gemäß § 154 Abs. 1 der Strafprozessordnung vorläufig abgesehen werde. Denn die Strafe, die der Beschuldigte zu erwarten hätte, würde angesichts der Strafen für viel gravierendere Taten nicht beträchtlich ins Gewicht fallen.
Eine Maus wiegt 30 Gramm. Angesichts all der Probleme in der Welt fällt das wohl wirklich nicht beträchtlich ins Gewicht.
Alle Folgen der Tierserie „Fell, Chaos, Liebe“ finden Sie hier.
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