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15. Juni 2010, 06:36 Uhr

Mittelschicht ist der Verlierer des Jahrzehnts

Es ist neue Munition gegen das Sparpaket: Laut einer Studie werden die Reichen in Deutschland immer reicher und die Armen ärmer. Die Mittelschicht breche weg - und die Regierung verschärfe die Lage.

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Armut in einem reichen Land: Ein junger Mann bettelt an einer Kreuzung in Berlin© Arno Burgi/DPA

Die Mittelschicht schrumpft und die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland wird immer größer. Mit diesem Ergebnis heizt eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) die Debatte um das Sparpaket der Bundesregierung weiter an, wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet. Der besorgniserregende Trend werde von der Bundesregierung verschärft, die hohe Einkommen verschone und niedrige Einkommen belaste, kritisierten die Ökonomen.

Die Studie, die heute veröffentlicht werden soll und sich auf den Zeitraum 2000 bis 2009 bezieht, stelle eine deutliche Polarisierung der Einkommen fest: "Auf der einen Seite steigt die Zahl der Menschen, die im Luxus leben, und auf der anderen Seite die Zahl derjenigen, die mit niedrigem Einkommen auskommen müssen oder sogar arm sind", schreiben die DIW-Forscher der Zeitung zufolge. Dieser Trend löse bei der Mittelschicht starke Ängste aus.

Die DIW-Autoren stellen laut dem Bericht fest, dass in den vergangenen Jahren immer mehr Menschen in die Schicht derer rutschten, die nur niedrige Einkommen erzielen konnten. Zu dieser Gruppe gehört, wer weniger als 70 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung habe. Bei einem Paar mit zwei Kindern unter 14 Jahren entspreche dies einem monatlichen Netto-Einkommen inklusive Kindergeld und anderen staatlichen Leistungen von 1.800 Euro. Im Jahr 2000 hätten 18 Prozent zu dieser Gruppe gehört, im Jahr 2009 dann fast 22 Prozent.

Mittelschicht der Verlierer des letzten Jahrzehnts

Gleichzeitig sei auch die Gruppe der Wohlhabenden, die mehr als 150 Prozent des mittleren Einkommens ausgeben können, gewachsen. Im Jahr 2000 gehörten 16 Prozent zu dieser Gruppe; im Jahr 2008 waren es dann 19 Prozent, schreibt die Zeitung. Zwar sei die Gruppe der Wohlhabenden im Krisenjahr 2009 erstmals leicht geschrumpft. Trotzdem stiegen die Einkommen auch im Jahr 2009 weiter an. Damit sei der Vorsprung der Gutverdiener erneut gewachsen.

"Die Einkommensschere zwischen niedrigen und hohen Einkommen hat sich in Deutschland weit geöffnet", bilanziert die Studie. Die Reicheren seien "nicht nur immer mehr, sondern im Durchschnitt auch immer reicher geworden". Parallel dazu seien die Ärmeren "nicht nur immer mehr, sondern auch immer ärmer" geworden.

Dies bedeute, dass die Mittelschicht schrumpfe; sie sei der Verlierer des letzten Jahrzehnts – eine Entwicklung die auch die Stabilität der Gesellschaft bedrohe. "Gerade bei den mittleren Schichten, deren Status sich auf Einkommen und nicht auf Besitz gründet, besteht eine große Sensibilität für Entwicklungen, die diesen Status bedrohen." Ausländerfeindlichkeit und Fremdenhass könnten sich ausbreiteten.

Hohe Einkommen sollen Sparbeitrag leisten

Das Sparpaket beurteilen die Wissenschaftler deshalb sehr kritisch. DIW-Ökonom Jan Goebel halte es für unangemessen, dass die bisherigen konkreten Vorschläge "eigentlich nur die unteren Einkommensbereiche betreffen". Es stelle sich die Frage, warum die Menschen mit hohen Einkommen keinen Sparbeitrag leisten sollen.

IG-Metall-Chef Berthold Huber sagte der Zeitung, die Ergebnisse zeigten, "wie die falsche Politik der vergangenen Jahre das soziale Gleichgewicht in Deutschland aus der Balance gebracht hat". Das unsoziale Sparpaket präsentiere den Menschen eine Milliardenrechnung, "während die Verursacher Milliardengewinne in ihren Bilanzen ausweisen" und die Spekulationen munter weitergingen.

APN
 
 
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