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Wie schrumpfende Dörfer neue Bewohner anlocken wollen

Während Deutschlands Städte rapide wachsen und bezahlbarer Wohnraum knapp wird, schrumpfen Dörfer - oder verschwinden sogar ganz von der Landkarte. Doch die ländlichen Gemeinde wollen diese Entwicklung nicht kampflos hinnehmen. 

Verfallenes Haus auf dem Land

Deutschlands Dörfer kämpfen gegen den Bevölkerungsschwund

Nur noch 50 Kinder sitzen in der Grundschule im niedersächsischen Ottenstein. Das rentiert sich nicht für das Dorf. Doch wenn die Schule schließt, verschwindet auch der letzte Anreiz für junge Familien dort zu wohnen. Der 71-jährige Bürgermeister des Ortes, Manfred Weiner, wollte dem schleichenden Tod seiner Heimat nicht mehr tatenlos zusehen und entwickelte eine Idee: "Ich stellte fest, dass wir einen Hektar Ackerland für 180 Euro im Jahr an Bauern verpachten. Ich war mir sicher, die billig verpachtete Ackerfläche könnte man besser nutzen", sagt Weiner dem "Spiegel". Sein Vorschlag sorgt im Gemeinderat für Kopfschütteln, denn Weiner will die Fläche nicht verkaufen - sondern verschenken. Und zwar an Familien.


Deutschlandweit kämpfen Dörfer ums Überleben. Denn die jungen Menschen ziehen weg. Es bleiben die Alten, die dem Verfall ihrer Dörfer zusehen müssen. Die Städte boomen, die Dörfer leeren sich. Doch quer durchs Land stemmen sich Gemeinden gegen diesen Trend und versuchen Familien in ihre Dörfer zu locken. Mit Gratis-Grundstücken und sogar Geldgeschenken buhlen sie um neue Bewohner.

Alarmierende Zahlen

Eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass die Bevölkerung in Deutschland schrumpft. In 15 Jahren gibt es mehr als eine halbe Million Einwohner weniger.

Dazu kommt der Boom der Städte. Mit dramatischen Folgen: In Nordrhein-Westfalen erwarten die Experten einen Rückgang der Dorf-Bewohner von bis zu 20 Prozent. "Ich denke, dass es in 20 bis 30 Jahren einige Dörfer in der Tat nicht mehr geben wird - nicht weil man sie abschafft oder umsiedelt, sondern weil sie peu à peu Bevölkerung verlieren", sagt Experte Andreas Klee von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg dem "MDR".

Deutschlands Dörfer entvölkern sich

Vor allem der Osten und die Mitte Deutschlands sind vom Bevölkerungsschwund betroffen, so die Studie. So wird die Bevölkerung um mehr als zehn Prozent in den Gebieten von der tschechischen Grenze bis ins südliche Niedersachsen zurückgehen. Auch Bochum und Wuppertal sind ähnlich hart betroffen. "Von Görlitz bis Gelsenkirchen zieht sich eine Schneise der Entvölkerung durch Deutschland", sagt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung der "Welt". Laut der Bertelsmann Stiftung werde im sächsischen Hoyerswerda, in Bitterfeld-Wolfen und Gräfenhainichen in Sachsen-Anhalt oder im thüringischen Roßleben im Jahr 2030 die Bevölkerung um 26 Prozent schrumpfen.

Geld für neue Bewohner

Um dem Abwärtstrend zu begegnen, sind die Dörfer erfinderisch. Wie die Gemeinde Leidersbach, rund zehn Kilometer südöstlich von Aschaffenburg.

 Dort wurden nicht genutzte Häuser und Baulücken erfasst. Familien, die dort einziehen oder bauen, bekommen von der Gemeinde 4000 Euro. Für jedes Kind legt Leidersbach noch mal 2000 Euro drauf. Insgesamt 10.000 Euro können pro Familie verteilt werden.
In Ottenstein wird Bauland verschenkt. Bislang haben sich 35 Interessenten für die zwölf Baugrundstücke gemeldet. Dabei mussten die neuen Bewohner einige Kriterien erfüllen: Sie durften nicht älter als 40 Jahre alt sein, Familien wurden bevorzugt und der Bau muss binnen von drei Jahren starten.

Kostenloses Bauland

Gratis-Bauland funktioniert allerdings nicht immer. In Steinhorst, rund 25 Kilometer von Celle und rund 50 Kilometer von Wolfsburg entfernt, hat man auch Ackerfläche zu Bauland erklärt. 2,5 Hektar Land sollten als Baugrundstücke verschenkt werden, berichtet der "NDR" - doch nach anfänglichem Interesse, hat bislang nur ein einziger, 62-jähriger Mann gebaut. 

Im Vergleich zu all den Gratis-Grundstücken wirkt der Einfall des oberfränkischen Teuschnitz kurios. Weil um den Ort die gefährdete Pflanze Arnika wächst, baute der Ort eine Arnika-Akademie. Heilkundler und Apotheker können sich dort für Vorträge und Tagungen einmieten. Untergebracht ist sie im nicht mehr genutzten Grundschulgebäude des Ortes. 

Diese Entwicklung will Weiler aus Ottenstein in Niedersachsen seinem Dorf ersparen. "Ich will bei den Menschen Landlust statt Landfrust wecken. Doch der wird immer schlimmer werden, wenn wir die Grundschule schließen müssen."

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