"Haben Überwachung nie gewollt"

31. März 2008, 17:52 Uhr

Der Überwachungsskandal hat Lidl stark getroffen, der Discounter kämpft verzweifelt um sein Image. Nun sollen die bespitzelten Mitarbeiter Einsicht in die Protokolle bekommen. Und erstmals äußerte sich die Unternehmensleitung im Gespräch mit stern.de dazu, warum die Überwachung nicht früher unterbunden wurde.

Der Discounter Lidl will bespitzelten Mitarbeitern Einsicht in die Protokolle gewähren©

Der Lebensmitteldiscounter Lidl will im Überwachungsskandal den Betroffenen Einsicht in die Aufzeichnungen gewähren. Dies teilte das Unternehmen in Neckarsulm bei Heilbronn mit. Es habe seine Mitarbeiter deutschlandweit informiert, in welchen Filialen im vergangenen Jahr Detektive eingesetzt worden seien, um Waren gegen Diebstahl zu sichern. Insgesamt seien Detektive in 219 von über 2.900 Filialen in Deutschland zum Einsatz gekommen. Der stern und stern.de hatten die systematische Bespitzelung von Mitarbeitern aufgedeckt.

Jürgen Kisseberth, Mitglied der Geschäftsleitung und zuständig für Mitarbeiter und Soziales, sagte: "Wir werden weiterhin aufklären und unsere Mitarbeiter offen informieren." Jedem Mitarbeiter einer betroffenen Filiale werde angeboten, die vorhandenen Protokolle einzusehen, um zu erfahren, ob es überhaupt Aufzeichnungen über ihn gebe, und wenn ja, welche. Zuvor sei eine rechtliche Überprüfung dieses Vorgehens erfolgt, um auszuschließen, dass ein Einblick in die vorhandenen Daten rechtswidrig erfolge. Kisseberth sagte der Mitteilung zufolge: "Den Mitarbeitern wird jene Passage vorgelegt, die sich mit ihrer Person beschäftigt. Nur so bekommen die Mitarbeiter letztlich Klarheit, welche Informationen schriftlich festgehalten wurden."

Warum wurde Bespitzelung nicht früher abgestellt

Mit diesen und anderen Maßnahmen kämpft der angeschlagene Discounter um sein Image. Mit ganzseitigen Zeitungsannoncen warb der in Neckarsulm bei Heilbronn ansässige Konzern am Montag um das Vertrauen seiner Mitarbeiter und der Kunden. Erneut bat das Unternehmen für die systematische Überwachung von Mitarbeitern um Entschuldigung. Das Unternehmen habe in bestimmten Filialen Detekteien eingesetzt, um Warendieben auf die Spur zu kommen. In Einzelfällen seien von den Detekteien zusätzliche und teilweise auch persönliche Informationen über Mitarbeiter protokolliert worden - dies sei so nicht gewollt gewesen.

Doch diese Erklärung klingt wenig überzeugend, denn dem stern und stern.de liegen Protokolle aus den Jahren 2004, 2006 und 2007 vor. Das Unternehmen hätte also viel Zeit gehabt, diese Methoden abzustellen. Bislang war das Unternehmen eine Erklärung schuldig geblieben, warum die Bespitzelung von Mitarbeitern nicht früher unterbunden wurde. Nun sagte Jürgen Kisseberth zu stern.de: "Wir sind dezentral organisiert. Wir in der Lidl-Zentrale haben diese Art der Mitarbeiterüberwachung nie gewollt." Die Überwachung sei von den rechtlich selbständigen Regionalgesellschaften in Auftrag gegeben worden. In der Lidl-Zentrale habe bis zur Aufdeckung des Sachverhalts durch den stern und stern.de niemand von den Berichten erfahren, in denen private Details über die Mitarbeiter protokolliert wurden. Man untersuche jetzt, warum bei den verantwortlichen Regionalgesellschafen nicht früher reagiert wurde und wer dafür Verantwortung trägt, sagte Kisseberth.

In den vergangenen Tagen war Lidl wegen des Überwachungsskandals massiv unter Beschuss geraten. Verbraucherschutzminister Horst Seehofer (CSU) äußerte sich kritisch, Grenzen seien überschritten worden. SPD-Generalsekretär Hubertus Heil legte den Verbrauchern sogar einen Boykott von Lidl nahe. In der Lidl-Zentrale in Neckarsulm geht man betont gelassen mit diesen Attacken um: "Das klingt sehr populär und dient womöglich auch deren Profilierung", sagte Kisseberth. Wir beachten diese Kritik, aber geben ihr kein großes Gewicht. Wir bieten den Kritikern vielmehr Gespräche mit uns an, damit wir ihnen unsere Sicht der Dinge schildern können."

Auch die Gewerkschaft Verdi attackierte den Discounter weiter und monierte die Behinderungen bei der Wahl von Betriebsräten bei Lidl. Schon kurz nach Bekanntwerden des Skandals hatte die stellvertretende verdi-Vorsitzende Margret Mönig-Raane im Interview mit stern.de Lidl aufgefordert, mit der Gewerkschaft einen Tarifvertrag über die Gründung von Betriebsräten abzuschließen. Zu diesem Angebot wollte sich Lidl nicht äußern, man rede darüber aber mit den Mitarbeitern. Jedoch behauptete Kisseberth, Lidl habe "noch nie die Gründung von Betriebsräten verhindert. Unsere Mitarbeiter können frei entscheiden".

In den vergangenen Jahren war Lidl wiederholt vorgeworfen worden, die Gründung von Betriebsräten durch massiven Druck auf die Mitarbeiter zu verhindern. Nach Auskunft von verdi bislang erfolgreich, es gibt demnach in den Märkten bislang nur eine Handvoll dieser Angestellten-Vertretungen.

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KOMMENTARE (10 von 27)
 
ecomoc4u (01.04.2008, 22:42 Uhr)
Erst Kamera dann Skandal
Kameras und Spitzel bestellt, aber nicht gewusst und schon garnicht gewollt das die auch arbeiten sollen.
Typisch Manager von Lidl Geschwätz.
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Ich mag Lidl auch nicht, aber ich muss da einkaufen gehen, bei mir ist nix anderes in der Nähe. So ist es auch mit 99% der anderen Käufer.
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Ausserdem kann mir keiner erzählen, das Aldi, Penny, und die meisten anderen nicht das gleiche machen. Das ist wie mit dem Umedikettieren. Erst wenn jemand das mit Kamera festhält, ist es ein Skandal.
Malt (01.04.2008, 09:08 Uhr)
"Haben Überwachung nie gewollt"
Diese Ausreden kennt man doch normalerweise nur von den Schergen gescheiterter Regime!
Ernst1 (01.04.2008, 08:20 Uhr)
Was sagen eigendlich die Detektive dazu?
Das wäre mal interessant. Normalerweise sollte es irgendwo etwas geben, damit die sich absichern können. Könnte man die nicht mal befragen? Das wäre interessant
mister-mister (01.04.2008, 06:56 Uhr)
@otto889
Ich war gestern dort um einige Sachen zu besorgen (halte Kaufboykott für unfair gegenüber den Mitarbeitern).....
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STERN gab es - ja. Aber im Gegensatz zu den anderen Nachrichtenmagazinen SPIEGEL und FOCUS stand er so verdeckt, dass man ihn hätte halb ausgraben müssen....
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Offenheit...??
cklasseking01 (01.04.2008, 00:08 Uhr)
Überaschend
Was mich hier fasziniert, sind Kommentare welche besagen, die Protokolle sind harmlos...
Klar, manche sind als Qualitätskontrolle weiterzuleiten, viele haben damit aber gar nichts zu tun. Private Sachen sollen privat bleiben und gehören nicht weiter geleitet. Ich kenne das, habe auch schon im Verkauf gearbeitet.
Jeder, der hier nichts besonderes findet, möchte ich mal sehen, wie er reagiert, wenn er erfährt daß seine Firma ihn mit Kameras ausspioniert! Wenn ein Protokoll kommt mit "Herr X. geht ab und zu 5 min früher in die Pause" oder " Frau y. hat während der Pause mit ihrer Freundin telefoniert" und deshalb eine Abmahnung oder Kündigung vor der Tür steht! Und gerade im 2. Fall geht das eine Geschäftsleitung überhaupt nichts an!
OTTO889 (31.03.2008, 22:13 Uhr)
Stern bei LIDL
Ich war diese Woche nicht bei LIDL. Was mich interessieren würde: Gab es dort den aktuellen Stern zu kaufen?
Benkku (31.03.2008, 22:12 Uhr)
Die Pest breitet sich aus.
Der gemeine Denunziant ist nichts als eine gemeingefährliche Dumpfbacke. Besonders Koofmichs wissen dessen Charaktereigenschaften zu schätzen. Dafür sind sie bekannt. Ohne seine Bespitzelungsmethoden - seien sie noch so dämlich - fühlen sie sich total im Stich gelassen. Und wieso passen Koofmich und Denunziant überhaupt so gut zusammen? Weil der Koofmich keinen Deut besser sein muß als sein bezahltes Schwein, sind sie beide Verbrecher. Was seine Spitzel auch alles ausspionieren, es dient letztlich seiner Sache. Das System ist genauso gefährlich wie das System, bei dem die Frechheit siegt. Je mehr Menschen bereit sind, sich dem unterzuordnen, desto ungeheuerlicher breitet sich die Pest aus.
Bumpinger (31.03.2008, 21:34 Uhr)
Sicherheitsaufzeichnungen absolut OK!
Wenn eine Firma aus Sicherheitsgründen gegen Ladendiebe Videoüberwachungen macht, und dass den Mitarbeitern nicht passt, können diese ja kündigen. Wenn ich eine Firma hätte, würde es da auch Kameras geben.
leboz (31.03.2008, 21:06 Uhr)
Die Notizen
der "Detektive" im "Stern" zeigen, dass es sich bei den beschriebenen "Beobachtungen" um lauter Banalitäten handelt. Jeder furzt halt mal oder wartet auf die Überweisung seines Geldes auf das Konto. Natürlich ist das so, dass diese "Detektive", weil sie den lieben langen Tag fast nichts zu tun haben, die Mitarbeiter beobachten, wenn diese z.B. in der Nase bohren und dies dann schriftlich niederlegen. Solche "Detektive" gehören einfach entlassen.
mister-mister (31.03.2008, 20:47 Uhr)
Wie so oft.................
..........ist es auch hier so, dass ein Unternehmen erst dann rührt und regt, wenn untragbara Zustände ins Licht der Öffentlichkeit gelangen. Dass die Presse - ob jetzt "stern" oder andere - den Finger in die WUnde legen, ist legitim und gut so.
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Die Aussagen von Herrn Kisseberth sind interessant. Offenbar ist das Ressort Personal aus tiefstem Büroschlaf geweckt worden - wie sonst kann es sein, dass Protokolle "oben" nicht bekannt waren? Wer trägt denn die Verantwortung für eine straffe Kommunikationshierarchie - hallo??
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Sofort geht es in die Richtung: Schuldige suchen, Fingerpointing - halt die übliche Art des Bauernopfers, um nach aussen hin AKtivität und Kompetenz zu zeigen und möglichst schnell wieder die Füsse auf den Tisch legen zu können.
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Nach dem, was bisher in dieser Sache in der Presse, in den unsäglichen Anzeigen und "Sondernewslettern" von Lidl zu lesen war, hat die Hierarchie eklatant versagt und Herr Kisseberth sollte sich durchaus auch fragen lassen, wofür er sein Geld verdient und dass es eine der Kernkompetenzen eines jeden Managements (wenn es diesen Namen verdient) ist, für Transparenz zu sorgen bzw. eine entsprechende Infrastruktur aufzubauen und zu pflegen. Nicht erst wenn ein Redakteur das "so nicht gewollte" - haha und morgen schneit's grün - Material auf den Tisch bekommt.
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Nächster Punkt wäre der Einsatz externer Dienstleister - jeder, in dessen Unternehmen mal Fremdfirmen zugange waren - sei es im Detektiv- oder Consultingbereich - kann ein Lied davon singen, was da oft für ein Müll (für teures Geld) verzapft wird. Die Täter richten Schaden an und sind dann weg - auszubaden hat es im schlimmsten Fall die Belegschaft.
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Also nicht hektisch populistisch nach SChuldigen suchen und halbgare Entschuldigungen in teuren Anzeigen verbraten - die 100fach geschliffenen und schon daher unglaubwürdigen Worthülsen nimmt doch ohnehin kaum jemand ernst - sondern verlorenes Vertrauen (auch bei der Kundschaft) wiedergewinnen! AUch wenn es diesmal - der Presse sei Dank - etwas länger dauern dürfte und mehr Anstrengung kosten wird.
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Der Fisch stinkt IMMER vom Kopf her.
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