Warum verlangen Sie für eine einzige Spritze 1500 Euro?

21. Juni 2008, 10:05 Uhr

Die Kosten eines Medikaments gegen Altersblindheit empören Patienten, Augenärzte und Krankenkassen. Der Deutschland-Chef des Pharmariesen Novartis, Peter Maag, verteidigt sich gegen den Vorwurf der Preistreiberei und der Korruption von Ärzten.

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Peter Maag, 41, kommt von der Unternehmensberatung McKinsey und leitet seit 2006 die deutsche Novartis-Tochter in Nürnberg©

Herr Maag, wie viele Menschen erblinden im Jahr, weil Ihr Medikament Lucentis zu teuer ist?

Jedes Jahr erkranken in Deutschland 50.000 Menschen an einer besonderen Form der Altersblindheit, der feuchten Makuladegeneration. Mit Lucentis haben wir jetzt erstmals ein Medikament zugelassen, das diese große Volkskrankheit angehen kann. Wir haben 22.000 Menschen vor dem Erblinden bewahrt.

Allerdings verlangen Sie für eine einzige Spritze 1500 Euro. Augenärzte sind empört.

Die Entwicklung von Lucentis hat acht Jahre gedauert, und wir hatten auch signifikante Investitionen in dieses Produkt.

Es gibt mit Avastin einen vergleichbaren Wirkstoff, der nur 66 Euro im Jahr kostet. Die Krankenkassen sträuben sich, ihr zigfach teureres Präparat zu bezahlen. Wer als Patient nun Lucentis will, muss das bei den Kassen aufwendig beantragen. Das dauert. In der Zwischenzeit erblinden Patienten, weil sie gar keine Behandlung bekommen.

Das andere Medikament, von dem Sie sprechen, ist ein Darmkrebsmedikament. Es kann nicht sein, dass in Deutschland aus einer Infusionsflasche mehrmals Injektionen abgezapft und dann ins Auge gespritzt werden. Dagegen haben wir mit Lucentis ein zugelassenes Arzneimittel, das erfolgreich ist in der Behandlung der altersbedingten Makuladegeneration.

Genauso erfolgreich ist aber offenbar auch das billigere Avastin. Warum verlangen Sie so viel Geld für Lucentis? Wie kommen Sie auf die 1500 Euro pro Spritze?

Man schaut natürlich, wie wurde diese Behandlung in der Vergangenheit durchgeführt und was sind die therapeutischen Möglichkeiten, die es für diese Krankheit gibt. Dann sehen Sie, dass sich Lucentis preislich durchaus in dem Bereich bewegt, in dem die bisherigen Therapien vergütet wurden.

Das heißt, der Preis für ein neues Medikament orientiert sich nicht an den Forschungsund Entwicklungskosten, sondern an dem, was der Markt hergibt?

Nein, das würde ich so zurückweisen. Richtig ist, dass wir natürlich auch Kosten-Nutzen-Analysen machen und überzeugt sind, dass Lucentis seinen Preis wert ist. Außerdem ist das Darmkrebsmedikament am Auge gar nicht zugelassen.

Weil der Avastin-Hersteller Roche zu einem Drittel Novartis gehört und Sie kein Interesse daran haben, dass Roche eine Zulassung fürs Auge beantragt.

Richtig ist, dass es keine verlässlichen Studien und Daten gibt, bezüglich Wirksamkeit, Dosierung, Verträglichkeit und Nebenwirkungen von Avastin am Auge.

Am Klinikum Bremen Mitte läuft derzeit eine große Studie, in der Lucentis mit Avastin verglichen wird. Wenn sich herausstellt, dass Lucentis nicht besser ist, dann verordnet kein Augenarzt mehr Ihr Präparat.

Die Bremer Studie ist keine, mit der man eine Zulassung beantragen kann. Letztlich geht es hier darum, welche Bedeutung der hohe Sicherheitsstandard eines Arzneimittels verbunden mit der Zulassung noch hat. Diesen Standard sollte man 30 Jahre nach der Contergan-Katastrophe nicht wieder aufgeben.

Die ganze Diskussion gäbe es nicht, wenn Ihr Medikament nicht zigfach teurer wäre. Damit haben Sie alle gegen sich aufgebracht: Krankenkassen, Augenärzte und Politiker.

Ich kann den Preis nicht mit Ihnen diskutieren, weil ich nicht wüsste, wo der Anfang und das Ende wäre. Einer Kosten-Nutzen-Bewertung durch das unabhängige Prüfinstitut IQWiG stehen wir aber positiv gegenüber.

Den Krankenkassen haben Sie einen Deal angeboten: Mit 315 Millionen Euro pro Jahr für Lucentis wären Sie zufrieden, egal, wie viele Patienten behandelt würden.

Ich finde es wirklich spannend, wie schnell einzelne pharmakritische Stimmen diskutiert haben, in welchen Größenordnungen sich eine Lucentis-Vergütung in Deutschland bewegen würde. Nur, um Ihnen eine Vorstellung zu geben: 300 Millionen kostet heute bereits die Behandlung des Grünen Stars in Deutschland. Also eine vergleichbare Größenordnung. Sehr wenige Pharmafirmen haben in der Augenheilkunde tatsächlich noch geforscht. Wenn wir aber wollen, dass Forschung weiter läuft, brauchen wir auch Anreizsysteme.

Sie meinen, weil Sie guten Reibach mit Lucentis machen, motiviert dies andere Firmen, auch in der Augenheilkunde zu forschen?

Nein, das kann man so absolut nicht sagen.

Man kann es auch Pioniergewinn nennen.

Pioniergewinn - das würde ich absolut unterstreichen.

Wären Sie damit einverstanden, dass Pharmafirmen künftig nur noch dann eine Zulassung für ein neues Präparat bekommen, wenn es besser ist als bisherige Präparate?

Zulassungen sind dazu da, die Wirksamkeit, Sicherheit und Verträglichkeit von Arzneimitteln zu bescheinigen. Sie klären nicht, ob das neue Medikament darüber hinaus einen therapeutischen Fortschritt bringt.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 25/2008

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KOMMENTARE (10 von 15)
 
Maria1000 (23.06.2008, 16:18 Uhr)
Dazu passt auch wieder gleich perfekt diese Meldung aus
dem Stern:
"...Privatkassen
Beiträge steigen bis zu 25 Prozent

Preisschock im Gesundheitswesen: Bei der privaten Krankenversicherung stehen 2009 Beitragssteigerungen für Neukunden um bis zu 25 Prozent an. Auch Kassenpatienten werden tiefer in die Tasche greifen müssen. Im Durchschnitt würden neue Tarife bei Arbeitnehmern und Selbstständigen etwa 15 Prozent teurer, heißt es
..."
Maria1000 (23.06.2008, 16:15 Uhr)
@botoxia, wenn DAS das Argument sein soll, dann
kann NOVARTIS das Zeug ja auch für 15 000 Euro verkaufen! Denn auch 15 000 wird dem, ders zahlen kann, sein Augenlicht wert sein!
Darum geht es hier aber NICHT: Es geht darum, dass derselbe "Effekt" auch für 1 Hundertstel des Betrages ERREICHBAR wäre! Aber von der Pharmamaffia VERHINDERT wird!
botoxia (23.06.2008, 11:31 Uhr)
Wäre es mir wert
1500 für ne Spritze gegen Erblinden? Wäre mir mein Augenlicht locker wert.
bayerbienengift (23.06.2008, 09:07 Uhr)
die Krankheit heißt Gesundheitssystem
gleicher Wirkstoff für verschiedenste
Krankheiten. Einmal als Infusion, einmal als Injektion. Ein paar Zusatzstoffe (Centware) werden sich unterscheiden. Einmal für € 66 und einmal für €1500. Helfen tuts nix -egal. Demnächst wird wieder bei Zahnbehandlung gespart um den Profit in die Pharmaindustrie zu lenken. Dafür gibts dann wieder Kohle für die korrupte Entscheidungselite (Politik/Krankenkassen/Ärtzte).
Maria1000 (23.06.2008, 00:09 Uhr)
X.Cube,
sehe ich genau so: Ein einziger Sumpf und Filz, diese Branche.
Maria1000 (23.06.2008, 00:07 Uhr)
Da...
fehlt irgendwie ein Teil meines Satzes in meinem vorherigen Beitrag, der Gesamte wollte wie folgt lauten:
Maria1000 (23.6.2008, 0:05 Uhr)
Pharma = Maffia!
Wie darf ich denn DIESE Aussage des Herrn interpretieren? Dass nur die reine Verpackung in EINZEL-Behälter-Violen statt in Multi-Portionen-Behälter (sicher etwas unhygienisch) den Preis von 66 auf 1.500 Euro erhöht? Sonst NICHTS? Ist DIES also der GRUND? Unglaublich...
ZITAT: "...Das andere Medikament, von dem Sie sprechen, ist ein Darmkrebsmedikament. Es kann nicht sein, dass in Deutschland aus einer Infusionsflasche mehrmals Injektionen abgezapft und dann ins Auge gespritzt werden..."
Maria1000 (23.06.2008, 00:05 Uhr)
Pharma = Maffia!
Wie darf ich denn DIESE Aussage des Herrn interpretieren? Dass nur die reine Verpackung in EINZEL-Behälter-Violen statt in Multi-Portionen-Behälter (sicher etwas unhygienisch) den Ist DIES also der GRUND? Unglaublich...
ZITAT: "...Das andere Medikament, von dem Sie sprechen, ist ein Darmkrebsmedikament. Es kann nicht sein, dass in Deutschland aus einer Infusionsflasche mehrmals Injektionen abgezapft und dann ins Auge gespritzt werden..."
MarthaMuse (22.06.2008, 22:14 Uhr)
Profit
Sicher ist es unschön, dass da eine Behandlung 1500 Euro kosten soll, aber die Vor-Kommentatoren vergessen, dass ein Pharma-Unternehmen keine gemeinnützige Einrichtung ist. Dahinter stehen Aktionäre, die am Ende des Jahres gern einen satten Gewinn einfahren wollen... und auf den wollen sie nicht verzichten, weil Oma Kasulke die Behandlung gern billiger hätte. Das kann man bedauern, aber einen Unternehmer vorzuwerfen, dass er Gewinne machen will, ist naiv. Moralische Einwände sind zwar gut gemeint, aber sie interessieren doch den Aktionär nicht, der Gewinne will.
jens_mander (22.06.2008, 14:23 Uhr)
Die Krankenversicherungen sind nicht minder verlogen
Die Argumente von Novartis sind ja genau diejenigen, die die Kassen immer selbst anführen, wenn es sie Geld kosten würde:
In der Krebsbehandlung, bei Chemotherapien, kommt es regelmäßig vor, daß es zwar gute Belege für die Wirksamkeit auch in Anwendungsbereichen gibt, für die das Medikament keine Zulassung besitzt.
Hier pochen die Kassen dann stets auf die Gesetzeslage und verweigern die Bezahlung solcher Therapien. Eine Lösung dieses Problems läßt schon seit langem auf sich warten und ist anscheinend von den Kassen als auch von der Politik nicht gewollt.
Hier aber, wo sich Geld sparen läßt, haben die Kassen auf einmal nichts dagegen, daß ein Ersatzpräparat angewendet wird, für das es keine Zulassung gibt, ja für das nicht einmal eine kontrollierte Studie existiert, die die Gleichwertigkeit zur zugelassenen Therapie oder überhaupt erst einmal die Wirksamkeit mit der sonst für eine Zulassung erforderlichen Dokumentationsqualität belegt.
Versicherungen und Politik wären um einiges glaubwürdiger, wenn sie sich in Situationen, wo es sie Geld kostet, ebenso pragmatisch zeigen würden.
(Habe ich sinngemäß als Kommentar zu einem anderen Artikel schon einmal ähnlich geschrieben; finde aber, daß man das ruhig öfter sagen kann)
BreadMan (22.06.2008, 06:38 Uhr)
Medizinischer Wohlstand für die...
...die es sich noch werden leisten können. Diese Pharmakonzerne, die sich so gern auf ihre Forschung berufen, haben im vergangenen Jahr bei einer riesigen Zahl neuer Medikamente gerade mal einen Anteil von NEUENTWICKLUNGEN(!) von unter 10 % auf den Markt gebracht. Das heißt, bei über 90% der Medikamente sind die Wirkstoffe entwickelt, getestet und zugelassen. Änderungen ergeben sich an Beimischungen, Konsistenz oder ähnlichem. Und die von Lobbyisten geimpften (um im Thema zu bleiben) Politiker spielen dieses Spiel sehenden Auges mit - in dem Wissen, dass allein die Pharmabranche die öffentlichen Kassen ruiniert mit ihren stetig steigenden Kosten, die eben nicht mit Forschung zu rechtfertigen sind. Aber wer will sich schon gegen Forschung artikulieren, dem Lieblingstotschlagsargument der Pharmariesen. Dieser Wahnsinn ist nicht mehr lange bezahlbar und wenn man sich das mal auf der Zunge zergehen läßt... 1.500 Euro zu 5,50 Euro. Selbst im letzteren Fall verdienen noch immer genug Taschen am Präparat, im ersteren Fall wird die Dividende der Aktionäre aber wahrscheinlich senkrecht durch die Decke gehen. Schöne neue Welt :-( Denn hier regiert wirklich nur noch Geld, Kommerz und Gewinn. Wer sich dagegen äußert, gilt als fortschrittsfeindlich, wenn gleich die Fortschritte der Pharmabranche mal genau auf den Tisch gehören. Traurig...
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