Die chinesische Konterrevolution

9. November 2012, 17:38 Uhr

Die Wirtschaft der Volksrepublik wuchs unaufhaltsam. Doch inzwischen ist klar: Die "China AG" muss neu aufgestellt werden. Dieser Herausforderung muss sich die neue Führung der Kommunisten stellen. Von Thomas Straubhaar

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Selten stehen in China die Produktionsbänder still. Aber wenn der Parteitag der kommunistischen Partei übertragen wird, sind die Arbeiter angehalten, zuzuhören.©

Nach den US-Wahlen steht der Weltpolitik in dieser Woche eine weitere fundamental wichtige Weichenstellung bevor. In China stellt sich die kommunistische Partei neu auf. Amerikas Bevölkerung hat sich für #linkhttp://www.stern.de/politik/ausland/das-beste-kommt-noch-1921930.html,Barack Obama# und damit Kontinuität und eine Fortsetzung der bisherigen Politik entschieden. Anders Chinas Kommunisten. Sie müssen einen Generationenwechsel vollziehen. Er wird mit nichts weniger als einer radikalen Umkehr der Wachstumspolitik der letzten Dekaden verbunden sein. Das wird bedeutsame Rückwirkungen auch für Deutschland haben.

Jahrelang entwickelte sich die chinesische Wirtschaft mit enormer Dynamik. Seit 1978 mit dem Übergang von Mao zu Deng Xiaoping und der Reintegration Chinas in die Weltwirtschaft bis heute lag die durchschnittliche reale jährliche Wachstumsrate bei rund 10 Prozent. Kein anderes Land hat in der jüngeren Vergangenheit auch nur einen annähernd ähnlich stürmischen Aufholprozess geschafft. Die Volksrepublik ist mittlerweile wirtschaftlich auf Augenhöhe mit den USA oder der Eurozone.

Für viele westliche Firmen ist China zum wichtigsten Absatzmarkt geworden. Deutsche Exporteur haben 2011 für 65 Milliarden Euro Güter in die Volksrepublik geliefert. Das Land der Mitte steht hinter Frankreich (101 Milliarden Euro), den USA (74 Milliarden Euro), den Niederlanden (70 Milliarden Euro) und Großbritannien (66 Milliarden Euro) auf Platz fünf der Abnehmer deutscher Waren. Noch wichtiger ist, dass deutsche Unternehmen nicht nur Güter liefern, sondern auch Teile ihrer Wertschöpfung nach China verlagert haben und vor Ort zusammen mit chinesischen Partnern oder Tochterfirmen zusätzliche Leistungen in beträchtlichem Umfange erbringen. Das sichert auch Arbeitsplätze in Deutschland.

Der chinesische Wachstumserfolg der letzten 30 Jahre basierte auf drei Faktoren: billige Arbeitskräfte, billige Energie, billige Umwelt. Folge davon sind dramatische demografische, gesellschaftliche und ökologische Folgekosten. Diese wurden bisher unter dem Deckel gehalten. Nun aber beginnt der Druck der Bevölkerung zu wachsen.

Die Menschen wollen schlicht ein besseres Leben. Schlechte Luft, schmutziges Wasser, die ungebremsten CO2-Emissionen, die rasante Verstädterung mit vielen Slums für die Wanderarbeiter, das enorme Land-Stadt-Gefälle der wirtschaftlichen Entwicklung, die demographische Alterung als Folge einer Einkinder-Familienpolitik, die fehlenden sozialen Sicherungsnetze sowie die grassierende Korruption führen bei der Bevölkerung zu zunehmender Unzufriedenheit.

Keiner der drei Wachstumsfaktoren der Vergangenheit ist nachhaltig. Die Arbeiter wollen mehr verdienen. Energie wird auch in China teurer. Das Umweltbewusstsein wird stärker. Das Geschäftsmodell so billig wie möglich zu produzieren, um auf dem Weltmarkt noch wettbewerbsfähiger zu werden, ist am Ende. Der neuen chinesischen Führung muss eine Umkehr gelingen. Weg von einer umweltbelastenden hin zu einer Ökologie verträglichen Produktion. Weg von sozio-ökonomisch fragwürdigen Verhältnissen hin zu mehr Rücksicht auf die Bedürfnisse von Belegschaften, Wanderarbeitern und der Masse von Landarbeitern im nach wie vor agrarisch geprägten westlichen Hinterland.

Die Grundmodernisierung der "China AG" ist eine heroische Aufgabe für die neuen Machthaber. Nach dem erfolgreichen Aufholprozess steht nun eine Konsolidierung bevor. Gefordert ist eine Konterrevolution: Nach Investitionen, um für den Weltmarkt wettbewerbsfähig zu werden, muss nun der Konsum folgen, um die einheimische Bevölkerung teilhaben zu lassen. Wahrlich keine leichte Aufgabe für ein Land mit mehr als 1,1 und bald schon gegen 1,3 Milliarden Menschen von denen immer noch mehr als 600 Millionen mit wenig mehr als dem aller Nötigsten unter ärmlichen Verhältnissen auf dem Land leben. Deutschland kann nur hoffen, dass es der neuen chinesischen Führung gelingen wird, den so dringend erforderlichen Kurswechsel rechtzeitig zu vollziehen und den Kolatteralschaden gesellschaftlicher und politischer Konflikte zu verhindern, der in der Wirtschaftsgeschichte oft mit derart radikalen Modernisierungsprozessen einherging. Ansonsten würden nicht nur in China die Lichter ausgehen. Auch in vielen deutschen Betrieben müssten als Folge einer chinesischen Krise Produktion und Beschäftigung zurückgefahren werden.

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Thomas Straubhaar ...

… ist Leiter des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) und Professor der Universität Hamburg. Der gebürtige Schweizer, Jahrgang 1957, gehört zu den profiliertesten Volkswirten in Deutschland

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