Es ist ziemlich schwierig, an einen guten Psychotherapeuten zu geraten, sagt der Dresdener Psychologieprofessor Hans-Ulrich Wittchen. Er erklärt, woran man die Qualität erkennt - und wann es Zeit ist, den Behandler zu wechseln.

Prof. Hans-Ulrich Wittchen ist Direktor des Instituts für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der TU Dresden© Jörg Gläscher
Einerseits an zu wenigen Therapeuten, andererseits an mangelhafter Diagnostik und Früherkennung. Depressionen sind ohne gezielte Fragen oft nicht leicht zu erkennen und leider sind diese diagnostischen Fragen nur jedem zweiten Hausarzt geläufig. Aber auch viele Psychotherapeuten sind diesbezüglich nicht auf der Höhe.
Schon die Chance, überhaupt an einen der zirka 20 000 Psychotherapeuten mit monatelangen Wartezeiten zu geraten, ist angesichts von jährlich über acht Millionen betroffener Patienten äußerst gering. Wie viel schwieriger ist es da, an einen guten Therapeuten zu geraten? Mit Ausnahme von Städten mit Ausbildungsinstituten liegt eine massive Unterversorgung vor. Besonders kritisch ist die Lage in den neuen Bundesländern sowie in kleinstädtischen und ländlichen Gebieten. Hier finden wir für Regionen mit 100 000 Einwohnern oft keinen einzigen Psychotherapeuten.
Ein verlässliches Qualitätsmaß gibt es nicht, zumal in der therapeutischen Beziehung persönliche Vorlieben des Patienten eine zentrale Rolle spielen. Aber es gibt zweifellos oft Hinweise auf gravierende Qualitätsmängel. So finden wir selbst bei vermeintlichen Verhaltenstherapeuten immer wieder, dass offensichtlich keine Erklärung der Diagnose und Therapie und keine Aufklärung über die Erkrankung erfolgte, dass keine praktischen Übungen, Hausaufgaben und Veränderungsmessungen dokumentiert sind und keine Abstimmung mit anderen Behandlern erfolgt. Bezeichnenderweise fassen die Patienten eine solche Therapie oft nur lapidar zusammen: "Ich gehe da so einmal pro Woche zur Gesprächstherapie."
Zweifellos ist das Gespräch ein ganz zentrales Werkzeug des Psychotherapeuten. Aber eine fachgerechte Psychotherapie ist nun mal ein geplanter und gezielter Prozess. Und wenn Patienten nach zehn oder 20 Sitzungen immer noch nicht verstehen und benennen können, was in der Therapie passiert, ist dies ein Hinweis für eine schlechte Therapie. Solche erkennt man übrigens auch daran, dass die Behandlungsmappe keine genaue Dokumentation der Inhalte, Ziele und Aufgaben sowie Vorgehensweisen der einzelnen Therapiestunde enthält.
Für viele Therapeuten ist die Therapiedokumentation offensichtlich ein lästiges Übel. Gesicherte Zahlen kenne ich nicht. Aber wenn schon in unseren kontrollierten klinischen Studien der Anteil mangelhafter oder sehr verspätet eintreffender Dokumentationen und Belege über 40 Prozent liegt - wie hoch liegt er erst in der Routineversorgung?
Ich persönlich setze allgemein viel auf die Empfehlungen anderer Patienten; hilfreich können auch folgende Fragen sein: Kann ich mich dem Therapeuten gut anvertrauen, hört er mir zu und macht mir Mut und Hoffnung? Erklärt er mir die Therapieschritte und Übungen? Weiß er in der neuen Stunde immer gleich, was in der letzten geschehen ist und welche Aufgaben er mir für die Zeit dazwischen gegeben hat? Fordert er mich, ohne mich zu überfordern?
In der akuten Depression ist zweimal in der Woche sicher das Minimum. Wenn die Besserung eingetreten ist, kann man die Termine auf einen pro Woche reduzieren, und sie dann bei der Rückfallprophylaxe auf einmal alle 14 Tage oder einmal im Monat strecken. Leider wird das in der Praxis oft nicht eingehalten.
Hier gilt der gleiche Erfahrungswert wie für die Behandlung mit Medikamenten: Wenn nach vier bis fünf Wochen intensiver Therapie noch keine Besserung eingetreten ist, dann sollte die Wahl der Psychotherapie überdacht werden.