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Aktuelles Heft: Willkommen im Leserparlament

"Die Sozialreform ist eine der wichtigsten innenpolitischen Aufgaben." Das sagte schon Bundeskanzler Konrad Adenauer in seiner Regierungserklärung 1953. Vier Jahre später wurde mit den Stimmen von CDU und SPD das Rentengesetz verabschiedet, das seither als "Generationenvertrag" bezeichnet wird und besagt: Die Jungen zahlen für die Alten. Vorher war die Rentenversicherung durch angespartes Kapital gedeckt.

Liebe Stern-Leser!
Die Sozialreform ist eine der wichtigsten innenpolitischen Aufgaben." Das sagte schon Bundeskanzler Konrad Adenauer in seiner Regierungserklärung 1953. Vier Jahre später wurde mit den Stimmen von CDU und SPD das Rentengesetz verabschiedet, das seither als "Generationenvertrag" bezeichnet wird und besagt: Die Jungen zahlen für die Alten. Vorher war die Rentenversicherung durch angespartes Kapital gedeckt.
Den Parlamentariern war damals sehr wohl bewusst, dass bei sinkenden Geburtenraten das System in Schieflage geraten könnte. Adenauer wischte diesen Einwand mit dem Satz vom Tisch: "Kinder kriegen die Leute sowieso."
Für die FDP, die als einzige Partei gegen das Gesetz stimmte, sagte der Fraktionsvorsitzende Max Becker damals: "Wir stellen nicht ohne Bitterkeit fest, dass selbst die Väter dieses Gesetzes mit dem Scheitern rechnen? und damit die letzte Verantwortung einem künftigen Gesetzgeber zuschieben." Genau so ist es gekommen. Seit Ende der sechziger Jahre, als sich der Pillenknick abzeichnete, war auch der Kollaps der Renten- und Krankenversicherung für Fachleute vorhersehbar. Niemand wollte ihre Warnungen hören. Bundesregierungen jedweder Couleur verteilten weiter soziale Wohltaten, Helmut Kohl finanzierte sogar einen Teil der Wiedervereinigung aus den Sozialkassen, und Norbert Blüm schwindelte munter weiter: "Die Rente ist sicher."
Für seine Generation mag das noch stimmen. Die heute 30- bis 50-Jährigen aber stehen vor dem Scherbenhaufen dieser Politik, wie Stern-Reporter Jan Boris Wintzenburg in der Titelgeschichte eindrucksvoll beschreibt. Er hat sich bei den führenden deutschen Volkswirten, Bevölkerungswissenschaftlern und Gerontologen informiert und mit dem Projektteam der Bertelsmann-Stiftung gesprochen, das die Folgen des demografischen Wandels erforscht. Sein Fazit: "Es gibt keinen Krieg der Generationen. Die Alten müssen aber zulassen, dass die Jungen den Sozialstaat so umbauen, dass er auch in 30 Jahren noch finanzierbar ist." Der Bericht beginnt auf Seite 26. Die Reformen, die jetzt diskutiert werden, sind ein Reparaturversuch am maroden System, aber keine grundsätzliche Veränderung. Was also muss passieren? Der Stern will nicht nur kritisieren, sondern auch Alternativen aufzeigen. In einer Serie beschreiben wir, was einige unserer Nachbarn in Europa besser machen und was wir von ihnen lernen können: bei Gesundheit, Rente, Arbeit und Bildung. Wir starten mit den Niederlanden. Stern-Reporter Tilman Gerwien und unser Korrespondent Albert Eikenaar schildern, warum das holländische Gesundheits-System heute weltweit als Vorbild gilt: bezahlbar und mindestens so leistungsfähig wie unseres.
Im Stern-Leserparlament, das wir zu dieser Serie eingeführt haben, können Sie nach jeder Folge über zwei Reformalternativen abstimmen. Diese Woche, beim Thema Gesundheit, lautet die Frage: Bürgerversicherung oder Gesundheitsprämie?
Der komplizierte Stoff wird aufbereitet von Lorenz Wolf-Doettinchem, unserem Sozialexperten im Stern-Hauptstadtbüro. Der Diplom-Volkswirt ist auch gern gesehener Gast in Fernsehrunden wie zuletzt am Sonntag im ARD-Presseclub zum Thema "Jung gegen Alt".
Also: Überlassen Sie die Entscheidung nicht allein den Politikern! Machen Sie mit und stimmen Sie ab, wie Sie in Zukunft leben möchten. Wir werden die Politik mit den Ergebnissen konfrontieren.

Herzlichst Ihr

Thomas Osterkorn

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