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"American Conquest: Divided Nation": Kaputtmonumentalisiert

Weniger ist manchmal mehr: "Divided Nation" führt den Hang der "American Conquest"-Reihe zu Massenschlachten selbst ad absurdum.

CDVs Echtzeitstrategie-Flaggschiffe "Cossacks" und "American Conquest" kommen allmählich in die Jahre. Was anfangs im Vergleich zum Vorbild "Age of Empires" noch beeindrucken konnte, wird nun zum großen Handicap der beiden Serien: Massenschlachten mit mehreren 1.000 Einheiten auf dem Bildschirm locken heute niemanden mehr hinter dem Ofen hervor, insbesondere wenn es die Entwickler anscheinend nicht für nötig befinden, ihre mittlerweile reichlich altbackene und unflexible Grafik-Engine endlich mal ein wenig aufzumöbeln. Während der Spieler versucht, den Ameisenhaufen aus kaum mehr unterscheidbaren Kämpfern zu kontrollieren und sinnvoll einzusetzen, wird jetzt erst richtig offenbar, mit welchen Gameplay-Defiziten der Hang zur Monumentalität erkauft wird.

"Divided Nation" spielt sich im Nordamerika der Jahre 1815 bis 1865 ab und stellt in insgesamt 55 Missionen, die größtenteils in neun Kampagnen zusammengefasst sind, historische Schlachten nach - laut Verpackung mit "atemberaubender Detailtreue": Kleidung, Waffen und Rangabzeichen der Einheiten wurden den tatsächlichen Vorbildern nachempfunden. Mag schon sein, nur sehen kann man das alles nicht. Als Spieler hat man schon in den ersten Szenarien den Eindruck, nur einen unübersehbaren Haufen an stecknadelkopfgroßen Pünktchen über den Bildschirm zu jagen, der zudem nicht selten in Wäldern verschwindet und dort dann kaum mehr zu erkennen ist. Die originalgetreuen Rangabzeichen müsste man vermutlich mit dem Mikroskop suchen ...

Gewaltige Schlachtengemälde auf dem Bildschirm zu inszenieren, wäre ja gut und schön, wenn sich der Spieler an dem Getümmel auch ergötzen könnte. In der Regel sind jedoch auf den Karten derart mächtige Truppenverbände unterwegs, dass der Monitor stets nur einen kleinen Ausschnitt des Ganzen erfassen kann. Das beeinträchtigt nicht nur den optischen Eindruck, sondern nervt auch beim Schlachtenlenken: Als Feldherr ist der Spieler permanent damit beschäftigt, die störrische Karte hin- und herzuscrollen und zwischen den beiden Zoomstufen zu wechseln, um seinen Kämpfern Marsch- und Angriffsbefehle zu erteilen. Mit Strategie hat dieses gigantische Kuddelmuddel nicht mehr viel zu tun.

Und wenn das Spieldesign in den entscheidenden Punkten derartige Schwächen aufweist, kann auch das Drumherum nicht mehr viel retten. Ressourcenbeschaffung und Basisbau spielen in "Divided Nation" eine untergeordnete Rolle und belasten den Spielfluss nicht noch zusätzlich. Es bleibt ohnehin kaum Zeit, sich in dem allgemeinen Gewusel noch richtig mit den Stärken und Schwächen der zahlreichen Einheiten richtig vertraut zu machen - die fünf verschiedenen Schwierigkeitsgrade sind für die Katz'. Bleibt ein ganz netter, stimmungsvoller Soundtrack ...

Immerhin bietet "Divided Nation" die Möglichkeit, auf Zufallskarten mit frei wählbaren Einstellungen zu spielen. Ein komfortabler Point&Click-Editor zum Erstellen eigener Szenarien fällt ebenfalls positiv ins Gewicht. Trotzdem: "Divided Nation" führt vor allem eines vor Augen: Wie viele Fehler eine Schar Designer beim Konzipieren des Gameplays in einem Echtzeitstrategietitel tatsächlich machen kann.

American Conquest: Divided Nation

Hersteller/Vertrieb

Revolution Strategy/CDV

Genre

Strategie

Plattform

PC

Preis

ca. 35 Euro

Altersfreigabe

ab 12 Jahren

Wer gerne in halbwegs zeitgemäßer Aufmachung historisch angehauchte Szenarien durchspielt und dabei Spaß haben will, sollte "Divided Nation" im Regal stehen lassen und lieber zu "Age of Empires 3" greifen.

Herbert Aichinger/Teleschau / TELESCHAU
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