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Adobe-Betatests: Die Kraft der kreativen Kommune

"Photoshop"-Hersteller Adobe will nicht länger alle Arbeit allein machen: In für die Firma bisher unbekanntem Ausmaß dürfen die Nutzer bei der Softwareentwicklung mithelfen - und bekommen zum Dank Rabatt.

Von Karsten Lemm, San Francisco

Wenn die jüngste Version des populären Grafikprogramms Photoshop in diesen Tagen in den Handel kommt, wird es keine Überraschungen geben; die meisten Nutzer wissen längst, was sie erwartet, welche Funktionen hinzugekommen sind, wie sich die Bedienung geändert hat. Viele von ihnen haben sogar schon wochenlang mit dem neuen Photoshop gearbeitet, denn registrierte Nutzer konnten kostenlos eine zeitlich begrenzte Betaversion aus dem Netz laden, um sich das Programm in Ruhe anzuschauen. Gedacht war das in erster Linie, um Apple-Nutzern Gelegenheit zu geben, schon vorab einen Blick auf den ersten Photoshop zu geben, der speziell für Macs mit Intel-Chip entwickelt wurde. In Zukunft aber will der Hersteller Adobe seiner kreativen Anwender-Schar nicht nur die Chance geben, Software frühzeitig auszuprobieren, sondern auch, sie mitzuentwickeln und fortwährend zu verbessern.

"Software wird zu etwas Lebendigem"

"Bei jedem Produktzyklus bauen wir unser privates Betatest-Programm aus", sagt Photoshop-Produktmanager John Nack. "Adobe geht sehr aggressiv dazu über, Informationen lieber früher als später mit den Nutzern zu teilen." Dahinter stehe die Überlegung, dass Software in Zeiten des Internets nichts Starres, in Stein Gemeißeltes sein muss, sondern sich ständig ändern kann - schließlich ist es kein Problem, neue Funktionen und Programm-Erweiterungen als Update durch die Datenleitung zu schicken. "Das alte Modell sah so aus, dass man ein Produkt auf den Markt bringt, das jahrelang im Regal steht", sagt Nack. "Nun bewegen wir uns dahin, dass die Software, die auf dem PC installiert ist, Hand in Hand mit dem Internet arbeitet - damit wird sie zu etwas Lebendigem."

Wer nicht einfach stumme Kunden hat, sondern eine kommunikationsfreudige Fangemeinde, kann obendrein hoffen, vom Trend zu Online-Communitys zu profitieren, in denen die Mitglieder Tipps austauschen und neue Ideen entwickeln. "Software entsteht bisher im Wesentlichen unter Ausschluss der Öffentlichkeit", sagt Nack. Aber das müsse ja nicht so sein. "Das Wissen unserer Nutzer kann für uns sehr hilfreich sein." Bei Photoshop und seinen Schwesterprogrammen aus der "Creative Suite", etwa Illustrator und InDesign, setzt Adobe diese Ideen noch eher zaghaft um. Testballons wie die Seite kuler.adobe.com, auf der Photoshop-Anwender Farbharmonien untereinander austauschen können, sollen Adobe zeigen, wie sich der Großvater unter den Grafikprogrammen am besten mit Web 2.0-Ideen kombinieren lässt.

Rein ins Programm mit der Community

"Stellen Sie sich vor, so etwas wie Kuler wäre direkt in Photoshop integriert", sagt Nack. Dann müsste niemand mehr zum Browser wechseln, sondern die Nutzergemeinde käme im Programm selbst zu Wort - Ähnliches schwebt dem Adobe-Manager auch für die Hilfe-Funktion, Diskussionen in Foren und "Photoshop TV" vor, eine wöchentliche Internet-Video-Show mit Tipps und Tricks zu der Software. "Ziel ist es, Photoshop zu verbessern und der Community mehr Mitsprache zu geben, direkt in Photoshop", sagt Nack. Viel soll dabei über Flash laufen, die Web-Animationssoftware, die ebenfalls Adobe gehört, seit die Firma vor anderthalb Jahren ihren ehemaligen Konkurrenten Macromedia geschluckt hat.

Der muntere Gedankenaustausch, so hofft Adobe, könnte die Kundenbindung erhöhen. Einfach nur Produkte auf den Markt werfen, das war gestern - heute gehe es darum, "Software zu einer Beziehung" zu machen, erklärt Nack. Soll heißen: ständig mit den Nutzern in Kontakt bleiben, zuhören, reagieren. Wie das jenseits der Idealwelt von Marketingparolen funktionieren kann, hat Adobe unlängst bei seinem neuen Fotomanager "Lightroom" ausprobiert: Das Programm, das sich an Profis und ambitionierte Hobbyfotografen wendet, war schon ein Jahr vor seinem offiziellen Debüt im Internet zu finden. Immer wieder stellte Adobe aktualisierte Vorabversionen ins Netz, die jeder kostenlos herunterladen und ohne Einschränkungen ausprobieren konnte.

Lightroom-Entwicklern gingen mehrere Lichter auf

Diese neue Offenheit war nicht zuletzt durch das Debüt von Apples "Aperture" motiviert, ein digitales Fotolabor mit ähnlicher Zielgruppe, das früher auf den Markt kam als Lightroom. Die Beta-Versionen gaben potenziellen Aperture-Käufern Gelegenheit, sich das Konkurrenzprodukt von Adobe anzusehen - und obendrein erfuhr Adobe frühzeitig, wie ihnen Lightroom gefiel. Mehr als eine Million Neugierige probierten Lightroom schon im unfertigen Zustand aus, erzählt der zuständige Produktmanager Tom Hogarty, und weil die Software noch mitten in der Entwicklung steckte, konnten die Programmierer auf viele Kommentare reagieren. "Wir haben das Programm in zahlreichen Punkten auf das Feedback hin geändert", sagt Hogarty. Besonders die Gestaltung der Bedieneroberfläche sei auf das Echo der Ur-Nutzer hin "recht stark verändert" worden, erklärt der Adobe-Manager.

Damit niemand unbegrenzt mit der kostenlosen Software arbeiten kann, enthielten alle Vorabversionen ein eingebautes Verfalldatum. Wer weiterhin mit Lightroom arbeiten will, muss nun zahlen - doch zumindest gibt es einen Rabatt für Früheinsteiger: In Deutschland kostet das Programm noch bis Mitte Juni etwa 200 Euro, anschließend steigt der Preis auf 300 Euro. Die 100 Euro Anfangs-Abschlag seien "ein kleines Geschenk an die Nutzergemeinde" für die Mithilfe beim Entwickeln, sagt Hogarty. So weit sind seine Kollegen in der "Creative Suite"-Abteilung noch nicht: Das Softwarepaket kostet je nach Ausstattung zwischen 999 und 2999 Euro (Updates: 449 bis 2499 Euro).

Schnupperpreise haben Bestseller nicht nötig. Aber zumindest dürfen alle, die so viel Geld zahlen, künftig hoffen, dass ihre Kundenmeinung mehr zählt.

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